Dieter Reiter wird OB-Kandidat der Münchner SPD

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Soll Christians Udes Nachfolger werden: Dieter Reiter.

München - Das Rennen ist entschieden: Der amtierende Wirtschaftsreferent Dieter Reiter tritt als OB-Kandidat der Münchner SPD und damit als möglicher Nachfolger von Christian Ude an.

Man kann Dieter Reiters Ambitionen nicht ganz verstehen. Zumindest dann nicht, wenn man ihn an seinem aktuellen Arbeitsplatz besucht. Man muss viele Treppenstufen hinaufsteigen, bis man in seinem lichtdurchfluteten Büro im 6. Stock des Wirtschaftsreferats steht. Unweit des Stachus thront der Referent über den Dächern Münchens. Seine Post öffnet der Chef im Sommer schon mal auf seiner großzügigen Dachterrasse – dann blickt er auf die Stadt, deren Geschicke er bald leiten will.

Dazu wird Dieter Reiter umziehen müssen. Nicht nur ins Büro des Oberbürgermeisters im zweiten Stock des Rathauses, das deutlich düsterer daherkommt als die luftige Residenz des Referenten. Nein: Reiter und seine Frau müssen auch privat die Kisten packen. Derzeit residiert der Vater dreier erwachsener Kinder noch in Straßlach vor den Toren der Stadt – doch wer Oberbürgermeister werden will, muss innerhalb wohnen. Die Reiters begeben sich also auf Wohnungssuche.

Im Frühjahr 2014 bekommt München einen neuen Oberbürgermeister. Abgesehen von einem äußerst unglücklichen Gastspiel von Erich Kiesl (CSU, 1978-1984) ist die Stadt schon ewig in der Hand der Genossen. Auf Kiesl folgte Georg Kronawitter. Seit 1993, gefühlt aber seit einem halben Jahrhundert heißt der Oberbürgermeister Christian Ude. 2014 werden die Karten neu gemischt – München steht vor der spannendsten Wahl seit dem Duell Ude-Gauweiler 1993: Die in der Stadt besonders starken Grünen rechnen sich erstmals echte Chancen aus. Die Münchner CSU hat sich vom Intrigantenstadl zur ernsthaften Stadtpartei gewandelt. Und in der SPD glaubt man sowieso, einen natürlichen Anspruch auf den Chefsessel im Rathaus zu haben.

Auf Dieter Reiter warten also große Fußstapfen. Doch seinen Kulturschock hat der 53-Jährige schon hinter sich. Wochenlang tingelte er im Frühjahr und Sommer durch die Münchner Ortsvereine. Er besuchte die „Gaststätte Schützenlust“ in Solln, sprach im „Alten Wirt“ in Ramersdorf, sogar im „Wienerwald“ in Forstenried. Das kostet schon ein wenig Überwindung, wenn man nie mit Pinsel und Kleber losgezogen ist, um den Mittleren Ring mit Wahlplakaten zuzupflastern. Tief musste Reiter in die Seele der SPD blicken, mit der er noch heute ein bisschen fremdelt. Das obligatorische Du kam ihm beim nicht immer jugendlichen Publikum nur mühsam über die Lippen. Und auch umgekehrt staunten sie manchmal, wenn ihnen der Referent bei Schnitzel und Bier mit einer Powerpoint-Präsentation Wirtschaftsdaten um die Ohren schlug.

Nein, Dieter Reiter ist kein Kind der SPD-Basis. „Wenn ich ehrlich bin, kenne ich ihn gar nicht so gut“, gibt der langjährige Stadtvorsitzende Franz Maget ganz offen zu. Dann schiebt er nach: „Diese Antwort werden sie von vielen in der SPD bekommen.“ Umso bemerkenswerter ist es, wie schnell Reiter die Mitglieder überzeugt hat. Noch im Sommer hegte er selbst Bedenken, ob er gegen die Konkurrenten Alexander Reissl und Brigitte Meier – seit Jahren in Ortsvereinen und Bezirksausschüssen aktiv – bestehen könne. Doch von Abend zu Abend verbesserte sich seine Laune. Bis zu drei Stunden fragten ihm die Mitglieder Löcher in den Bauch. Irgendwann ließ er die Powerpoint-Präsentation zu Hause – und sprach auf Augenhöhe mit denen, die nun seine Wahlkampfplakate kleben sollen. „Sie haben mir nie das Gefühl gegeben, der Außenseiter zu sein, der sich in ein Amt zwängt“, sagt Reiter heute. Er klingt noch immer ein wenig überrascht.

