Serie zum Mittleren Ring: Fünf neue Geschichten

Ufo mit BMW-Motor

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Das futuristische Gebäude ist seit 2007 ein neues Wahrzeichen am Mittleren Ring

München - In der Serie zum Mittleren Ring erzählt die tz Geschichten rund um die wichtigste Straße der Stadt. Heute geht es entlang der Landshuter Allee bis zum Olympiapark.

Ohne diese 28 Kilometer würde der Verkehr längst kollabieren. Der Mittlere Ring ist die wichtigste Straße der Stadt. Aber wie lebt und arbeitet es sich eigentlich dort? Der Autor Florian Kinast und die Fotografin Judith Häusler machten sich auf eine Reise entlang der Bundesstraße 2R. Entdecken Sie neue Seiten des Rings in der großen tz-Serie!

Ufo mit BMW-Motor

Neuschwanstein kann einpacken. Läppische 1,4 Millionen Besucher 2012, nichts im Vergleich zum neuen Münchner Märchenschloss gegenüber vom Olympiapark. Denn hier gingen im vergangenen Jahr 2,45 Millionen Menschen rein, bei Thomas Muderlak, dem Kini der BMW-Welt.

Thomas Muderlak auf einer Rampe der BMW-Welt.

Muderlak ist 43 und seit dreieinhalb Jahren Leiter des neuen Münchner Wahrzeichens. Als Kind war er mit seinen Eltern öfters nebenan im Museum im Doppelzylinder, damals war noch kein Gedanke an so ein futuristisches Gebäude gleich drüberhalb der Lerchenauer Straße, gebaut aus 4000 Tonnen Stahl, mit einer Dachkonstruktion von 16 000 Quadratmetern, die den Markusplatz in Venedig bedecken könnten. Muderlak sagt, dass es die Münchner nach der Eröffnung 2007 noch eher wie ein Ufo ansahen. Ein seltsamer Fremdkörper, dem man sich lieber vorsichtig nähert. Inzwischen ist das Ufo angekommen, die Besucherzahlen sprechen für sich.

Als besonderes Schmankerl können BMW-Fahrer ihren Neuwagen direkt abholen, täglich rollen hier bis zu 160 Autos mit ihren neuen Besitzern aus dem Motorentempel. Erst letzten Donnerstag gab es mit der 100 000. Abholung ein Jubiläum, ein Sylter Unternehmer kam von weither angereist, und damit es sich auch rentiert, nahm er mit seiner Frau gleich zwei Boliden mit. Einen 3er GT und einen X3. Gut, dass der Ring Richtung Anschluss zur A9 gleich vor der Tür liegt. Da ging es dann viel schneller heim.

Luft zum Schneiden ist seine geringste Sorge

Der Salon von Galal Wallo liegt an der Landshuter Allee 132. Richtung Olympiapark auf der rechten Seite. Unten drin in einem Wohnhaus. Die Landshuter Allee kennt man wegen der hohen Feinstaubbelastung. Nicht wegen Herrn Wallo, dem Friseur. Der Laden ist gerade leer.

Galal Wallo ist Syrer. Seit fast 20 Jahren lebt er in München. Er hat eine Frau, die macht einen Dolmetscherkurs, und drei Kinder. Sie sind 15, elf und sieben. Die beiden älteren gehen aufs Gymnasium, darauf ist Galal Wallo stolz. Er hofft, dass sie ein gutes Leben haben werden. Besser als seine Leute in Syrien. Der 48-Jährige erzählt von zu Hause. Von seiner Heimatstadt Aleppo. Die Stadt im Nordwesten des Landes, die so idyllisch sein könnte. Mit ihrer langen Geschichte bis zurück ins Altertum, mit ihren malerischen Gassen, ihren Einflüssen und Prägungen, ihrem bunten Konglomerat aus Arabern, Kurden, Christen.

Galal Wallo in seinem Friseursalon. Der Syrer lebt schon fast 20 Jahre hier und sorgt sich im Moment sehr um die Menschen in seiner früheren Heimat

Aber Galal Wallo erzählt viel mehr vom Bürgerkrieg, von den Raketen, den Granaten, der Zerstörung des historischen Basars. Von der Familie, den Bekannten, von denen er lange nichts mehr gehört hat und nicht weiß, ob sie noch leben. Und wenn ja, wie sie leben. „Es ist eine Katastrophe“, sagt er zum Ende des Gesprächs, „die ganze Welt weiß, was Assad mit unserem Volk macht. Aber alle schauen zu. Und keiner greift ein.“ Ein Kunde kommt herein, Galal Wallo entschuldigt sich, er hat zu arbeiten. Das Gespräch bleibt im Kopf, beim Hinausgehen zur Landshuter Allee. Syrien. Was ist da schon ein bisschen Feinstaub ...?

Echter Volltreffer in Gern

Eine Institution am Sportplatz: Daniela Lahm betreut die Jugendspieler der Freien Turnerschaft.

Sie könnte auch viel Tamtam machen und ein Mordsbrimborium. Prahlen mit ihrem Sohn. Sich aufmandeln als Triplekapitänmama. Als Mutter eines der weltbesten Fußballer vom weltbesten Verein. Tut sie aber nicht. Nicht Daniela Lahm. Für Wichtigtuerei hat sie auch gar keine Zeit. Jetzt eben gibt es Wichtigeres. Etwa, dass die Bälle richtig aufgepumpt sind fürs Training der Junioren. Bei der FT Gern an der Landshuter Allee.

