Mit dem Politiker stirbt ein Stück München

Gott mit Dir, Rudi Hierl!

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Stadtrat und Schlossermeister Rudi Hierl bei seiner Mission: Er verteilte 500 000 Visitenkarten mit der Bayernhymne.

München - Rudi Hierl, ehemaliger Alterspräsident im Münchner Stadtrat, ist tot. Er starb wenige Wochen vor seinem 89. Geburtstag. Mit ihm stirbt auch ein Stück München.

Es muss Ihnen klar sein, dass ich 150 Jahre alt werden will, die Hälfte habe ich geschafft. Somit kann ich nur noch zehn Mal kandidieren.“ Als Rudolf Hierl, damals schon Alterspräsident im Stadtrat, als 75-Jähriger seine Kollegen gut gelaunt über diesen Vorsatz informierte, war er noch tatkräftig und gesund. Zehn Jahre im Rathaus hatte der Schlossermeister aus der Erzgießereistraße tatsächlich noch vor sich, dann musste er sich seiner Krankheit geschlagen geben. „Es geht einfach nicht mehr“, gab er Ende 2006 schweren Herzens zu. In der Nacht zum Montag starb Rudolf Hierl, wenige Wochen vor seinem 89. Geburtstag.

Der Maibaum von Rudi Hierl am Ferdinand-Miller-Platz bei St. Benno.

Schon drei Jahre ist es her, seit Rudi Hierl die politische Bühne verlassen hat – und dennoch erinnern sich die Münchner an den langjährigen, beliebten CSU-Stadtrat. Eine halbe Million Mal hat er die Bayernhymne im Kleinformat unters Volk gebracht, und nicht nur unters einheimische. Auch Polit-Größen versorgte er seit 1970 mit den Spickzetteln. Leute wie Hans Spitzner oder auch OB Christian Ude schienen ihm nicht ganz textsicher. Seit Dezember 2001 steht der Patriot aus dem Freistaat im Guinness-Buch der Rekorde.Vorne auf den Kärtchen: „Gott mit dir“, hinten Rudi Hierls Konterfei und das bayerische Wappen.

Nicht, dass es Hierl für seine legendären Wahlerfolge daheim nötig gehabt hätte, sich mit Visitenkarten bekannt zu machen. Er und seine Frau Barbara waren im Benno-Viertel und darüber hinaus seit jeher für ihr soziales Engagement bekannt. Hierl hatte Dutzende Ehrenämter, vom Technischen Hilfswerk bis zum Männergesangsverein. Der Zahl 1300 Termine an 365 Tagen wurde nie widersprochen, ebensowenig der Kurzbeschreibung: „Kommt später, geht früher, ist überall.“ Auch bei seiner letzten Kandidatur 2002 wurde der 80-Jährige von Platz 43 nach vorn ins Stadtparlament gehäufelt.

Dorthin hatte es den „Rudi Rastlos“ erst 1972 verschlagen, im Alter von 50 Jahren. Im Bezirksausschuss war er schon seit 1948 aktiv gewesen – die ersten acht Jahre ohne CSU-Parteibuch. Die Junge Union forderte Hierl schließlich auf, die Interessen des Mittelstands im Rathaus zu vertreten. Der Schlossermeister hatte selbst 50 Angestellte, der Mittelstand war ihm stets ein Anliegen, mindestens ebenso aber seine Pfarr­gemeinde St. Benno. Über viele Jahrzehnte setzte sich der kinderlose Hierl für den St. Benno ein. Die Rudi & Barbara Hierl-Stiftung spendete großzügig ans Haunersche Universitätsklinikum für Kindermedizin.

Jeden Morgen von 7 bis 9 Uhr war der Hierl Rudi an seinem Bürgertelefon zu erreichen. Die Anliegen der Hilfesuchenden fasste er nicht in Stadtratsanfragen, wie seine Kollegen das gerne tun: Er setzte sich selbst mit den Ämtern und Behörden in Verbindung und hatte oft genug Erfolg. Die Vorbereitungen traf er häufig an seinem Platz im Sitzungssaal, mit Dokumenten, Textmarker und Klebstoff. Sein Hörgerät schaltete er aus, wenn er sich auf wirklich Wichtiges konzentrieren musste.

BW

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