Das Riesengeschäft mit der Internet-Pizza

Jitse Groen

München - Immer mehr Münchner bestellen Speisen im Internet - nun drängt ein weiterer Anbieter auf den hart umkämpften Markt.

Wer abends Hunger hat, aber nicht kochen kann oder mag - der bestellt Pizza. Singles oder Doppelverdiener, Arbeitskreise, Familien, Fußballfans: Immer mehr Münchner ordern fertige Speisen. Nicht nur Pizza, auch Thai, Türkisch, Sushi. Die Zahl der Lieferdienste wächst. Und es wächst die Zahl derer, die nicht die Telefonnummern auf den bunten Flugblättern wählen - sondern übers Internet bestellen.

Das ist das Geschäft von Jitse Groen. Der 33-Jährige ist einer der drei erfolgreichsten Internet-Unternehmer der Niederlande. Er ist einer der Großen der Branche - nur noch nicht in Deutschland. Das will er jetzt werden: mit dem Internetportal Lieferservice.de. Während er in einem Schwabinger Cafe einen Cappuccino nach dem anderen trinkt, erzählt er in bestem Deutsch seine Erfolgsgeschichte.

Die begann im Jahr 2000, als er noch Wirtschaftsinformatik studierte: „Es war spät bei einem Familienfest, wir bekamen Hunger’’, erzählt er. Niemand wusste einen Lieferdienst. Da entstand die Idee, eine zentrale Bestellplattform fürs Internet zu entwickeln. Er legte los - in Zeiten, da es noch kein Breitband-Internet gab, sondern nur umständliche Modem-Verbindungen.

2003 hatte er die Niederlande erobert. Mit dem Geld, das er dort verdiente, baute er in zehn weiteren europäischen Ländern regionale Ableger der Muttergesellschaft Take-away.com auf. Sein Imperium expandiert stetig. 130 Mitarbeiter hat Groen bereits, die Firma sitzt im westfälischen Gronau an der Grenze zu Holland. Seinen größten Coup hat er gerade begonnen: den deutschen Markt aufzumischen.

Eigentlich gibt es Lieferservice.de schon seit 2008 - neben weiteren Portalen wie Pizza.de, Lieferheld.de und Lieferando.de. Alle funktionieren nach dem gleichen Modell: Der Nutzer gibt seine Postleitzahl ein, dann zeigt die Internetseite alle umliegenden Lieferdienste an - etwa „Call a Pizza“, doch auch kleinere wie „Sushi Jil & Wok“ oder „Samrat Heimservice“. Er wählt einen aus und auf dessen Speisekarte per Mausklick sein Gericht. So findet man immer den, der in der Nähe ist und geöffnet hat, alle Küchenrichtungen, und man kann Bewertungen der Lokale lesen. Es profitiert der Hungrige - und das Restaurant, das kocht und liefert: Die meisten Lieferservices schließen sich mehreren Internetportalen an, weil sie ihnen neue Kundengruppen eröffnen. Dafür treten sie acht bis zehn Prozent des Bestellwerts als Provision an die Portale ab.

So jung diese Branche ist, so viel Potenzial wird ihr vorausgesagt. Als erstes wurde 2007 Pizza.de gegründet. Richtig Bewegung in den deutschen Markt kam mit den Gründungen von Lieferando (2009) und Lieferheld (2010). Der nächste Schub, glaubt Groen, stehe bevor. Darum will er jetzt mit Lieferservice.de durchstarten.

Das heißt: Er macht Werbung. Massiv. Seit kurzem laufen Fernsehspots, die er mit den 13 Millionen Euro finanziert, die ihm der niederländische Investor Prime Ventures zugesteckt hat. Groen will viel: „Die Nummer zwei in Deutschland zu sein wäre okay.“ Und er sagt: „Unser größter Konkurrent ist das Telefon.“ Trotzdem kommt es ihm auch ganz gelegen, dass Lieferheld und Lieferando im Clinch lagen. Hintergrund war, dass bei Lieferando voriges Jahr die Server ausfielen - wegen zu hoher Anfragelast. Der Verdacht: Konkurrent Lieferheld stecke hinter den Attacken. Ein heftiger Streit entbrannte.

Der Wettbewerb ist hart. Auf Groens Portal sind bereits 300 von geschätzten 700 Münchner Lieferdiensten gelistet. Pro Monat hat er derzeit in München etwa 4500 Bestellungen. Daran dürfte er locker 6000 Euro verdienen - legt man acht Prozent Provision zugrunde und die 16,70 Euro, die die Deutschen durchschnittlich pro Bestellung ausgeben. International hinkt Deutschland noch hinterher: Während in Holland 50 Prozent der Essensbestellungen online laufen, ordern hierzulande nur 10 bis 15 Prozent übers Internet - der Rest ruft an. „Da ist noch viel Luft nach oben“, so Groen. Sein Ziel: „Dass jeder Münchner einmal pro Jahr über Lieferservice.de bestellt.“ Das wäre ein Jahresumsatz von fast zwei Millionen Euro - allein in München.

Auch Ralf Schell, Geschäftsführer des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands (BHG), sagt: „Die Systemgastronomie nimmt zu.“ Darunter fallen zwar nicht nur Lieferservices, sondern auch Cateringfirmen und Soziales wie „Essen auf Rädern“. Laut Statistischem Landesamt stieg die Zahl der Betriebe für mobile Verpflegung in München von rund 1750 im Jahr 2006 auf 2440 im Jahr 2009. Denn die Zielgruppen - ältere Menschen wie auch gutverdienende Junge - für alle Lieferdienste wüchsen. Dies gibt Schell zu, obwohl er den Trend teils kritisch sieht: Der BHG wolle dagegen auch „das Kulturgut Wirtshauskultur“ schützen. Über diesen Dingen stehen moderne Unternehmer wie Groen, die nicht selbst Pizza backen, sondern Informationen verwalten. Sein Erfolg hat sich bis zum niederländischen Königshaus herumgesprochen: Königin Beatrix hat ihn zum Gespräch gemeinsam mit Ex-Google-Chef Eric Schmidt eingeladen.

Christine Ulrich

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