Wer hat ihm das angetan?

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Schwer verletzt: John G. (85)

München - Die Augen lila verschwollen, um den Kopf einen dicken Verband – so liegt John G. (85) da und versucht trotz seiner Schmerzen tapfer zu lächeln. Wer hat dem Mann das angetan?

Diese Frage versucht die Unfallfluchtfahndung der Münchner Polizei, nun zu klären. Blutüberströmt wurde John G. am Dienstag gegen 19.45 Uhr auf Höhe der Ludwigsfelder Straße 174 am Straßenrand gefunden. Wahrscheinlich wurde er vom Spiegel eines vorbeifahrenden Lkw am Kopf getroffen. Die Polizei setzt alles daran, das Fahrzeug und den Fahrer zu finden und bittet um Hinweise. John G. verließ bereits als junger Mann München und wanderte nach Kanada aus. Er hielt jedoch immer Verbindungen in die Heimat und kam auch manchmal zu Besuch – so wie in diesen Tagen. Am Dienstag lieh er sich von Bekannten einen Toyota Avensis und fuhr hinaus zu dem Grundstück an der Ludwigsfelder Straße in Allach, um dort nach dem Rechten zu sehen. Auf dem Rückweg wollte er noch einen Anwohner aufsuchen, lief zwischen Zaun und Straße stadteinwärts dem Verkehr entgegen. Er kam nur etwa 30 Meter weit...

Um 19.45 Uhr sah eine Autofahrerin am Straßenrand eine komische Bewegung. Da lag ein Mann im Gras! Er winkte hilfesuchend. Sie hielt sofort an und fand so den blutüberströmten John G.

Hier auf diesem Grünstreifen neben der Ludwigsfelder Straße Richtung Allach hat Betonmischer-Fahrer Thomas B. (30, Name geändert) den schwer verletzten, hilflosen Mann aufgefunden. Der Unfallfahrer hatte diesen einfach liegengelassen

Im benachbarten Betonwerk will Mischerfahrer Thomas B. (30; Name geändert) gerade Feierabend machen, als die aufgelöste Frau mit ihrem Wagen aufs Gelände braust. „Sie rief, dass da ein verletzter Mann im Graben liegt und winkend um Hilfe ruft.“ Als Thomas B. dort ankommt, erschrickt er: Überall Blut! „Der Mann hatte eine riesige klaffende Wunde am Kopf, die er sich immer gehalten hat. Er wirkte sehr benommen.“ Der Verletzte habe immer gestöhnt: „Ich bin überfahren worden.“ Der Mischerfahrer ruft sofort Polizei und Notarzt. Am Tag danach sagt er: „Das hätte ganz schlimm ausgehen können. Wenn es noch dunkler geworden wäre, hätte ihn vielleicht keiner entdeckt und er wäre verblutet. Jetzt hoffe ich nur, dass er ganz gesund wird und die Polizei den Fahrer bald findet.“ Die Ärzte diagnostizieren in der Klinik ein Schädel-Hirn-Trauma, Hämatome hinter den Augen und einen tiefen Schnitt an der rechten Stirnseite, der einer Teilskalpierung gleich kommt. Nach einem kurzfristigen Blackout kehrte John G.s Erinnerung langsam wieder zurück. So konnte er den Unfallfluchtfahndern Harald Eichstetter und Harald Heinz zumindest in Teilen erzählen, was geschehen war. Eichstetter: „Wir gehen davon aus, dass John G. nur wenige Minuten dort gelegen hat.“ Im Grünstreifen wurden frische Reifenspuren eines Lkw gesichert, der zu weit nach rechts geraten war. „Der rechte Außenspiegel müsste beschädigt oder verbogen sein.“ Die Unfallfluchtfahnder (Tel. 089/6216-3322) bitten Firmen bzw. Werkstätten um Hinweise. „Es ist durchaus möglich, dass der Fahrer den Unfall nicht bemerkt hat. Wenn er sich jetzt freiwillig meldet, kann man vermutlich von einem Verfahren wegen Unfallflucht absehen.“

Dorita Plange und Nina Bautz

Unfall: Jeder Vierte haut ab:  12 594 Fahrer flüchteten 2010 – die Hälfte wird später ermittelt

Vor dem Gesetz ist Unfallflucht lediglich ein Vergehens­tatbestand, der je nach Ausprägung aber durchaus mit hohen Geld- und Gefängnisstrafen, sowie Führerscheinentzug und Punkten geahndet wird. Die Opfer jedoch leiden oft ein Leben lang unter den schwerwiegenden Unfallfolgen und dem schrecklichen Gefühl, im Zustand totaler Hilflosigkeit im Stich gelassen worden zu sein. Solche Fälle jedoch sind glücklicherweise selten. Sehr viel häufiger haben es die 40 Unfallfluchtfahnder der Münchner Polizei mit rüden Park-Remplern oder abgefahrenen Spiegeln zu tun. Um die Moral bei solch vermeintlich harmlosen Missgeschicken steht es nicht gut. Seit Jahren stagniert die Zahl der geflohenen Unfallfahrer auf hohem Niveau. Von den im Jahr 2010 registrierten 46 684 Verkehrsunfällen machten sich 12 594 Verursacher heimlich aus dem Staub. Das bedeutet: Etwa jeder Vierte haut nach einem Unfall ab! Sie alle seien gewarnt: Jeder Zweite wird nachträglich ermittelt. Und dann wird’s richtig teuer.

Dorita Plange

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