Rotlichtmilieu: Polizei schlägt Alarm - Krankheiten aus Osteuropa

München - Die Rotlicht-Szene in München hat sich drastisch verändert. Fast nur noch Osteuropäerinnen arbeiten als Prostituierte. Sie bringen die klassischen Geschlechtskrankheiten mit – und Zuhälter mit raueren Sitten. Die Polizei schlägt Alarm.

2800 Prostituierte arbeiten zurzeit offiziell in München. Der Großteil kommt aus Osteuropa. Vor zehn Jahren lag der Anteil bei 30 Prozent, inzwischen sind es weit mehr als 70 Prozent. „Das hat sich massiv geändert – mit Begleitmusik“, sagt Clemens Merkl, Leiter des Dezernats gegen Organisierte Kriminalität. Die Begleitmusik macht der Polizei zu schaffen: Menschenhandel, Gewalt-, Drogen- und Waffendelikte.

Gesetz mit Tücken

Die Hintermänner zu fassen, gestalte sich für die Fahnder immer schwieriger, betont Merkl. Das liege großteils am 2002 geänderten Prostitutionsgesetz. „Das hat vor allem die Zuhälter gestärkt, nicht wie geplant die Prostituierten.“ Arbeitszeit, Kleidung, Sexpraktiken, Preise – dies alles dürften die „Luden“, wie Zuhälter in der Szene auch heißen, den Frauen inzwischen vorschreiben. „Früher war die reine Vermittlungstätigkeit des Zuhälters strafbar, jetzt muss die Frau schon psychisch oder wirtschaftlich abhängig oder sexuell hörig sein“, klagt Merkl. „Wie beweisen wir so etwas?“

Für die Polizei ist es ungleich schwerer geworden, ein Einstiegdelikt zu finden, das Ermittlungen gegen einen Zuhälter und damit gegen einen potenziellen Menschenhändler rechtfertigt. „Das Gesetz ist geleitet von der Vorstellung, dass sich alle Prostituierten freiwillig für diesen Job entschieden haben, meint Merkl. Auch Uwe Dörnhöfer, stellvertretender Leiter des Sittenkommissariats, wettert: „Das ist einfach nicht zu Ende gedacht.“

Die Mängel des Gesetzes sind bekannt. In einer Evaluation des Bundesministeriums von 2007 heißt es: „Die vom Gesetzgeber intendierten Zielsetzungen hat das Prostitutionsgesetz nur zu einem begrenzten Teil erreichen können.“ Eine Nachbesserung sei nötig, um bessere Arbeitsbedingungen für Prostituierte zu schaffen, den Ausstieg aus dem Milieu zu erleichtern und den kriminellen Begleiterscheinungen den Boden zu entziehen. Passiert ist seither nichts.

Wer alles mitkassiert

Das ärgert die Münchner Beamten maßlos. Sie wissen genau, wie wichtig bessere Arbeitsbedingungen für die Frauen wären. Den Huren nämlich bleibt nicht viel vom Lohn ihrer Freier. „Da wird auf drei Ebenen mitkassiert“, sagt Merkl. „Von den Zuhältern, von den Bordellbetreiber und von den Investoren ins Rotlichtmilieu.“ In der Regel, sagt er, seien Prostituierte nach ihre Karriere nicht wohlhabender als zuvor.

Vor allem jene nicht, die illegal anschaffen. Mit der Aussicht auf Jobs als Kindermädchen oder Putzfrau locken Menschenhändler die jungen Frauen nach Deutschland. Hier angekommen zwingt man sie zur Prostitution. Entkommen können die Frauen ihrem Schicksal meist nicht. „Sie haben oft keinen Pass mehr, sprechen nicht Deutsch und haben Angst, dass ihre Familien in der Heimat erfahren, was sie hier gemacht haben“, so Dörnhöfer.

Das Konzept der Sitte

Wie viele Illegale in München arbeiten, weiß niemand. Die Beamten sind überzeugt, dass es weit weniger sind als anderswo. „Das liegt daran, dass wir so unberechenbar sind“, sagt Merkl. „Man weiß nie, ob wir nicht da sind.“ Die scharfen Münchner Kontrollen würden in Internet-Foren die Runde machen. Außerdem würden legale Huren illegalen Konkurrentinnen schon mal bei der Polizei melden.

