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„Ärgert uns“: Störungen und Verspätungen - das plant der Münchner S-Bahn-Chef als Gegenstrategie

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Von: Claudia Muschiol, Mike Schier, Dirk Walter

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ein Mann
Im Interview: S-Bahn-Chef Heiko Büttner. © Oliver Bodmer

S-Bahn-Chef Heiko Büttner, 54, seit gut fünf Jahren im Amt, kommt überpünktlich zum Interview ins Münchner Pressehaus – wobei man gleich beim Thema ist: Die S-Bahn kämpft in diesem Jahr besonders mit Verspätungen und Störungen. Doch es gibt auch gute Nachrichten.

Herr Büttner, im September und Oktober sind die Pünktlichkeitswerte auf unter 90 Prozent abgesackt. Woran lag es?

Jede Verspätung ärgert uns. Ich könnte jetzt sagen, wir fahren täglich so viele Kilometer, dass wir damit eineinhalb Mal die Erde umrunden, da passieren Verspätungen. Aber ich will das nicht klein reden. Unser Anspruch ist ein Pünktlichkeitswert von 96 Prozent.

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S-Bahn in München: „Viele Verspätungen haben aktuell Ursachen in der Infrastruktur“

Davon sind Sie weit entfernt.

Wir sind gut ins Jahr gestartet, aber im Moment liegen wir deutlich unter unserem Zielwert. Viele Verspätungen haben aktuell Ursachen in der Infrastruktur – etwa an der Leit- und Sicherungstechnik, zu der Stellwerke, Achszähler oder Bahnübergänge gehören.

Ihr Rezept dagegen?

Wir investieren verstärkt in die präventive Instandhaltung, um Störungen vorzubeugen. Alle Weichen haben digitale Sensoren, die Alarm schlagen, bevor eine Weiche ausfällt. In der neuen Initiative ,Starke S-Bahn München – Programm 14plus‘ geht es neben dem Netzausbau darum, die Infrastruktur robust zu machen. In den nächsten fünf Jahren investieren wir allein rund 500 Millionen Euro in die präventive Instandhaltung. Kabelaustausch, Achszählerprogramme, Austausch von Modulen.

Häufig genannt wird das Stellwerk Ost, das jetzt neu entsteht.

Es wird nächstes Jahr fertig. Das alte Stellwerk liegt an einer neuralgischen Stelle in unserem Netz und ist störanfällig. 2023 wird es mit dem neuen Stellwerk also spürbar besser werden.

Büttner berichtet, dass auch die Pandemie eine Ursache für Störungen ist. Wie das? Alle Türen öffnen sich seit 2020 automatisch, das sind in der Summe zigtausende Öffnungsvorgänge mehr als sonst. Das erhöhe natürlich den Verschleiß. Das Problem wurde erkannt, jetzt tauscht die Bahn auch präventiv beispielsweise Teile der Türtechnik aus.

ein Zaun aus Metall
Maßnahme gegen „Personen im Gleis“: Dieser 600 Meter lange Zaun ist bei Trudering eben erst errichtet worden. © DB

Verspätungen der Münchner S-Bahn: Personen im Gleis Mitgrund

Auch Personen im Gleis sind ein Dauerproblem.

Rund ein Viertel bis ein Drittel der Verspätungen sind extern bedingt, und dazu zählen auch die Personen im Gleis. Das nimmt neuerdings wieder zu. Allein während der Wiesn hatten wir 17 solcher Vorfälle – das ist ein Grund für die Werte im September und Oktober. Wir versuchen, besonders neuralgische Stellen zu identifizieren und bauen dann Zäune. Gerade erst haben wir 600 Meter Zaun in Trudering fertiggestellt. Aber natürlich können wir nicht das ganze S-Bahn-Netz einzäunen.

Ich gehe durch den Zug, mache Fotos, moniere Unzulänglichkeiten

Heiko Büttner

Fahren Sie eigentlich selber S-Bahn?

Jeden Tag. Ich bin Stammstreckenkunde, fahre ab Laim zum Ostbahnhof. Ich gehe durch den Zug, mach Fotos. Da geht was nicht, da ist was defekt, ich schick das dann an die Leitstelle. Die freuen sich schon. Was nicht geht, ist, dass man sich mit Unzulänglichkeiten zufrieden gibt. Das muss notiert, gemeldet, abgearbeitet werden.

Zu hohe Kosten: Streit um Münchner Stammstrecke

Fahrplanwechsel im Dezember: Was erwartet die Münchner S-Bahn-Pendler?

Wir wollen nicht nur über Probleme reden. Was erwartet die S-Bahn-Pendler zum Fahrplanwechsel 11. Dezember?

