Deutliche Zeichen gegen Pegida und für das "WIR"

2015 leuchtete München ganz besonders hell

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Die Münchner haben heuer viele schöne ­Zeichen gesetzt.

München - Im vergangenen Jahr setzte München wieder einige beeindruckende Zeichen der Menschlichkeit. Wir schauen zurück auf die Tage, an denen die Landeshauptstadt besonders leuchtete.

Man hätte Till Hofmann auszeichnen können. Oder die Sportfreunde Stiller. Oder die Bündnisse Bellvue di Monaco oder München ist bunt. Oder Colin Turner von der Flüchtlingshilfe. Sie alle haben sich in einem außergewöhnlichen Jahr leidenschaftlich engagiert. Gegen rechts, gegen Hass und Ausgrenzung. Sie haben Zigtausende auf die Beine gebracht gegen die wenigen hundert Hetzer von Pegida. Sie haben sich engagiert für Flüchtlinge – und ganz wesentlichen Anteil am freundlichen Gesicht, das München 2015 weit über die Stadtgrenzen hinaus gezeigt hat. Auch wenn es jeder der oben genannten verdient gehabt hätte, wäre es doch so vielen anderen nicht gerecht geworden. Deswegen haben wir uns heuer dazu entschieden, einen Ehren-Rosenstrauß symbolisch an alle Münchner zu vergeben, die durch Wort und Tat aufgestanden sind und Zivilcourage gezeigt haben. Eine Würdigung:

Mia san ned nur mia. Zum großen Konzert WIR – Stimmen für geflüchtete Menschen komponieren die Musiker von Dreiviertelblut (sie bekommen für ihr künstlerisches Wirken einen eigenen, „normalen“ Rosenstrauß; Seite 30/31) dieses Lied. 24 000 feiern auf dem Königsplatz.

Koa Zaun auf dera Welt hoit’s Leben auf. So lautet eine weitere Liedzeile. Als die Ungarn im Sommer ihren Stacheldraht hochziehen, stranden täglich mehrere tausend Kriegsopfer am Hauptbahnhof. München wird zum größten „Willkommens- ort der Welt“. Wieder sind die Bürger da, spenden sogar mehr Lebensmittel und Kleidung als benötigt wird. Und sie geben das, von dem man nie genug bekommen kann: Sie schenken den Menschen aus den fremden Ländern ein Lächeln, reichen ihnen die Hand und sagen: „Herzlich willkommen“, #refugeeswelcome made in Munich.

Nicht willkommen heißen die Münchner hingegen die Umtriebe der Pegida-Bewegung und ihrem weiß-blauen Ableger Bagida. Den wenigen Islam-Hassern stellen sie sich massiv entgegen. Am beeindruckendsten ist die Montagsdemo am 12. Januar am Sendlinger-Tor-Platz. Ein Meer aus 20 000 Menschen drängt Pegida buchstäblich an den Rand.

Mia san ned nur mia – mia san vui mehra als du denkst. Das meint Dreiviertelblut. Ein anderes Benefizstück, geschrieben zum Jahrhunderthochwasser 2012, heißt Weida mitanand. Ein Motto, das auch für die Münchner gilt. Sie sind da, immer wenn es drauf ankommt. Auf sie ist Verlass.

Immer weida mitanand. In diesem Sinne, auf ins Jahr 2016.

Ein Abend der großen Herzen

Till Hofmann (Bellevue di Monaco) und die Sportfreunde Stiller riefen – und alle, alle kamen: Herbert Grönemeyer, Wolfgang Niedecken, Michael Mittermeier, Schmidbauer & Kälberer, Blumentopf und Fettes Brot.

Vor allem die Künstler nutzten ihre Stimmen, um Menschen gegen Hass und für Zivilcourage zu gewinnen, allen voran Till Hofmann.

Sie spielen gratis. Für Menschen, die vor Armut, Krieg und Terror geflohen sind und die Hölle in ihrer Heimat hinter sich gelassen haben. Sie spielen auch für die vielen Helfer, die verdammt gute Arbeit geleistet haben, damit diese Menschen hier würdig aufgenommen werden. Während die Politiker eine in Art und Weise sowie Tonfall unwürdige Diskussion um Obergrenzen und „Wir schaffen das (nicht)“ führen, packen die vielen Ehrenamtlichen einfach an. Tag und Nacht, bei Hitze und Kälte – wann und wo auch immer sie gebraucht werden. Für sie und die Ankömmlinge ist das Gratis-Konzert WIR – Stimmen für geflüchtete Menschen gedacht. Die Künstler spielen und singen am 11. Oktober ohne Gage für 24 000 Menschen auf dem Königsplatz. Ein Abend der großen Herzen. Ein Abend, der neue Kraft gibt.

In dieser Stadt hat Hass keine Chance

Die Sportfreunde Stiller waren beim "WIR"-Benefizkonzert auf dem Königsplatz dabei.

Montag für Montag meldete Pegida in den Wochen rund um die Jahreswende Demonstrationen an. Sie wollten – mit jeder Menge Neonazis im Schlepptau – Fuß fassen in unserer Stadt. Doch ihr Unterfangen gerät zu einem Hase-und-Igel-Spiel. Wann und wo auch immer sie mit ihren ewig gestrigen Parolen aufschlagen: Ein breites Bündnis aus der Mitte der Münchner Gesellschaft ist schon da. Höhepunkt wird der 12. Januar: Während die Pegidas mit Müh und Not 1500 Anhänger am Sendlinger-Tor-Platz versammeln können, steigt direkt daneben ein friedliches Fest des Miteinanders. Die Veranstaltung ist auch als Zeichen der Solidarität nach dem Anschlägen auf die französischen Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo in der Vorwoche gedacht.

Rathauschef Dieter Reiter (SPD) kämpft angesichts der 20 000 Menschen, die sich zu der Kundgebung eingefunden haben, mit den Tränen: „Ich bin stolz, Oberbürgermeister von München zu sein! Wir Christen, Juden, Muslime und Menschen ohne Glauben sind hier, weil wir alle Münchner sind. Wir lassen uns durch Hass nicht spalten!“ Die tz titelt am Tag danach: „Münchens Formel gegen Fremdenhass: 1500:20 000 Null Chance!"

Das gelebte "Wir schaffen das!"

Es ist der Satz, der eine der größten politischen und gesellschaftlichen Debatten seit der Wiedervereinigung ausgelöst hat. „Wir schaffen das“, sagt Angela Merkel und holt wegen der humanitären Notlage in Ungarn sämtliche dort festsitzenden Flüchtlinge ohne Registrierung ins Land. Seither tobt vor allem mit der Schwesterpartei CSU der Streit um eine Obergrenze und darum, wie viel Zuwanderung selbst ein reiches Land wie Deutschland verkraften kann. Über eine Million Menschen sind im Jahr 2015 zu uns gekommen.

Auch Dreiviertelblut waren aktiv.

Vor allem Ende August/Anfang September sind es an einem Wochenende bis zu 10 000 – allein in München. Ausnahmezustand am Drehkreuz Hauptbahnhof! Doch während die Politiker streiten, packen die Helfer lieber an. Dann kommt die Wiesn, die Flüchtlingsströme werden umgeleitet. Und nach dem Oktoberfest sind die 5000 Helfer in München nicht mehr gefragt. Sie brechen ihre Zelte ab – während vor allem im niederbayerischen Grenzraum (Passau, Wegscheid) die Lage immer schlimmer wird. Migrationsströme sind leider auch Spielbälle der Politik. Was bleibt, ist das tolle Bild von so vielen helfenden Händen.

Stefan Dorner

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