Martin Bühler

Er zeugte 100 Kinder - und spricht mit der tz über seine Erfahrungen

+
Martin Bühler (44) spricht in der tz über seine Erfahrungen als Samenspender.

München - Martin Bühler (44) spricht in der tz über seine Erfahrungen als Samenspender. Er zeugte 100 Kinder.

Mindestens 80 kleine Versionen von Martin Bühler (44) könnten auf der Welt unterwegs sein. Oder auch 100 – so ganz genau weiß das der zig-fache Papa selber nicht.

Bühler, der früher in München und Starnberg gelebt hat, war viele Jahre lang Samenspender (wir berichteten) – und hat darüber nun ein Buch geschrieben (Martin Bühler: „Meine 100 Kinder: Was ich als privater Samenspender erlebt habe“ ist bei Riva erschienen, 200 S., 9,99 Euro). Seine Story:

Als der gebürtige Augsburger 19 Jahre alt ist, meldet er sich bei einer Münchner Samenbank an. Er will sich zusätzlich Geld verdienen, um seine Ausbildung an der Landesfischereischule in Starnberg zu finanzieren. „Am Anfang stehen – glaube ich – oft finanzielle Interessen“, erzählt er. „Später dann wollte ich den Frauen helfen.“

Das Thema Samenspende sei auch heute noch ein Tabu, so Bühler. Viele Frauen seien ungewollt kinderlos und litten stark darunter: Weil die Partner zeugungsunfähig seien, sie alleinstehend oder in einer lesbischen Beziehungen seien.

Mit der Zeit entschied sich Bühler dafür, nicht mehr bei einer Samenbank, sondern als privater Spender zu arbeiten. „Die Anonymität bei Samenbanken finde ich nicht gut – ich wollte wissen, wem ich zu einem Kind verhelfe.“

Am liebsten arbeitete Bühler mit lesbischen Paaren zusammen. Bei diesen wüssten die Kinder von Anfang an, „dass da jemand geholfen hat“. Das mache die Situation auch für den Spender einfacher. Denn als Vater der Kinder sieht sich Bühler nicht – nur als Erzeuger.

Einfach sei diese Situation nicht immer, sagt er. „Deshalb habe ich immer versucht, eine gewisse emotionale Distanz zu wahren.“ Trotzdem willigte Bühler immer ein, wenn eins der mit seiner Hilfe gezeugten Kinder ihn sehen wollte. „Das hat mich schon berührt, als ich gesehen habe, was aus meiner Spende geworden ist.“

Die Kinder seien danach meist zufrieden gewesen. Viel mehr Kontakt gab es nicht.

100 bis 200 Euro hat Bühler pro Samenspende verdient. Die Eltern zahlten ­zusätzlich noch für die umfassenden medizinischen Checks, die Bühler vor jeder Spende absolvierte. Reich wurde er durch seine Tätigkeit nicht. Mehr angespornt hat ihn das „Abenteuer“, wie er sagt. Denn Bühler hat während seiner „Karriere“ die verrücktesten Fälle erlebt.

Zum Beispiel, als aus den Arabischen Emiraten eine Anfrage nach Spermien kam, die ohne Masturbation gewonnen seien. Bühler unterzog sich einer speziellen Operation – und verdiente 4800 Euro an dem Fall.

Eigentlich hätte es noch lange so weitergehen können, hätte sich nicht etwas Entscheidendes in Martin Bühlers Leben verändert: Seine damalige Frau wurde schwanger – Bühler hörte mit dem Samenspenden auf. Heute ist seine Tochter 13 Jahre alt. Bühler hat ihr von seiner Vergangenheit erzählt, auch, dass es nie sexuellen Kontakt mit den Empfängerinnen gab.

Möglichst weit abgesichert gegen Ansprüche hat sich Bühler mit notariellen Verträgen. Ein Recht, zu erfahren, wer der Vater ist, haben seine Kinder laut BGH-Entscheidung trotzdem. Auch Erb- und Unterhaltsansprüche auf beiden Seiten sind gesetzlich nicht vollständig ausgeschlossen „100 Prozent sicher sein kann ich mir nicht, dass nicht noch etwas auf mich zukommt.“

Was die Samenbank-Chefin sagt

Zwei große Samenbanken gibt es in München: das Zentrum für Donogene Insemination (ZDI) – und die 1983 von Dr. Wolf Bleichrodt gegründete Cyrobank. Diese leitet heute Bleichrodts Tochter, die Psychologin Constanze Bleichrodt (40).

Rund 80 Euro bekommen die Männer zwischen 20 und 45 Jahren bei ihrer Samenbank pro qualitativ hochwertiger Spende (30 Euro sofort, 50 Euro bei Abschluss des Spendenzyklus’, wenn die Probe gut ist). Daher sei das Geld selten die Motivation. Constanze Bleichrodt sagt: „Es geht bei vielen Männern schon um die Idee, sich zu vervielfältigen.“

Viele fänden es auch positiv, dass sie einen umfassenden und zeitaufwendigen Gesundheits- und Sperma-Check durch die Samenbank bekämen, so die Geschäftsführerin. Ein großer Unterschied zu privaten Spendern, denn dort müssten die Empfänger darauf vertrauen, dass der Spender alle nötigen medizinischen Tests absolviert habe. Zudem könne ein Spender, der über eine Samenbank sein Sperma zur Verfügung stelle, keinen Anspruch aufs Kind stellen.

Rund 70 bis 80 aktive Spender hat die Samenbank derzeit, jeder von ihnen darf maximal zehn bis 15 Kinder zeugen. Viele haben laut Bleichrodt studiert oder studieren noch. „Das ist auffällig, dass sich eher hochgebildete Männer zu einer Spende entschließen.“

Die Auswahl des passenden Spenders zum jeweiligen Paar nimmt die Samenbank vor. „Die Eltern müssen uns da vertrauen.“ Bleichrodt achtet darauf, dass die Spender gut passen. „Sie dürfen nicht zu markante Gesichter haben – etwa eine große Nase, die dann auch bei den Kindern erkennbar wäre.“

Ein Problem, warum viele Menschen auf private Spender ausweichen: Viele Samenbanken schließen Alleinerziehende oder lesbische Paare vom Erhalt der Spenden aus. Grund: In den Richtlinien der Ärzte, die nicht juristisch bindend sind, stehe, dass nur Frauen in Hetero-Beziehungen künstlich befruchtet werden dürfen, so Bleichrodt. Sie behandelten auch lesbische Paare, solange diese verheiratet seien. Dann adoptiere die Co-Mutter gleich nach der Geburt das Kind.

„Die Angst vieler Samenbanken hat mit dem Unterhalt zu tun“, sagt Bleichrodt. Denn: Der Samenspender ist nicht von Unterhaltszahlungen freigestellt. Daher führen sie die Behandlungen auch nicht bei alleinerziehenden Frauen durch. „Dann gibt es nur eine Person, die für das Kind finanziell aufkommt – leider gibt es da die Angst, dass der Samenspender belangt wird.“

Ramona Weise

Auch interessant

Meistgelesen

Was denken Sie über diesen Artikel?

Kommentare