S-Bahn-Kontrollen: Der Schwarzfahrer-Report

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„Wir laufen niemandem hinterher“: Zwei Schwarzfahrer-Kontrolleure bei der Arbeit.

München - „Guten Morgen, die Fahrausweise bitte“ – jeder S-Bahn-Fahrer kennt diesen Satz. Über 100 000 Schwarzfahrer werden jedes Jahr erwischt. Wir begleiteten zwei Kontrolleure.

Und dann laufen die Tränen über die Wangen. „Ich mache doch gerade nur ein Praktikum“, sagt die junge Frau. Sie schluckt, auch der Hinweis auf mögliche Ratenzahlung kann sie nicht beruhigen. Kein Geld, kein Job, und jetzt das – als Schwarzfahrerin in der Münchner S-Bahn erwischt. Mike S., Kontrolleur bei der Münchner S-Bahn, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen mag, zückt sein „Mobiles Terminal 2“. Die Schwarzfahrer-Erfassung erfolgt computergesteuert. Name, Adresse – wer seinen Ausweis vergessen hat, entgeht der Strafe nicht. Notlügen der Fahrgäste werden schnell entlarvt, weil Mike S. auch nach der Postleitzahl fragt und fingierte Straßennamen auffliegen. Über 100 000 Schwarzfahrer werden Jahr für Jahr erwischt. Über die Einnahmen schweigt die Münchner S-Bahn.

Seit sechs Uhr ist Anita H., resolut, nicht unfreundlich, auf den Beinen. Seit fünf Jahre macht sie den Job. Wenn ihre Acht-Stunden-Schicht rum ist, wird sie etwa 750 Fahrgäste nach ihrem Ticket gefragt haben. Freundlich, aber bestimmt.

„Guten Morgen, die Fahrscheine bitte“, tausende Male gesagt, aber dennoch so, dass es nicht wie eine Floskel klingt, das ist fast schon eine Kunst. Fast in jeder S-Bahn wird Anita H. fündig. Wobei das im offiziellen Sprachgebrauch der Bahn der falsche Begriff ist. Die Kontrollen „dienen der Erinnerung an die Spielregeln, die wir im Interesse der ehrlichen Fahrgäste einfordern“, sagt der Referent im DB-Kontrolldienst, Christian Bathke, der Herr über die rund 120 Schwarzfahrer-Kontrolleure der Münchner S-Bahn. Mike S. und seine Kollegin begreifen sich denn auch als Service-Mitarbeiter – und in der Tat gibt es immer wieder Fahrgäste, die nach Details im MVV-Tarifdschungel fragen. Liegt jetzt die S-Bahn-Station Aubing im Ring 4 oder 5? Mike S. muss keine Sekunde überlegen. Zwei Monate Schulung, und das Thema sitzt.

Der Typ Schwarzfahrer wäre eine eigene psychoanalytische Untersuchung Wert.

Schwarzfahrer-Typen

Typ 1: der gespielte Profi. Er mit leichtem Bauchansatz, sie ebenso. Beide ohne Fahrscheine. Das scheint kein Beinbruch zu sein. Locker-lässig der Umgang mit der Kontrolleurin. Es dauert nur eine gute Minute, dann hat Anita H. die nötigen Daten zusammen. Das mobile Terminal schiebt die Zahlungsaufforderung raus, Abriss, zack ... – noch beim Aussteigen aus der S-Bahn in Pasing nimmt der Schwarzfahrer den Beleg entgegen, schiebt ihn lässig in die Tasche seines Oberhemds.

Typ 2: der Empörte. „Gott, ist das kompliziert, ich werd’ wahnsinnig“, poltert der Mann. Mike S. bleibt beharrlich: „Die Fahrkarte reicht nicht vom Flughafen bis hier.“ Schwere Koffer, müde Gesichter, das Ehepaar kommt vom Flughafen. „Da fährt man einmal mit der Sch...-Bahn.“ Auch die Ehefrau bekommt einen Rüffel ab, schließlich soll sie sich bei irgendeinem Bahnmitarbeiter erkundigt haben. „Sie müssen doch die Nummer haben, Sie können doch den anrufen“, raunzt der Urlauber Mike S. an. Geht natürlich nicht. Der Zahlungsbescheid kommt unerbittlich.

Typ 3: die Jugendlichen. Ausbildungstarife scheinen kompliziert zu sein, jedenfalls stolpern 16-Jährige dauernd über vermeintliche Tariffallen. Mal ist der Ausweis abgelaufen, mal reicht die Zahl der Ringe nicht. „Das war keine Absicht, ich hab’s vergessen“, sagt der ertappte junge Mann. Peinlich ist es ihm nicht. 40 Euro Strafe – sicher bitter. „Aber ich kann’s mir leisten“, sagt er. Ausbildungstarife – ein Fall für Mike S., den Tarifprofi. 29 Jahre ist er alt. Er war einst „im Einzelhandel“, ehe er vor zwei Jahren in den DB-Anzug wechselte.

