Sie sah das S-Bahn-Drama vom Stachus

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Sie war Zeugin des Dramas vom Stachus: Münevver H. half dem mitgeschleiften Mädchen

München - Das Schlimmste war die Hilflosigkeit. Da war dieses Mädchen, ihr Arm war in der S-Bahntür eingeklemmt. Jede Sekunde würde der Zug losfahren – und die Schülerin über den Bahnsteig schleifen.

Münevver H. (52) drehte sich um, trommelte gegen die Fensterscheibe des Aufsichtshäuserls am Stachus. Keiner reagierte. „Die Aufsicht saß auf der anderen Seite.“

Die Hauswirtschafterin geht die zwei Schritte zurück zu dem Mädchen, versucht, deren Arm aus der Tür zu ziehen. Doch die zierliche Frau schafft es nicht. In diesem Moment fährt die S 4 in Richtung Ebersberg los. Ein älterer Herr springt dazu, packt das Mädchen und läuft mit ihr im Arm neben dem Zug her.

Doch die Bahn beschleunigt, der Mann stolpert, muss das Mädchen loslassen. Jetzt schleift die Schülerin über den Bahnsteig – so wie es Münevver H. vorausgesehen hat. „Es war ein Albtraum.“

Nach etwa 50 Metern stoppt plötzlich der Zug – ein Fahrgast hat in aller letzter Sekunde die Notbremse gezogen. Sofort kümmern sich Fahrgäste um das Mädchen, das jetzt am Boden liegt. Auch Münevver H. eilt zu der Schülerin. „Ihr Arm war geschwollen und rot, ganz blass war sie.“ Nach wenigen Minuten kommt ein Notarzt. Er kann keine schlimmen Verletzungen feststellen. Ein Rettungswagen bringt das Mädchen nach Hause.

Auch einen Tag nach dem Drama ist Münevver H. noch wütend. „Vom Aufsichtspersonal hat niemand was gesehen“, sagt sie. „In dem Häuschen saß ein einziger Mann. Viel zu wenig für die vielen Leute auf dem Bahnsteig, gerade zum Oktoberfest!“

Die Deutsche Bahn wollte sich zu dem Zwischenfall am Freitag nicht äußern. „Wir müssen erstmal den genauen Sachverhalt klären“, sagte eine Bahnsprecherin der tz. Auch die Frage, weshalb die moderne Türautomatik nicht auf den eingeklemmten Arm reagiert hat, konnte am Freitag nicht beantwortet werden.

Zwischen 15.45 und 16.30 Uhr war der S-Bahn-Verkehr deshalb am Donnerstag auf der Stammstrecke komplett unterbrochen. Zu massiven Verspätungen kam es bis in die Abendstunden bei allen S-Bahnen auf der Stammstrecke (wir berichteten). „Hier herrscht das Chaos“, erzählte ein Betroffener. Denn weil nichts mehr bei der S-Bahn vorwärts ging, sind alle, die zur Wiesn wollten, auf die Trambahnen ausgewichen. Und die waren dann so überfüllt, dass es auch da zu Verzögerungen kam.

J. Mell

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