Die tz hat sich umgehört

Rente mit 70? Das sagen Münchner

München - Große Diskussion über den Plan von Arbeitsagentur-Chef Weise: Was ist von der Rente mit 70 zu halten? Die tz hat sich in München umgehört.

Die Menschen werden immer älter, die Senioren sind immer fitter. Gleichzeitig sinkt die Rente und die Altersarmut steigt. Und in vielen Branchen droht ein dramatischer Fachkräftemangel. Warum also nicht bis 70 arbeiten? Das schlägt Deutschlands oberster Arbeitsvermittler vor, Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit. Auch die älteren Münchner Angestellten diskutieren: Ist das eine gute Idee für Freiwillige oder doch nur der Einstieg in ein noch längeres Arbeitsleben – Schuften bis zum Umfallen?

Wer will und kann, darf schon heute im Rentenalter arbeiten. Bundesagentur-Chef Weise will diese Senior-Beschäftigten zusätzlich mit einem Renten-Plus fördern. „Man sollte Anreize dafür setzen, dass Arbeitnehmer, die fit sind, freiwillig bis 70 arbeiten können“, sagt er. Für einen der fünf Wirtschaftsweisen, den Freiburger Professor Lars P. Feld, wäre das nur der Anfang: „Der nächste große Schritt ist eine Ausweitung des Renteneintrittsalters über die 67 hinaus!“

Nach einer Studie müssten in den nächsten 15 Jahren in 139 Berufen mehr als zwei Millionen Beschäftigte ersetzt werden – vor allem in der Krankenpflege und bei den Kraftfahrern.

Aus der Union bekommt Weise Zustimmung. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) will nicht nur auf ältere Arbeitnehmer setzen, sondern auch Frauen, Ungelernte und Menschen mit Behinderung besser fördern.

Die Münchner sind unentschieden. Die tz hat sich in der Fußgängerzone umgehört: Die meisten älteren Angestellten schütteln nur den Kopf. Sie fiebern dem Ruhestand entgegen und freuen sich, wenn der Wecker sie nicht mehr jeden Morgen aus den Federn reißt. Aber sie haben auch Kollegen, die sich ein Leben ohne Job gar nicht vorstellen mögen und die ein Renten-Extra gut gebrauchen können. Wir lassen beide Seiten zu Wort kommen.

David Costanzo

 

Pro

Herrenbekleidung, das ist sein Leben: Peter Sick van Hees (58) will sich einen Ruhestand ohne edlen Zwirn gar nicht vorstellen. Arbeiten mit 70? „Na klar – wenn die Gesundheit mitmacht und die Anreize vom Staat gut sind“, sagt der Verkäufer bei Hirmer. „So könnte ich auch meine Rente noch ein bissl aufbessern.“

Peter Sick van Hees hatte bislang ein wechselhaftes Arbeitsleben. Er war schon volljährig, als er in die Lehre bei einem Kaufhaus-Konzern ging. Er wird Abteilungs- und Bereichsleiter. Schließlich übernahm er eine Maßschneiderei in der Brienner Straße. Vor zehn Jahren musste er zusperren. Er blieb zu Hause und kümmerte sich um seine drei Töchter.

Jetzt hat er bei Hirmer eine Heimat gefunden. Das sei ein Glück, obwohl er mit 58 schon ein wortwörtlich „hohes Alter“ habe. „Man merkt, dass es ein Familienunternehmen ist“, schwärmt der Verkäufer – mal geht es mit Kollegen zum Skifahren, mal auf ein Bier. „Die Unterstützung der oberen Riege ist einfach fantastisch.“ Er hat einen Kollegen, der selbst mit 75 noch aushilft!

Leichter wird die Arbeit im Alter nicht: Manche würden krank, man müsse wegen der neuen Schnitte stets auf der Höhe der Zeit bleiben und der Samstag sei der wichtigste Arbeitstag. „Darauf haben viele jungen Leute keine Lust“, sagt Peter Sick van Hees. Für ihn ist das völlig unvorstellbar.

Kontra

Das Leben genießen, Kreuzfahrt, frei sein: So stellt sich Ingrid Burzlaff (61) ihren Ruhestand vor. „Ich will auf keinen Fall bis 70 arbeiten!“ Übernächste Woche feiert sie Geburtstag, dann liegen noch dreieinhalb Jahre vor ihr – Rente ab Sommer 2018! Die Verkäuferin beim Traditionsgeschäft Leder Fischer ist schockiert über den Vorschlag der freiwilligen Rente mit 70. „Früher hat dich doch mit 50 schon niemand mehr genommen“, sagt sie. „Da sind ganz viele in Hartz IV gerutscht.“

Sie nimmt sich viel Zeit für die Beratung der Kunden und sie mag ihren Job. Ingrid Burzlaff kann sich deshalb gut vorstellen, später einmal vielleicht einen Tag die Woche zu arbeiten. Wenn am Samstag die Kunden die Fußgängerzone stürmen, helfen schon jetzt viele Kolleginnen im Rentenalter aus. Aber Vollzeit? Sie sagt: „Finanziell habe ich zum Glück keine Probleme.“

Mit 14 hat sie die Lehre angefangen. Nur weil sie ein paar Jahre selbstständig war, verpasst sie die neue Frührente mit 63 knapp. Die Jahrzehnte hinterlassen ihre Spuren. Verkäuferin sein, heißt vor allem: Stehen – praktisch den ganzen Tag. Burzlaff hat immer ein Paar Schuhe zum Wechseln dabei, damit sich der Druck auf die Füße über den Tag verteilt. „Jetzt bin ich noch fit“, sagt sie. Aber wer weiß, wie es mit 70 ausschaut? Sie winkt ab: „Mein Arbeitsleben ist vorüber.“

Rubriklistenbild: © Götzfried

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