Typ 4: der echte Profi. Es gibt sie, die Schwarzfahrer, die an der Tür lauern, um der Kontrolle zu entgehen. Viel Stress für etwas Ersparnis. „Wir laufen niemanden hinterher“, sagt Anita H..

Typ 5: der Spötter. Dieser verächtliche Blick. Schließlich zieht der junge Mann im schicken Anzug mit überlegenem Grinsen den Fahrschein aus der Tasche. Du kleiner Fahrkarten-Kontrolleur, was machst du für einen hässlichen Job, soll das wohl heißen. Ein Möchtegern-Schwarzfahrer.

In der Hitliste der unbeliebtesten Berufe liegt der Kontrolleur wohl zwischen Journalist und Politiker. Die S-Bahn sucht laufend Leute für den Job. Auf MVV-Blitzer, wo Internet-Nutzer Kontrolleure anonym melden können, bricht sich der Hass offen Bahn. „Kontrolletin in Tracht“, „zwei bürgerliche Fettsäcke, die es gar nich gebacken kriegen“, „Typen“ – andere Verbalinjurien sind nicht druckfähig. Mike S. steckt es auch weg, dass der Mann mit trendigem Klappfahrrad eine halbe Ewigkeit nach dem Fahrschein sucht – offenbar nur, um ihn zu ärgern. Dann zückt er ihn doch. „Gewusst wo“, ist der einzige Kommentar, den sich Mike S. entlocken lässt.

In vier Stunden haben Mike S. und Anita H. 22 „Fahrpreisnacherhebungen“ in ihrem Mobil-Computer gespeichert. Nur in etwa fünf Prozent der Fälle haben Reklamationen bei Fahrpreisnacherhebungen Erfolg. Die Kontrolleure machen sich locker bezahlt – aber am Umsatz sind sie nicht beteiligt. „Das wär’s“, seufzt Mike S.

Dirk Walter

Acht Fragen zu den Kontrollen

-Wie hoch ist der geschätzte Einnahmeverlust durch Schwarzfahrer bei der S-Bahn München?

Die S-Bahn München geht von rund 3,6 Millionen Euro im Jahr aus.

-Wie viele Fahrgäste werden grob geschätzt kontrolliert?

Im Jahr 2010 wurden rund 8,2 Millionen Fahrgäste kontrolliert.

-Wie viele Beanstandungen im Jahr?

Die Zahl der Fälle liegt bei über 100 000 pro Jahr.

-Erhalten die Kontrolleure eine Erfolgsprämie?

Es gibt keinen Prämienanteil („Kopfgeld“) pro erwischtem Schwarzfahrer. Teilweise werden aus anderen Tätigkeitsfeldern bekannte Leistungsprämien gezahlt.

-Wie sind die Sanktionsmöglichkeiten für renitente Schwarzfahrer?

Nach dreimaligem Fahren ohne gültigen Fahrausweis wird jeder weitere Fall als Straftatbestand angezeigt.

-Haben Sie Probleme wegen der MVV-Blitzer auf Facebook, die via Internet und Twitter vor Kontrolleuren warnen?

Unser Ziel ist es, dass möglichst viele Fahrgäste mit einem gültigen Fahrausweis unterwegs sind. Der MVV-Blitzer unterstützt dies, da er den Fahrgästen vermittelt, dass viele Kontrolleure unterwegs sind. Es ist aber überhaupt nicht kalkulierbar ist, wann und wo diese anzutreffen sind.

- Gibt es bevorzugte Linien, die besonders häufig kontrolliert werden (Flughafen-Linie)?

Nein, es gibt keine Linie, die besonders häufig kontrolliert wird. Nur auf der Stammstrecke sind tagsüber mehr Kontrolleure im Einsatz als auf den Außenästen. Abends und nachts sind die Kontrolleure überall ähnlich häufig anzutreffen.

-Häufiger Fehler zu Monatsanfang: Ein Fahrgast vergisst, in seine nicht personalisierte Isar-Monatskarte die neue Monatsmarke einzustecken. Er kann aber nachweisen, dass er sie jeden Monat kauft. Warum muss er trotzdem zahlen?

Bei nicht personalisierten Zeitkarten haben wir zwar den Nachweis, dass der Fahrausweis gekauft wurde. Weil aber nicht jeder Zeitkarteninhaber den Fahrausweis auch jeden Monat nutzt (z.B. wegen Urlaub), ist die aktuelle Monatsmarke notwendig. Deshalb gibt es Kulanzregelungen nur bei personalisierten Zeitkarten.

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