Roboter lässt Gelähmte wieder gehen

München - Eine Hightech-Apparatur aus den USA macht Querschnittgelähmten Hoffnung: Das Gerät ermöglicht es ihnen, aus dem Rollstuhl aufzustehen und zu gehen. In drei Jahren soll es das Gerät für daheim geben.

Amanda Boxtel lehnt sich auf ihrem Stuhl nach vorn, stützt sich auf zwei Krücken. Ein leises Surren ertönt, und die blonde Frau steht auf. Langsam, immer weiter, bis sie senkrecht steht - auf ihren eigenen Beinen, die sie seit 20 Jahren nicht mehr spüren und bewegen kann. Wohl tausend Mal hat die 43-Jährige das in den vergangenen Monaten gemacht, und noch immer sind diese drei Sekunden für sie reines Glück. „Das ist das coolste überhaupt“, ruft sie und lacht. Und dann werden ihre graublauen Augen noch ein wenig größer, und sie lässt die Krücken los. „Ich stehe. Ich kann auf euch runterschauen“, ruft sie den Fotografen zu, die vor ihr auf dem Boden kauern. „Das ist mehr, als ich mir jemals erträumt hätte!“

Eythor Bender lächelt. Er ist Chef der Firma Ekso Bionics, die das 20 Kilogramm schwere Gerät mit vier Motoren und 15 Sensoren entwickelt hat. Er hat Amanda Boxtel nach München gebracht, um mit dieser Pressekonferenz im Hotel Le Meridien einen neuen Markt zu erschließen.

„Ekso“, so erläutert er, sei ein Exoskelett, das den Körper stützt und ausbalanciert und ihn mit Motorkraft Schritte machen lässt, die dem natürlichen Bewegungsablauf folgen: Knie und Hüftgelenk werden physiologisch korrekt gebeugt und wieder gestreckt - koordiniert von einem Computer, der samt Batteriepack den Rücken von „Ekso“ bildet.

Behutsam setzt Amanda Boxtel einen Fuß vor den anderen, die Krücken dienen nur der Balance und Sicherheit. Noch wird der Spaziergang ferngesteuert: Ein Techniker gibt per Knopfdruck die Befehle. In dieser Form solle das Gerät Reha-Zentren angeboten werden, sagt Bender. Doch Boxtel hat schon die Weiterentwicklung ausprobiert, in der sie den Gang durch Sensoren in den Krücken selbst steuern kann. Einen Vorteil gegenüber ähnlichen Robotern anderer Firmen sieht Bender darin, dass sich Ekso in weniger als zehn Minuten auf jeden Patienten zwischen 1,50 und 1,90 Meter Körpergröße anpassen lasse. Wer es schaffe, sich selbstständig vom Rollstuhl auf einen Stuhl zu stemmen, könne das Exoskelett sogar selbst anlegen, sagt Boxtel. „Es ist sehr bequem. Wenn ich aufstehe, fühlt es sich an wie eine feste Umarmung“. Seit einem Jahr ist die Australierin Ekso-Testpilotin, und die Spaziergänge tun ihr gut: „Früher hatte ich oft geschwollene, kalte Beine“, sagt sie. „Nach dem Gehen sind sie rosig und warm.“ Blase und Darm machten weniger Probleme, und viel seltener leide sie unter Druckgeschwüren.

Zwar warnen Experten vor überzogenen Hoffnungen: Solche Gehhilfen seien nicht für alle Patienten geeignet, sagt etwa Rüdiger Rupp vom Querschnittszentrum am Heidelberger Uni-Klinikum. Doch Boxtel ist überzeugt: „Wenn ich es kann, können es auch andere“. 100 Personen, so Bender, hätten im vergangenen Jahr Ekso in den USA getestet, darunter ein 78-Jähriger.

Gut 100 000 Euro soll Ekso für Reha-Zentren kosten, sagt Bender. Den Heim-Roboter will er für die Hälfte auf den Markt bringen. „Das ist der Preis, den auch sehr komplizierte Prothesen haben“, sagt er. Krankenkassen hätten in ersten Gesprächen großes Interesse bekundet. „Die sehen Einsparmöglichkeiten.“ Immerhin rangiert die Querschnittlähmung in einer Erhebung des Gesundheitsministeriums auf Rang 16 der 30 teuersten „Morbiditätsgruppen“.

Für Amanda Boxtel sind Zahlen Nebensache. Für sie zählt die neue Hoffnung. „Ich war Tänzerin, habe Langlauf und Weitsprung gemacht“, berichtet sie. Ein Skiunfall änderte 1992 ihr Leben. Sie wachte im Krankenhaus auf, war von der Hüfte abwärts gelähmt.

„Ich kam mir im Rollstuhl so klein vor“, sagt sie. „Jetzt kann ich wieder stehen und den Menschen in die Augen sehen. Meine Mutter hat geweint, als sie das zum ersten Mal gesehen hat.“ Sie sei immer noch Athletin, sagt Amanda Boxtel. „Und ich habe nie den Traum aufgegeben, wieder zu tanzen.“

Von Peter T. Schmidt

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