Was rollt da auf uns zu? tz erklärt den Bahnstreik

München - Vollbremsung! Die Lokführer der Gewerkschaft GDL wollen wieder streiken. Was rollt da auf uns zu? Die tz klärt die wichtigsten Fragen – und was Passagiere beachten müssen.

Passagiere müssen sich womöglich schon am Mittwoch auf Ausfälle und Verspätungen einstellen. Vizechef Sven Grünwoldt sagt: Der Personenverkehr werde nicht verschont, aber der Schwerpunkt soll beim Güterverkehr liegen. „Wir können einen Streik sehr, sehr lange aushalten.“ Was rollt da auf uns zu? Die tz klärt die wichtigsten Fragen – und was Passagiere beachten müssen.

Was verdienen Lokführer überhaupt?

Für die Ausbildung genügt ein sehr guter Hauptschulabschluss. Ein erfahrener Lokführer verdient bei der Deutschen Bahn (DB) 2700 Euro im Monat brutto, dazu kommen Zuschläge von rund 300 Euro. Die Kollegen bei der privaten Konkurrenz bekommen nach Angaben der GDL bis zu 30 Prozent weniger – also bis zu 1900 Euro.

Wie viele von ihnen rasen über unsere Schienen?

Rund 20 000 arbeiten bei der DB – darunter 15 000 im Nah- und Fernverkehr und 5000 im Güterverkehr. Weitere 6000 Lokführer beschäftigt die Konkurrenz – etwa Arriva mit der Tochterfirma Alex und Veolia mit der Bayerischen Oberlandbahn BOB.

Hat die GDL nicht gerade erst gestreikt?

Die Lokführer bei der Bahn sind nicht zu verwechseln mit denen der Verkehrsbetriebe. Die hatten im September 2010 den Münchnern den ersten U-Bahn-Streik zur Wiesn beschert – und holten nicht einen Cent zusätzlich raus. Die GDL-Lokführer im Nah-, Fern- und Güterverkehr feierten dagegen vor drei Jahren einen großen Erfolg: Mit dem längsten Streik der deutschen Bahngeschichte von 62 Stunden erreichten sie ein Plus von elf Prozent für 2008 und fünf Prozent für 2009!

Und was fordert die Gewerkschaft jetzt?

Alle Lokführer bei den Billig-Bahnen sollen wie bei der DB bezahlt werden – plus fünf Prozent für alle! „Wir kämpfen für das richtige Ziel“, donnert Chef Claus Weselsky.

Warum bestreiken die GDL dann die DB?

Das fragt sich die Bahn auch und sieht sich als Geisel genommen. Die GDL aber hat bei der DB die größte Macht: Ihr gehören über 80 Prozent aller Lokführer an. Hier kann die Gewerkschaft Druck in der Öffentlichkeit und auch auf die privaten, kleinen Bahn-Unternehmen aufbauen. Zumal die sich wehren: Sie wollen nicht mehr gemeinsam auftreten. Die GDL muss nun parallel mit über 25 kleinen Gesellschaften verhandeln, bei denen sie kaum Mitglieder hat – das kann dauern. Da nimmt sie es gleich mit der Bahn auf.

Woher kommt die GDL?

Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer nimmt für sich in Anspruch, die älteste deutsche Gewerkschaft zu sein, ihr Vorläufer wurde 1867 gegründet. Heute gehören ihr 34 000 Mitglieder an, die meisten davon sind Lokführer. GDL-Chef Weselsky ist wie sein Vorgänger Manfred Schell Mitglied der CDU. Die Gewerkschaft gehört zum Beamtenbund – und nicht zum Gewerkschaftsbund DGB.

Hat der Streik damit zu tun?

Die GDL konkurriert mit der neuen Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG, die aus den Organisationen Transnet und GDBA entstand und dem DGB angehört. Zwar hat die EVG 240 000 Mitglieder, darunter noch 5000 Lokführer, nachdem Tausende beim erfolgreichen Streik 2007 zur GDL gewechselt sein sollen. Jetzt ätzt die EVG: „Die GDL hat keinen Alleinvertretungsanspruch“, sagt Chef Alexander Kirchner. Für den Streik habe er kein Verständnis.

Welche Auswirkungen hat ein Streik im Güterverkehr?

Der trifft die Wirtschaft. Zwar bezieht etwa BMW die Teile vor allem über die Straße, aber der Transport der Autos geht vor allem auf die Schiene. Die Post lässt DHL-Pakete von der Bahn kutschieren – im Intercity, der nachts von München nach Hamburg rast. Da neben Containern vor allem Rohstoffe und Chemikalien auf die Schiene kommen, wären auch die Papier- und Pharmaindustrie betroffen, sagt Betram Brossardt, Chef der Vereinigung Bayerische Wirtschaft. Schon nach zwei bis drei Tagen Streik könne es zu schweren Produktionsstörungen kommen! Und auch die Passagiere können stecken bleiben. „Wenn man die Güterzüge irgendwo auf der Strecke stehen lässt, dann ist natürlich auch der Personenverkehr betroffen“, fürchtet Pro Bahn-Chef Karl-Peter Naumann.

Was macht die Bahn?

Die hat unter 08000/ 99 66 33 ein kostenloses Service-Telefon eingerichtet und bittet, im Internet- auf der Seite bahn.de nachzuschauen. Wer wegen des Streiks nicht starten kann, bekommt die Fahrkarte aus Kulanz erstattet oder auf den nächsten, auch teureren Zug umgebucht.

Was müssen Pendler beachten?

Die müssen bei einer Verspätung nacharbeiten, Urlaub einreichen oder auf Gehalt verzichten – wenn der Chef hart bleibt.

DAC

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