Dieter Reiter hat eigentlich keine politische Karriere geplant. Das haben andere für ihn erledigt. Christian Ude jedenfalls berichtet, dass ihm der junge Mitarbeiter in der Kämmerei schon sehr früh aufgefallen sei. „Schnell, effizient und sachkundig“ sei der junge persönliche Referent des damaligen Kämmerers gewesen. Aufmerksam verfolgte Ude den Werdegang des Diplom-Verwaltungswirts, der 1982 als einfacher Sachbearbeiter in der Kämmerei angefangen hatte. Posteingang, Steuerbescheid bearbeiten, Postausgang. Noch mit Ende 20 stieg Reiter zum Abteilungsleiter auf – und so ging es weiter bis zum Stadtdirektor und stellvertretenden Stadtkämmerer. Geriet der Aufstieg ins Stocken, half der OB auch mal nach.

Der entscheidende Schritt kam 2008: Ude fragte seinen stellvertretenden Kämmerer, ob er sich für den Posten des Wirtschaftsreferenten interessiere. Schon damals kursierten Spekulationen über Reiter als Ude-Nachfolger, doch der frischgebackene Referent wimmelte erst einmal ab: „Für das Amt des OB werden sie jemanden anderes finden müssen.“ Das Zitat spiegelte keineswegs nur Understatement wider (Herr Reiter weiß seine Ansprüche durchaus zu artikulieren) – nein, im Jahr 2008 hieß der Favorit Udes noch anders: Julian Nida-Rümelin.

„Ich habe meinen Nachfolger schon im Auge“, sagte Ude auf entsprechende Fragen damals gerne. Heute kennt man die Wahrheit: Ude hatte mehrere Kandidaten im Auge. Franz Maget war eigentlich immer der Mann, der das Amt ohne lange Vorwarnung übernehmen konnte. Doch schon seit der Jahrtausendwende suchte Ude jüngere Alternativen: So nahm er seinen Kulturreferenten Julian Nida-Rümelin ins Visier. Der ging erst einmal nach Berlin, kehrte ein paar Jahre später als Universitätsprofessor nach München zurück und galt dann parteiintern lange als wahrscheinlichste Variante. Doch im Frühjahr 2010 verhedderte sich der Schöngeist im politischen Gestrüpp: Rasch wurde ihm vorgeworfen, dass seine Kandidatur als Präsident der Ludwig-Maximilians-Universität vor allem als Sprungbrett zur OB-Kandidatur dienen sollte. Bei den Herrn Professoren kam das gar nicht gut an. Nida-Rümelin fiel durch, kurz darauf gab er auch seine OB-Ambitionen auf. Zeit für Udes Plan B.

Der Plan B hatte inzwischen sein schönes Büro bezogen. Dort verbrachte Reiter nicht allzuviel Zeit auf seiner Dachterrasse, sondern bewies seinem OB, dass er nicht nur ein fröhlicher und humorvoller Zeitgenosse ist, sondern auch Konflikten nicht aus dem Weg geht. Sogar Kurt Mühlhäuser bekam das zu spüren, der als Chef der Stadtwerke eigentlich als unantastbar gilt. Reiter aber machte ihm klar, dass man auch als Chef eines städtischen Unternehmens an Stadtratssitzungen teilzunehmen hat – und nicht nur Vertreter schickt. Seitdem kommt Mühlhäuser wieder brav in die Sitzungen und erstattet Bericht. Sowas kommt nicht nur beim OB an, sondern auch in der Verwaltung.