An die Hintermänner ranzukommen, ist weit schwerer. „Menschenhandel wird ja nicht am Tresen der Polizei angezeigt“, sagt Merkl. „Der Weg zum Menschenhändler geht über die Prostituierten.“ Deshalb setzt die Sitte auf ein ganz eigenes Konzept. In München gibt es eine Meldevereinbarung für Huren, die neu in der Stadt sind. So weiß die Polizei genau, welche Prostituierte in welchem der 170 Sex-Betriebe anschafft. Der Großteil arbeitet in einem der 130 Wohnungsbordelle. Hinzu kommen 20 Nachtbordelle sowie 20 FKK-Clubs und Ähnliches. Merkl: „Wir wollen im Rotlicht überschaubare Verhältnisse.“

Das erläutern die Beamten auch den Huren. „Wir erklären den Damen die Spielregeln“, sagt Dörnhöfer. Zugleich solle das Gespräch Vertrauen aufzubauen. Die Frauen sollen wissen, dass sie auf die Polizei bauen können. „Es geht uns um Transparenz für alle, so dass keine rechtsfreien Räume entstehen“, sagt Merkl. „Das ist praktizierter Opferschutz.“

Syphilis und Tripper

Ein Schutz, den die Polizei bei der Hygiene nicht bieten kann. „Inzwischen arbeiten hier ganz andere Frauen“, erklärt Dörnhöfer. „Sie kommen aus Ländern, in denen klassische Geschlechtskrankheiten noch verbreitet sind.“ Das Robert-Koch-Institut hat ermittelt, dass in Großstädten wie München Syphilis und Tripper wieder auf dem Vormarsch sind. „Das ist besonders schlimm, weil an einem Freier oft eine Familie hängt.“

Merkl wünscht sich die Pflicht zur regelmäßigen ärztlichen Untersuchung zurück. Den sogenannten Bock-Schein gebe es seit 2002 nicht mehr – diese monatlich zwingende Untersuchung wurde mit dem neuen Prostitutionsgesetz abgeschafft.

Sperrbezirk

Nicht abgeschafft ist in München bis heute der Sperrbezirk. Die „Verordnung über das Verbot der Prostitution zum Schutz des öffentlichen Anstandes und der Jugend“ regelt, dass Sex-Dienste fast nur am Stadtrand zugelassen sind. „Der Sperrbezirk hat sich total bewährt“, sagt Merkl. Dadurch gäbe es keine Konzentration etwa auf das Bahnhofsviertel, wie es in anderen Städten der Fall sei.

Wer in München ein Wohnungsbordell eröffnen will, braucht ein Objekt und eine Genehmigung der Stadt. „Die fragen dann bei uns nach, wie viele Betriebe es in dieser Gegend schon gibt“, sagt Dörnhöfer. So ließen sich die Puffs gut verteilen, so dass es selbst dort, wo Prostitution erlaubt sei, keine Konzentration gebe. „Wird der Sperrbezirk aufgelöst, zieht die Prostitution verstärkt nach München, denn hier sitzt viel Geld“, so Merkl. Die Konkurrenzsituation würde sich verschärfen, noch mehr ausländische Betreiber mit anderen, teils rabiaten Umgangsformen, würden sich hier niederlassen. „Die Frauen wären die Opfer“, sagt Dörnhöfer. „Jetzt haben wir die größtmögliche Transparenz. Wir kennen die Bordelle – und die Mitspieler.“

Schneller und leichter

Durch die EU-Osterweiterung ändern sich die Mitspieler freilich häufiger. Schneller und leichter finden Zuhälter „Frischfleisch“, wie sie die jungen Frauen nennen. Hinzu kämen Mädchen mit falschen Vorstellungen. Wenn mal wieder eine Fernsehreportage über gut verdienende Huren gelaufen sei, käme es vor, dass Abiturientinnen bei den Beamten auftauchen. „Ich studiere bald und habe mir gedacht, ich könnte bis dahin ein bisschen Geld nebenbei verdienen, heißt es da“, berichtet Merkl und fragt: „Warum hebt man die Altersgrenze bei Prostituierten nicht auf 21 Jahre an?“ So könnte man junge Frauen vor sich selbst schützen. „Ein Motorradfahrer darf eine große Maschine schließlich auch nicht mit 18 Jahren fahren.“

Von Bettina Link

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

auch interessant

Meistgelesen

Stammstrecke kurz gesperrt: Große Verspätungen bei S-Bahn
Stammstrecke kurz gesperrt: Große Verspätungen bei S-Bahn
Münchner Tagesmutter verhaftet: Livestream von Polizei-PK
Münchner Tagesmutter verhaftet: Livestream von Polizei-PK
Stadt vs. Region: Wo sich das Landleben noch lohnt
Stadt vs. Region: Wo sich das Landleben noch lohnt

Kommentare