Zwei Neuerungen: Erstens schließen wir, so wie uns die Bayerische Eisenbahngesellschaft des Freistaats beauftragt hat, die letzten Lücken im 20-Minuten-Takt. Wir fahren dann bis auf einzelne Ausnahmen bis 23 Uhr auf allen Außenästen alle 20 Minuten bis zum Endbahnhof. Das sind 760 000 Zugkilometer mehr im Jahr. Zweitens führen wir das Prinzip der überschlagende Wende ein.

Das heißt?

Künftig stehen auf der S1 am Flughafen, S7 in Wolfratshausen und tagsüber auf der S2 in Petershausen schon eine S-Bahn mit Lokführer parat, sodass wir nicht auf den möglicherweise verspäteten Zug für den Beginn der Rückfahrt warten müssen.

Wäre es auch denkbar, die ganze Nacht über einen Ein-Stunden-Takt einzuführen?

Das ist seitens des Freistaats im Moment nicht geplant. Das geht nicht mit vertretbarem Aufwand, dafür bräuchten wir viel mehr Fahrzeuge.

Wann werden die Infos im Störungsfall besser?

Im Zug sind wir besser geworden. Im Störfall wird den Fahrgästen angezeigt, wie sie jetzt weiterkommen. Unser Ziel ist, diese Infos auch an den Bahnsteig zu bringen. Teilweise sind die Anzeiger an den Bahnhöfen aber dafür nicht geeignet. Sie werden sukzessive erneuert.

München: S-Bahn-Chef im Interview - Für 49-Euro-Ticket gewappnet?

Der S-Bahn-Chef erklärt dann, wie kompliziert die Echtzeit-Info ist. Züge erhalten im Störfall eine neue Zugnummer – daher taucht dann am Bahnhof die Anzeige „Zug fällt aus“. Real trifft der Zug oft aber doch etwas später ein, denn er ist ja schon unterwegs. Nur kann dies nicht angezeigt werden, weil jede neue Zugnummer analog ins Fahrgastsystem eingegeben wird. Dass das nicht so bleiben kann, gibt Büttner offen zu.

Zum Teil reden sogar die Lokführer in der S-Bahn recht offen Klartext.

Die wissen auch nicht immer sofort, wie es weitergeht. Aber die Fahrgastinformation durch die Lokführer hat sich echt gebessert. Ich sage immer, selbst wenn du nichts weißt, melde dich bei den Fahrgästen, sag, dass du dich kümmerst. Und wenn ich dann noch einen habe, der das etwas charmant sagt, dann lächelt sogar vielleicht der Fahrgast.

Ist die S-Bahn für das 49-Euro-Ticket gewappnet?

Wer, wenn nicht wir? Der Testlauf war ja das 9-Euro-Ticket. Wir sind ja immer noch nicht bei den Fahrgastzahlen der Vor-Corona-Zeit, liegen unter der Woche bei etwa 80 Prozent, an den Wochenenden allerdings schon wieder bei 100 Prozent oder sogar darüber.

Erwarten Sie, dass Berufspendler umsteigen?

Ich hoffe und glaube es, aber in welchem Umfang, weiß ich nicht. Zunächst werden viele ihre Abos tauschen, dadurch gibt es aber noch nicht mehr Verkehr.

S-Bahn-München: Kauf neuer Züge geplant

Sie planen den Kauf neuer Züge. Wie ist der Stand der Dinge?

Wir planen die Beschaffung im Auftrag des Freistaats. Aktuell warten wir auf die letzten Angebote, die Details stehen dann im Laufe des Jahres 2023 fest, damit die ersten Züge ab Ende der 2020er-Jahre fahren. Wir warten also nicht damit, bis die 2. Stammstrecke fertig ist. Nach etwa 30 Jahren muss ein Fahrzeug in der Regel ausgetauscht werden. Wir wollen etwa 100 durchgehende Langzüge bestellen, gut 200 Meter lang.

Manche Bahnsteige sind kürzer.

Daher werden wir auf der S7 und auf der S2 Dachau-Altomünster weiter mit den herkömmlichen Zügen der Baureihe 423 fahren. Ich rechne, dass wir etwa 70 dieser Züge noch länger benötigen.

Herr Büttner, wir wollten noch eine Note für die S-Bahn haben.

Ach, ich steh nicht so auf Schulnoten. Wissen Sie, unsere 1700 Mitarbeiter haben das nicht verdient. Das Schlimme ist ja, dass sie am häufigsten kritisiert werden, wenn sie den härtesten Job haben – im Störungsfall. Unsere Mitarbeiter geben jeden Tag alles.

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