Zapfenstreich soll helfen

Saufende Kinder: Erlebnisse eines Sanitäters

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Immer mehr Jugendliche saufen sich ins Koma.

München - Immer mehr Kinder und Jugendliche saufen sich an Wochenenden regelrecht ins Koma. So lange, bis gar nichts mehr geht. Ein Münchner Sanitäter berichtet von seinen Erfahrungen.

Familienministerin Kristina Schröder will im Kampf gegen das Koma-Saufen den Jugendschutz verschärfen. Laut BamS plant die CDU-Ministerin, das Ausgehverbot für Minderjährige auszuweiten: Demnach soll es Jugendlichen unter 16 künftig verboten sein, nach 20 Uhr bei einer öffentlichen Veranstaltung dabei zu sein, bei der Alkohol ausgeschenkt wird – zumindest dann, wenn kein Erziehungsberechtigter dabei ist.

Das FDP-geführte Wirtschaftsministerium kündigte bereits Widerstand gegen den Schröder-Plan an. Auch die FDP-Fraktion stellt sich quer: „Das einzige Ergebnis wären frustrierte Veranstalter und Jugendliche“, so der Chef der Jungen Gruppe in der FDP-Fraktion, Johannes Vogel. Doch Polizisten, Ärzte und Sanitäter, die jedes Wochenende mit bis zur Bewusstlosigkeit betrunkenen Kindern konfrontiert sind, würden sich über schärfere Gesetze freuen. Ein Münchner Sanitäter erzählt von seinen Erfahrungen:

11 Jahre alt, Alkoholvergiftung

Erst elf Jahre alt war die jüngste Alkoholleiche, die Rettungssanitäter Stefan G. (Name von der Redaktion geändert) aufgelesen hat. Seit 1994 arbeitet der 37-Jährige beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK). Die Alkoholnotrufe haben seitdem deutlich zugenommen. Während der Nachtschichten an den Wochenenden kommt er auf zwölf bis 14 Einsätze. „14-Jährige, die wir mit Vollrausch auflesen, das ist keine Seltenheit mehr“, erzählt er der tz. „Bier, Schnaps, Wein – die Jugendlichen trinken alles, was cool ist.“ Die Folge: Alkoholvergiftung. Übelkeit, Erbrechen, die Kinder schaffen es nicht mehr allein nach Hause: So sieht ein typischer Fall für den Sanitäter aus.

Sanitäter G. erlebt hautnah, worüber die Politiker diskutieren: Immer häufiger wird er bei seinen Wochenend-Diensten vor die Discotheken und Clubs der Stadt gerufen. Im Vergleich zu seinen Anfangsjahren als Sanitäter sind die Jugendlichen heute stärker alkoholisiert: „Bis zur Bewusstlosigkeit oft“, erzählt G. Auch die Aggressivität nehme zu. Die Sanitäter werden oft von betrunkenen Teenagern angegriffen. „Sie bespucken uns, versuchen sich zu wehren“. Im Rauschzustand werde die Hilfe als Eingriff in die Intimsphäre empfunden. Dann versucht der 37-Jährige es auf die freundschaftliche Art: Gut zureden, beruhigen, um sie schließlich ins Krankenhaus zu fahren. Wenn gar nichts hilft, muss die Polizei kommen. Der Sanitäter beobachtet die Entwicklung mit Sorge: „Es hat auf jeden Fall negative Folgen für die Jugendlichen, sich derart zu voll laufen zu lassen. Das schädigt sie auf Dauer gesehen.“

Drogen und Aklohol: Süchtige Filmstars

Kiffen, Koksen und Saufen bei den Stars

Die minderjährigen Säufer werden in die Kinderkliniken der Stadt gefahren. „Die Patienten werden immer jünger“, so der Oberarzt Ludwig Schmid von der Kinderklinik im Klinikum Harlaching. „Zehn- bis Zwölfjährige sind keine Seltenheit mehr.“ Sein jüngster Patient war ein neunjähriger Bub mit 1,5 Promille (tz berichtete).

Die Statistiken bestätigen die Erfahrungen der Münchner Ärzte und Sanitäter: 2010 wurden laut einer DAK-Studie allein in Bayern 5331 Kinder und Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus gebracht, umgerechnet fast 15 Minderjährige pro Tag. Im Vergleich zu 2003 sind die Klinik-Einlieferungen sturzbetrunkener Jugendlicher um über 75 Prozent gestiegen!

Jeder zweite 15-Jährige gab in der DAK-Umfrage an, sich regelmäßig einen Rausch anzutrinken. Jeder zehnte Zwölfjährige trinkt demnach mindestens einmal pro Woche Alkohol.

KR/NAM

So mogeln sich die Kids am Jugendschutz vorbei

Gesetze sind das eine – aber die Jugendlichen wissen genau, wie sie die geltenden Regeln umgehen können. Klaus F. (57) aus Laim kann davon ein Lied singen: Seine Tochter Sabine (18) hatte ihren Ausweis der 16-jährigen Nachbarin Laura geliehen, damit die in den Club Max & Moritz am Maximiliansplatz reinkommt. Und deshalb haben beide Ärger mit der Polizei bekommen…

Normalerweise müssen Jugendliche ihre Ausweise am Eingang einer Disco abgeben. So können die Türsteher sehen, ob sich nach 24 Uhr, wenn die unter 18-Jährigen dann laut Jugendschutz­gesetz heim müssen, noch 16- oder 17-Jährige im Club aufhalten – und die werden dann rausgeholt.

Das Disco-Publikum bekommt zudem farbige Bändchen, damit der Barmann die Minderjährigen von den Volljährigen unterscheiden kann und so weiß, wem er harte Getränke verkaufen darf.

Nun ist es ein gängiger Trick unter Jugendlichen, sich einen Ausweis eines 18-Jährigen „auszuleihen“. Klaus F.: „Laura und Sabine sind beide blond – und so genau schauen die Türsteher nicht hin…“ Zudem wissen die Jugendlichen ganz genau, in welchen Clubs streng und in welchen weniger streng kontrolliert wird. Dummerweise ist das Max & Moritz einer der strengen. Und Laura wurde erwischt!

So rückte die Polizei bei den Eltern der 16-Jährigen und bei der 18-Jährigen an. „Die Mädchen warfen sich gegenseitig vor: Du hast mir den Ausweis aufgedrängt! Du hast mir nicht gesagt, dass Du mit dem Ausweis ausgerechnet in diesen strengen Club willst!“, erzählt der Vater.

Die Mädels kamen mit relativ glimpflichen Strafen davon: Die 16-Jährige musste fünf Stunden Sozialdienst leisten. Und Sabine musste 50 Euro zahlen. Was Sie aber am meisten umtrieb, war die Angst, einen Eintrag ins polizeiliche Führungszeugnis wegen „Identitätsmissbrauchs“ zu bekommen. Denn das könnte der später geplanten Karriere als Richterin oder Staatsanwältin im Wege stehen. „Trotz der geringen Strafe war Sabine geheilt – so was Dummes würde sie nie wieder machen!“, meint der Vater.

KR

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