Er wurde 94 Jahre alt

Zum Tod von Rolf Boysen: Wir verneigen uns

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Im Alter von 94 Jahren gestorben: Schauspieler Rolf Boysen.

München - Rolf Boysen ist tot. Der bekannte Schauspieler und Bundesverdienstkreuzträger starb im Alter von 94 Jahren in München. Ein Nachruf.

Der Gott des Theaters: unsterblich – sterblich. Auf Rolf Boysen, der am Freitag 94-jährig von uns gegangen ist, trifft all das zu. Er stand ganz, ganz oben auf dem Bühnen-Olymp, ein künstlerisch tiefstschürfender Schauspieler, nicht ein auf Popularität schielender Massenschmeichler. Deswegen ist sein Schaffen unsterblich – vor allem in den Herzen und Köpfen seiner Zuschauer, Kollegen und Regisseure. Eine der letzten großen Rollen Boysens am Münchner Residenztheater war 2005 der Dionysos: Dieter Dorn, Intendant und Boysens Leib-und-Magen-Regisseur, besetzte seinen Ensemble-Solitär als jenen Gott des Theaters aus Euripides’ „Bakchen“.

Die Entscheidung war eine innige Verbeugung vor dem Schauspieler, seiner Alterskunst und -weisheit. Dionysos war also kein knackiger, optisch sex- und machtstrotzender Überirdischer. Rolf Boysen modellierte ihn als fragilen, ja ein wenig wunderlichen Zausel. Die Faszination und bestialische Gewalt, die er entfesseln würde, nachdem ihm sein Widersacher getrotzt hatte, wurde so als unheimliche, unerklärbare Implosion aufgebaut. Das war die Strategie des Künstlers, der nie das Vordergründige suchte und anbot; der den Zuschauer in eine Richtung lenkte, um ihn dann zu rütteln: Lass’ dich nicht so leicht verführen!

Boysen stellte sich stets in den Dienst des Dramas

Rolf Boysen war ein so intellektueller wie emotionaler Schauspieler (wobei die persönlichen Gefühle auf der Bühne keine Rolle spielen durften), und so begegnete er einem auch im Gespräch: Nachdenklich, ja pessimistisch, mit Überlegung alles genau durchdringend – und plötzlich blitzte da ein Schelm aus den Augen des berühmten Boysen, der einem doch so viel Ehrfurcht einflößte. Da zwinkerte der Charmeur, der Rotwein-Liebhaber, der spöttische Beobachter oder der kokette Mime. Dann bezeichnete er die Schauspielerei gern als „Lüge“. Und wenn man ihm ehrlich empört entgegenhielt, dass echte Kunst nie lügt und seine schon gar nicht, kam eine mächtige, warme Welle der Zuneigung, Dankbarkeit und des Einverständnisses auf einen zu. Du fühltest dich umarmt.

Das spürte stets das bayerische Publikum, das ihn verehrte und ihm deswegen 2002 den Theaterpreis dieser Zeitung zusprach. Das spürten genauso derart unterschiedliche Kollegen wie Josef Bierbichler oder Jens Harzer, die ihm ehrlich empfundene Elogen widmeten. Boysen, der viele Preise erhielt, war nicht nur das imposante – sicher auch für manchen einschüchternde – Vorbild, darüber hinaus konnten neben ihm die anderen Schauspieler wachsen, glänzen, sich an ihm aus- und aufrichten.

Nie spielte er irgendjemanden an die Wand. Mit traumhafter Sicherheit ließ er sich und den Mitspielern Luft und Raum, sich zusammen in den Dienst des Dramas und seines Autors zu begeben, und zwar im Respekt vor dem Publikum und vor der Kunst.

Dass all das für Rolf Boysen zum Lebenskern werden sollte, liegt wahrscheinlich im Krieg begründet. In Katastrophe und Unmenschlichkeit suchte der junge Soldat (in einer Divisionstheatergruppe) nach einem Sinn, den er dem Dasein geben konnte. Zeit seines Lebens prägte ihn die Erfahrung des Kriegs und das Empfinden der deutschen Schuld. Dass er auf berühmten Bühnen stehen würde, war dem Sohn eines Schiffsingenieurs nicht vorgezeichnet. In Flensburg am 31. März 1920 geboren, verbrachte er seine Jugend in Hamburg und begann brav eine kaufmännische Ausbildung.