Mit dieser natürlichen Autorität hat es Reiter weit gebracht. Als erster der SPD-Kandidaten wagte er sich aus der Deckung: „Ich würde gerne OB werden“, lautete die Überschrift des Interviews, das am 22. Januar dieses Jahres in unserer Zeitung erschien. Die Genossen reagierten wenig begeistert ob des forschen Auftretens, doch Reiter stand zu seiner Meinung, argumentierte, überzeugte – und begab sich auf die Ochsentour durch die Ortsverbände.

Christian Ude sah zu und schwieg vielsagend. Mit ihm war alles abgesprochen. Schon im Sommer 2010, die Münchner Presse hatte Reiter gerade zum Geheimfavoriten ausgerufen, sprach er den Referenten an. Ob er sich eine Kandidatur vorstellen könne? Reiter konnte – und seitdem erschien der Wirtschaftsreferent auffallend oft an der Seite des Oberbürgermeisters. Beispielsweise 2010 beim historischen Umzug zur Jubiläumswiesn.

Frage nach dem Rückhalt der Fraktion

Überhaupt, die Wiesn: Sie ist ein schönes Beispiel dafür, wie strategisch Reiter seinen Weg ins Rathaus plant. Als Wirtschaftsreferent ist er eigentlich der Chef von Tourismuschefin Gabriele Weishäupl, die mit der Organisation des Oktoberfests betraut ist. Hinter der forschen Frau Doktor, seit 25 Jahren das Gesicht der Wiesn, waren die Wirtschaftsreferenten meist kaum zu sehen. Reiter dagegen nahm medienwirksam den Kampf mit dem nicht überall beliebten Hippodrom-Wirt Sepp Krätz auf. Und als Weishäupl, die Ende Februar 65 wird, um eine Verlängerung ihrer Amtszeit bat, lehnte Reiter dankend ab: Im September 2012 wird er das Gesicht der Wiesn sein – und kann sich den Münchnern schon mal als heimlicher OB präsentieren.

Der Amtsinhaber wird’s gnädig gestatten. „Dieter Reiter beweist auf der Wiesn, dass er das Münchner Lebensgefühl versteht“, sagt Ude, der ansonsten eher nüchterne Argumente für seinen Wunschkandidaten findet: Wirtschaftskompetenz, Finanzerfahrung und langjährige Übung im Führen eines großen Beamtenapparates. Auch Franz Maget hat sich Reiter inzwischen natürlich genauer angesehen. „Sehr kompetent, sehr sympathisch, sehr solide“, sagt er zufrieden. Das mit dem Stallgeruch sei gar nicht so wichtig.

Doch es bleibt die Frage, ob Reiter seine Partei im Ernstfall wirklich hinter sich vereinen kann. Josef Schmid kann da eine Geschichte erzählten. Es ist keine allzu freundliche Gesichte, was nicht überrascht, schließlich will Schmid 2014 als CSU-Kandidat gegen Reiter antreten. Gleich in einer seiner ersten Sitzungen habe der Wirtschaftsreferent sechs neue Stellen beantragt: Er wollte eine Anlaufstelle für Münchner Unternehmen bei Problemen in EU-Angelegenheiten schaffen. Die rot-grüne Mehrheit strich Reiter den Plan zusammen, erst mithilfe der CSU habe der Referent sein Vorhaben durchbekommen, erinnert sich Schmid. „Da stellt sich schon die Frage nach dem Rückhalt in der Fraktion.“

Die eigentliche Frage ist aber, wie groß 2014 der Rückhalt der SPD in der Münchner Bevölkerung ist. Welche Auswirkungen hat die Landtagswahl 2013? Dieter Reiter hat mit schlechten Wahlergebnissen schon Erfahrungen gemacht. 2008 kandidierte er für den Straßlacher Gemeinderat – auf dem bombensicheren Platz 2. Am Wahltag bekamen die Genossen nur einen einzigen Mandatsträger in den Rat.

Jetzt zieht Reiter eben nach München um.

Von Mike Schier

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