Rentner-Wut auf verarmte Ingrid Steeger

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Ingrid Steeger wurde durch die Sendung "Klimbim" bekannt

München - Es ist die pure Empörung. Anrufe, E-Mails, Faxe. Münchner Rentner rechnen der tz vor, dass sie auch nicht mehr Geld zum Leben haben als Ulk- und Sexnudel Ingrid Steeger (63).

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Ingrid Steeger völlig verarmt

Diese bezieht 395 Euro vom Amt, nebst Miete für ihre Einzimmerwohnung in Schwabing, Stromgeld und Mehrbedarf für Ernährung wegen schwerer Krankheit. Nur mit dem Unterschied, dass Ingrid Steeger öffentlich in Exklusiv-Interviews und Talkshows ihre Situation beklagt und dafür nicht an Fabrikbändern stehen oder putzen gehen musste. Und dass sie sich in guten Zeiten jede Eskapade leisten konnte: Männer, Partys, Luxushotels und teure Klamotten. Sie gab ihr Geld mit vollen Händen aus.

Wilhelm (69) und Margot ­Montag (73) hätten in ihrem Leben auch gern einmal so einen Tag aus dem Vollen erlebt. Er war gelernter Wäscher und Glätter, später Magazinverwalter, sie Blumenbinderin. Gemeinsam haben sie sechs Kinder. Um über die Runden zu kommen und die Kinder ordentlich angezogen auf die Straße schicken zu können, musste Wilhelm Montag neben seinem Hauptberuf noch als Fahrer arbeiten oder ist bei der Caritas putzen gegangen.

Nach 49 Jahren „buckeln“ („Ich war keinen Tag arbeitslos“) ist Wilhelm Montag heute körperlich am Ende – eine schwere Operation und auch die Enge der Lebenssituation machen ihm zu schaffen. Seine Frau Margot kann seit einem schweren Unfall vor fünf Jahren kaum noch gehen – sie ist zu 80 Prozent schwerbehindert. Und die gemeinsame Rente von 1250 Euro reicht nur fürs Nötigste: 550 Euro Miete für die 56 Quadratmeter große Wohnung in Giesing, 65 Euro Strom, dazu Telefon, Medikamente. Wenn das alte Auto demnächst seinen Geist aufgibt, wird’s kein anderes mehr geben.

„Wir sind schon seit Jahren nicht mehr ausgegangen – mal zum Essen. Ganz abgesehen von einem Urlaub. Der letzte ist mindestens 15 Jahre her.“ Dabei ermahnt der Arzt den psychisch angeschlagenen Wilhelm Montag immer wieder, mal rauszugehen, etwas zu unternehmen. Aber mehr als Spaziergänge sind letztlich nicht drin. „Seit wir nicht mehr so einladen und auftischen können, haben sich auch unsere Freunde zurückgezogen.“

Armut macht einsam. Das Glück der Montags liegt einzig in ihrer Wohnung, die sie sich gemütlich eingerichtet haben und auf dem Balkon, der jede Ferienreise ersetzen muss.

„Frau Steeger bleiben 395 Euro zum Leben. Wenn sie die Heizung aufdreht, muss sie nicht daran denken, was das kostet. Und jetzt wandert sie von Talkshow zu Talkshow und bekommt dafür auch noch Geld“, empört sich Margot Montag. „Diese Leute haben doch in Saus und Braus gelebt! Soll sie halt auch mal Putzen gehen. Uns gibt doch auch keiner was oder fragt, wie wir uns durchschlagen.“

Margot und Wilhelm Montag sind stocksauer. Herbert Klein – Rentenbezieher nach 47 Jahren Erwerbstätigkeit auch. Er schrieb der tz-Redaktion. Und er regt sich darüber auf, dass Ingrid Steeger, als sie noch gut verdiente, nie einen Gedanken an die Zukunft verschwendet habe. Jetzt würden ihr die Wohnung und die 395 Euro zum Leben einfach so bezahlt. „Das Geld muss doch auch erst einmal von fleißigen Bürgern erwirtschaftet werden.“ Und: „Dafür hat man jetzt die Besteuerung der Renten entdeckt“, schimpft Klein.

Immerhin sieht Ingrid Steeger ein, dass sie selbst Schuld an ihrer Situation hat. „ Ich habe immer nur Geld ausgegeben. Ich dachte nicht im Traum daran, dass ich eines Tages plötzlich nichts mehr verdienen könnte“, sagte sie gegenüber der Bild-Zeitung, der sie sich wie Bekannte von ihr berichten, gegen ein Honorar anvertraute. Exklusiv also beklagte sie: „Dieser soziale Abstieg war für mich das Schlimmste, was mir je widerfahren ist.“ Und: „Ich möchte einfach nur glücklich sein.“ Aber das möchten Wilhelm und Margot Montag auch. Einfach glücklich sein. Und jetzt, wo es kalt ist, einfach mal die Heizung aufdrehen können, ­ohne an die Kosten dafür zu denken.

US

Zahl armer Senioren wird sich bis 2020 verdoppeln

Armut gibt es auch München. 178 000 Bürger sind laut offizieller Definition davon betroffen. Das heißt, 13,4 Prozent der Bevölkerung steht weniger als 60 Prozent des nationalen Durchschnitts-Nettoeinkommens (810 Euro) zur Verfügung. Besonders betroffen sind alleinerziehende Frauen, Menschen mit geringer Schulbildung und Menschen mit Sprachbarrieren. Sorgen macht Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD) nicht zuletzt der Anstieg der Altersarmut.

Rund 100 000 Münchner erhalten Unterstützung aus Steuergeldern: Grundsicherung für Arbeitsuchende (Arbeitslosengeld II, Sozialgeld) Sozialhilfe (z.B. Hilfe zum Lebensunterhalt, Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung) sowie Wohngeld (Mietzuschuss nach bestimmten Kriterien).

Die Höhe des Regelsatzes liegt bei 359 Euro (Ein-Personen-Haushalt). Münchner Sozialhilfeempfänger bekommen 384 Euro. Für diese ca. 17 000 Personen durfte der Stadtrat den Aufschlag von 25 Euro beschließen. Die 75 000 Münchner Langzeitarbeitslosen müssen sich hingegen mit dem bundesweit geltenden Hartz IV-Satz zufrieden geben. Ab Januar 2011 gesteht ihnen Schwarz-Gelb in Berlin 5 Euro mehr zu. Die Miete (bis zu einer bestimmten Obergrenze) wird für Sozialhilfe- und Hartz IV-Empfänger übernommen. Bedenklich ist der Prozentsatz der Aufstocker: 23 Prozent der erwerbsfähigen Hilfeberechtigten haben einen Job, können aber nicht davon leben.

20 000 Kinder bis 14 bekommen Sozialgeld. Für bis Sechsjährige erhalten die Eltern 215 Euro im Monat, für Sechs- bis 14-Jährige 251 Euro. Das Kindergeld wird voll angerechnet. Wie hoch der vieldiskutierte Bildungszuschuss sein soll, und wie er ausgezahlt werden soll, ist noch unklar. Die Zahl der armen Senioren lag Ende 2009 bei 10 700, Ende 2011 werden es fast 2000 Menschen mehr sein. Bis 2020 rechnet das Sozialreferat mit ca. 24 000 armen Bürgern über 65!

bw.

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