Daniela Lahm ist Jugendbetreuerin und eine Institution in ihrem Verein. Ihr Vater spielte schon hier, der Bruder, die zwei Onkel, ihr späterer Mann. Und ihr Sohn natürlich auch. Der Philipp. Dem wusch sie immer das Trikot, und manchmal tröstete sie ihn. Das musste sie später kaum noch. Als er zu den Bayern ging. Nach Harlaching.

Die Frau Lahm blieb hier. In ihrem Viertel. Dreimal die Woche arbeitet sie noch in einem Schreibwarenladen, ansonsten ist sie hier unentwegt im Einsatz. 380 Jugendliche hat der Verein, es gibt 29 Mannschaften, aber nur zwei Fußballplätze. Aufnehmen können sie hier keinen mehr. Auch wenn viele Ehrgeiz-Eltern ihre Kinder dahin schicken wollen. Damit sie auch so einer werden wie der Philipp Lahm.

Der berühmte Sohn des Vereins und der leibhaftige von Frau Lahm ist natürlich nur noch selten hier. 2007 kam er mit seinen Bayern zum Jubiläumsspiel, zum 100-Jährigen der Turnerschaft. Die FT Gern verlor 0:18. Frau Lahm sagte noch, dass das dennoch das größte Spiel der Vereinsgeschichte war, dann musste sie weiter. Heim zum Kochen. Für den Besuch am Abend. Für den Philipp. Vielleicht sprachen sie auch über Fußball. Wahrscheinlich aber vor allem über Wichtiges.

Hier geht’s zum Stiften

Hinten raus gibt es eine kleine Laube. Einen Garten im Grünen. Das schaut schön aus. Nach vorne tut es das nicht. Man schaut auf eine Wand, oben drauf fahren Autos. So an die 150 000 Stück am Tag. Hier, direkt an der Auffahrt zur Donnersbergerbrücke liegt das Haus des Stiftens. Nicht zu übersehen, mit dem großen Schriftzug an der Fassade und dem aufgemalten Efeu.

Anne-Christine Brochier ist die Chefbetreuerin im Haus des Stiftens

Das Haus des Stiftens gibt es hier seit Herbst 2011. Es ist eine Anlaufstelle für Stiftungsgründer, die sich engagieren und etwas Gutes tun wollen, aber nicht so recht wissen, wie. „Wir beraten und helfen etwa bei den bürokratischen Vorgängen“, sagt Anne-Christine Brochier, die Chefbetreuerin des Hauses. Eine Anlaufstelle für Vereine, Verbände, soziale Organisationen, insgesamt betreut das Haus rund 1100 Stiftungen mit einem Gesamtvolumen von 210 Millionen Euro. Dazu gibt es Konferenzräume für Veranstaltungen mit bis zu 80 Besuchern, gemeinnützige Verbände können auch das ganze Forum im Erdgeschoss buchen, Miete für vier Stunden: 200 Euro netto.

Drin ist, was drauf steht: das Haus des Stiftens an der Auffahrt Richtung Süden zur Donnersbergerbrücke

21 Organisationen haben sich auf den vier Etagen in Büroräumen eingemietet, von der Tabaluga-Kinderstiftung bis zum Münchner Bündnis gegen Depression, vom Albert-Schweitzer-Familienwerk bis zum Verein der Aktivsenioren Bayern. Man muss nicht immer hier bleiben. Wer wieder auszieht und sich davonmacht, geht ja gewissermaßen auch stiften ...

Eine exklusive Adresse

Seine Adresse ist exklusiv. Spiridon-Louis-Ring 13. Direkt im Olympiapark. Hierherkommen, einen schönen Tag verbringen, minigolfen, auf dem See rudern, Open-Air-Kino, Theatron, Freizeit, logisch. Macht man gerne. Aber dass hier auch jemand wohnt, im Ernst? Ja, im Ernst. Denn im Olympiapark gibt es neben Stadion, Halle, Schwimmbad und Turm auch das Häusl von Michael Hölzl (46).

Er lebte hier schon 1971. Noch vor den Olympischen Spielen.

Michael Hölzl ist Betriebsleiter des Olympiaparks – und er lebt auch mittendrin

Der Vater von Michael Hölzl war einer der Bauleiter in der Frühphase des Parks, ein Jahr vor den Sommerspielen zog die Familie hier ein. Michael Hölzl war damals vier, so alt wie sein Sohn Alexander jetzt. 1987 begann Michael Hölzl selbst hier zu arbeiten, als Schweißer, Schlosser, Veranstaltungstechniker. Mittlerweile ist er Betriebsleiter und im Dauereinsatz. Ohne ihn geht hier gar nichts, 3000 Türen, 800 Lüftungsanlagen, wenn es irgendwo klemmt, Hölzl ist da. Vor drei Jahren, als die Basketballer des FC Bayern in der Olympia-Eishalle spielten, war Hölzl etwa verantwortlich für den dauernden Hin- und Herbau zwischen Eisfläche und Holzparkett.

An der berühmten Zeltdachkonstruktion läuft der Ring vielspurig vorbei

In seiner 96-Quadratmeter-Wohnung wohnt er nun mit seiner Frau und den beiden Kindern Antonia (9) und Alexander. Michael Hölzl sagt, er lebt gerne hier, das ist seine Welt, der Olympiapark gehört zu seinem Leben. Ist auch nicht schlimm für ihn, dass er so nah am Arbeitsplatz lebt, mittendrin sogar. Hauptsache, er hat nicht weit nach Hause.

Zu den anderen Teilen der Serie geht es hier

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