700 Betten und 1900 Stellen fallen weg

Drastische Einschnitte für Städtisches Klinikum!

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Das Schwabinger Klinikum ist wie die anderen drei Standorte vom massiven Sanierungskonzept betroffen.

München - Die Zukunft der Städtischen Kliniken und ihrer rund 8000 Angestellten entscheidet sich am kommenden Mittwoch. Die Einschnitte sollen drastisch werden.

Der Stadtrat behandelt das Sanierungskonzept, mit dem die Klinikleitung endlich aus den roten Zahlen kommen will. Wie der Münchner Merkur berichtet, wird die Axt vor allem beim Mitarbeiter-Stamm angelegt – ein Viertel des Personals muss gehen. Zudem werden viele Betten gestrichen.

Das mehrere hundert Seiten starke Sanierungskonzept von Klinikum-Geschäftsführer Axel Fischer liegt seit voriger Woche den Stadträten vor. Aus Sicht vieler Angestellter dürfte es sich um einen Katalog der Grausamkeiten handeln. Die Klinikleitung und OB Dieter Reiter (SPD) sehen darin die einzige Möglichkeit, die defizitären Häuser zu retten. Im vergangenen Jahr betrug der Verlust 21 Millionen Euro, die Klinikleitung rechnet heuer aufgrund der Grippewelle zu Jahresbeginn mit einem noch schlechteren Ergebnis.

Seit 2005 hat die Stadt über 300 Millionen Euro in die Standorte Bogenhausen, Harlaching, Neuperlach, Schwabing sowie die Dermatologie in der Thalkirchner Straße gepumpt. Ein ist nicht absehbar. Klinik-Geschäftsführer Fischer will deshalb schnellstmöglich die Kehrtwende herbeiführen.

Bis zum Jahr 2022 soll die GmbH aus den roten Zahlen heraus und sogar eine geringe Rendite erwirtschaften. Das Sanierungskonzept, maßgeblich erdacht vom ehemaligen Unternehmensberater Axel Fischer selbst, beinhaltet eine Neuausrichtung der Städtischen Kliniken mit einer Fokussierung auf die medizinnahen Kompetenzen. Die Punkte im Einzelnen:

Beschäftigte

Das Personal ist der höchste Kostenfaktor bei den Städtischen Kliniken. Die Geschäftsführung will sich bis zum Jahr 2022 von rund 1900 Beschäftigten trennen und dabei auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten. Dies hatte OB Reiter im Wahlkampf versprochen. Etwa 1400 Angestellte werden durch Fluktuation oder Verrentung in den nächsten sieben Jahren ohnehin gehen, die übrigen 500 Angestellten sollen in eine Qualifizierungseinheit ausgelagert und über Fortbildungsmaßnahmen für Jobs in der Stadtverwaltung fit gemacht werden. Verwaltungspersonal wird dringend gesucht. Die Kosten für die Auffanggesellschaft wird die Kommune tragen. Im Ärzte- und Pflegebereich sieht Fischer keinen Sanierungsbedarf. Dagegen wird der Bereich Küche ausgelagert. Bislang unterhalten die vier großen Kliniken je eine eigene Küche, künftig soll eine private Firma Essen zuliefern.

Betten

Die Zahl der Betten soll von 3252 auf zirka 2500 reduziert werden. In Medizin-Mekka München herrscht ein Überangebot an Betten, dem zollen die Städtischen Kliniken jetzt Tribut. Die Auslastung in den vier großen Standorten und der Hautklinik liegt bei 70 bis 75 Prozent – zu wenig, um wirtschaftlich sein zu können. Bis 2022 soll die Auslastung 80 Prozent betragen.

Tarifvertrag

Mit Stellen-Streichungen allein wird die Sanierung aus Sicht der Geschäftsführung nicht gelingen. Die Angestellten sollen zusätzlich auf Gehalt verzichten. Sobald der Stadtrat, was als sicher gilt, das Konzept gebilligt hat, will die Klinikleitung Gespräche mit den Sozialpartnern aufnehmen. Erste Sondierungsgespräche über den Sanierungs-Tarifvertrag haben bereits stattgefunden. Der Klinikleitung ist bewusst, dass sie die Daumenschrauben nicht zu fest anziehen darf, denn Pflegepersonal ist schwer zu finden. Abwanderungen kann man sich nicht erlauben, schon heute sind zahlreiche Pflegestellen nicht besetzt. Auch das Thema Privat-Liquidationen soll Gegenstand der Verhandlungen werden. Am 29./30. Juli wird es fünf große Mitarbeiterversammlungen geben.

Neubauten

Alle vier großen städtischen Kliniken bleiben erhalten, dies inklusive Notfallversorgung. 700 Millionen Euro hat der Stadtrat den Städtischen Kliniken als Investitionszuschuss bis 2022 zugesagt. Die Dermatologie wird Schwabing zugeschlagen, Mitte 2016 beginnen dort die Bauarbeiten für den Neubau der Kinderklinik. Der Klinik-Geschäftsführung ist die Betonung wichtig, dass nicht nur geschrumpft und gespart, sondern in vielen Segmenten investiert und auch Personal aufgestockt wird. Für Patienten und Mitarbeiter soll die Attraktivität der Häuser gesteigert werden.

Blutspendedienst

Der Verkauf des städtischen Blutspendedienstes ist oberstes Ziel der Geschäftsleitung, denn das Haus steckt tief in den roten Zahlen. Ein erster Versuch, den Dienst zu veräußern, scheiterte. Jetzt soll ein Liefervertrag für Blut europaweit ausgeschrieben werden mit der Bedingung, dass der Gewinner der Ausschreibung den Blutspendedienst übernehmen muss.

Die Stadt ist zuversichtlich, einen Käufer und Lieferanten zu finden. 89 Mitarbeiter sind derzeit beim Blutspendedienst angestellt. Die Angst geht um, dass ein neuer Eigentümer massiv Jobs abbauen könnte. Laut Münchner Merkur bereiten Mitarbeiter gerade eine Unterschriftenaktion vor, OB Reiter ist bereits informiert. Die Labore und die Sterilgutversorgung will die Klinikleitung nicht aus der Hand geben, diese Bereich sind aus ihrer Sicht zu patientennah.

Ulrich Lobinger

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