Dann marschierte Hitler in Polen ein, und Boysen musste von 1939 bis 1945 das Inferno erleben. Nach diesen Jahren hatte er den Mut, in die Unsicherheit des Schauspielerberufs zu gehen. Im Gespräch mit unserer Zeitung hatte er das zu seinem 90. Geburtstag rückblickend so kommentiert: „Natürlich, es hat in mir geschlummert schon von der frühesten Jugend an, aber ich hätte das nie zuhause sagen können.“ 1948 bekam er sein erstes Engagement in Dortmund. Und sofort wichtige Rollen. Schon ab 1957 war er für zehn Jahre an den Münchner Kammerspielen, 1978 kam er nach Hamburg, Bochum und Wien ans Schauspielhaus zurück.

Da blühte die fruchtbarste künstlerische Zeit für Boysen auf. Und für die Münchner: Sie erlagen dem melancholischen Charme des Herzogs Orsino („Was ihr wollt“, 1980), den der Künstler mit leichter Ironie unterfüttert hatte. Sie kicherten über den Philosophenkauz in Achternbuschs „Der Stiefel und sein Socken“ (1993), den Boysen auch zu einer Ehe-Studie nutzte. Sie fürchteten König Lear (1992), den Donnerer und Gewaltherrscher, sie überdachten den Lear als fallenden König, sie litten mit Lear, dem Irrsinnigen, dem Vater, der seine Kinder verliert. Boysen hat uns damit in die Seele gegriffen – gerade weil für ihn der Text alles war: „Ein guter Text ist durch nichts zu übertreffen“, betonte er in vielen Gesprächen, „durch keine Darstellung, durch nichts! Es ist eine große Wucht und eine große Gewalt, die von ihm ausgeht. Es ist ein langer Vorgang, sich mit solchen Texten auseinanderzusetzen.“

München hatte Glück, dieses Bühnen-Genie erleben zu dürfen

In Rolf Boysens letzten Jahren auf der Bühne – er ging mit Dieter Dorn 2001 ans Bayerische Staatsschauspiel – war das immer intensiver zu erleben. Atemberaubend sein Shylock im „Kaufmann von Venedig“ (2001), massiv irritierend sein Dionysos in den „Bakchen“. Dabei immer seinem Motto folgend, das mit dem des Dorn-Theaters übereinstimmte: „das langsame Entstehen eines Menschen auf der Bühne, ohne zu menscheln“. München hatte ungeheures Glück, dieses Bühnen-Genie erleben zu dürfen. Boysen, der mit seiner Frau Marianne in Solln wohnte, mochte München ebenfalls: „Ich bin ein nordischer Münchner. Es ist ja eine anschmiegsame Stadt, keine abweisende. Wenn man da als spröder Hamburger herkommt, wundert man sich, dass man überall umarmt wird.“

Und dass ihn sein Publikum verehrte, wusste der Schauspieler: „Im Übrigen bemerke ich eine große Sympathie, die mir entgegenkommt. Das erfüllt mich mit einer Dankbarkeit.“ Die wurde ihm auch nach dem aktiven Bühnenleben dargebracht. Denn Boysens markante Stimme und seinen luziden Verstand mussten wir selbst dann nicht missen. Als frappierend intensiver und kluger Vorleser geleitete er uns durch absolute Weltklassiker von der „Ilias“ bis zum „Nibelungenlied“, von „Tristan und Isolde“ bis zur „Göttlichen Komödie“. Wenn sich der Künstler an den schlichten Tisch setzte, ein paar Blätter vor sich, herrschte im Zuschauerraum des Residenztheaters magische Stille. Die Zuhörer versenkten sich, ganz Ohr und Verstand geworden, zusammen mit ihrem Boysen in die Texte. Und selbst die schwersten Werke schienen auf einmal ganz leicht zu werden und für jeden verständlich.

Zum Glück sind diese Lesungen auf CD erhältlich. Damit ist seine Stimme unsterblich – und sein Geist, der die Weltliteratur beseelte.

Simone Dattenberger

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