Horror-Angriff jährt sich zum 10. Mal

Mein Leben nach dem Gabel-Attentat

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Rudolf Borger zeigt ein Bild von damals.

München - Er kann sich genau erinnern an jenen Tag: Die Bilder haben sich eingebrannt in Rudolf Borgers (75) Gedächtnis. Heute ist es genau zehn Jahre her, dass ein 13-Jähriger ihm eine Gabel tief in den Kopf rammte.

Bleibende Schäden trug der Rentner aus Pasing zwar nicht davon – trotzdem hat die Gewalttat sein Leben geprägt.

„Hier war’s“, sagt Borger. Hier, direkt vor seinem Haus an der Scapinellistraße. Hier stand er am 1. Juni 2003, als sein Sohn diesen Satz sagte: „Papa, du hast eine Gabel im Hirn!“ Eine Gabel, gebogen wie ein Schlagring. Ein Bub hatte sie Borger in die Schläfe gestoßen. Der Jugendliche hatte sich zuvor mit Freunden aus dem Jugendheim „Just M“ schräg gegenüber geschlichen und auf einem Spielplatz betrunken. Spätabends pöbelte er vor Borgers Haus herum. „Das war schön häufiger passiert“, erzählt Borger dem Münchner Merkur. Damals trat er vors Tor, um den Jugendlichen zur Vernunft zu bringen. Die Situation eskalierte – es kam zum Tumult. Als Borger in sein Haus flüchten wollte, eilte ihm der 13-Jährige hinterher. Von hinten wuchtete er ihm die Gabel in den Kopf. In der Hektik bekam Borger das nicht mit: „Ich spürte keinen Schmerz.“ Erst sein Sohn machte ihn darauf aufmerksam: „Ich konnte das nicht glauben!“

Erst später begriff Borger, wie knapp er einer Katastrophe entgangen war. Er hatte eine Gehirnblutung erlitten, in einer Not-OP entfernten Ärzte die Gabel: „Ich muss dem Herrgott danken, dass nichts passiert ist. Einen Zentimeter weiter – und die Gabel hätte mein Sprachzentrum getroffen.“

Heim ist inzwischen geschlossen

Mit seinen 13 Jahren war der Täter nicht strafmündig, kam nie vor ein Gericht. Borger: „Dem Bub mache ich gar keinen Vorwurf, der kam aus schwierigen Verhältnissen.“ Wütend machen ihn die Betreuer des Jugendheims: „Die waren zu feige, um einzugreifen.“ Es gab ein Ermittlungsverfahren wegen unterlassener Hilfeleistung – das wurde eingestellt.

Das geschlossene Heim in der Scapinellistraße.

An der Stelle, wo früher das „Just M“ war, steht mittlerweile ein geschlossenes Heim für jugendliche Intensivtäter (Borger: „Irrsinn!“). Schon nach kurzer Zeit sorgte das 5,1-Millionen-Projekt für Wirbel: Eingesperrte Jugendliche prügelten sich, trotz eines 3,50 Meter hohen Zauns gelang einigen die Flucht. Die Stadt hat das Heim im Dezember 2012 dicht gemacht, im Laufe des Jahres soll es mit neuem Konzept wieder öffnen. Borger hat sich in den Bürgerbeirat wählen lassen, um genau das zu verhindern und andere Anwohner aufzurütteln: „Die Leute müssen endlich aufstehen, sonst wird das hier zum Glasscherbenviertel!“

Angelo Rychel

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