Schwabinger 7: Ist sie ein Denkmal?

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Die Schwabinger 7 (rechts) und das Monopol.

München - Es ist einer der letzten Rettungsanker, mit denen die Freunde der Schwabinger 7 das Lokal retten wollen: Ein Antrag auf Denkmalschutz soll verhindern, dass die Kultkneipe abgerissen werden darf.

 Der Pachtvertrag läuft Ende Juni aus. Doch ist der in den Nachkriegsjahren aus Trümmern errichtete Barackenbau tatsächlich ein Baudenkmal? Kultusminister Ludwig Spaenle hat am Freitag einen entsprechenden Antrag gestellt. „Es handelt sich bei diesem Gebäude um einen der letzten Flachbauten mit Barackencharakter aus der unmittelbaren Nachkriegszeit“, so der Minister.

Die schlichten Parterre-Bauten waren die ersten Gebäude, die sich nach dem Bombenkrieg, der in München mindestens 6.300 Menschenleben forderte und 45 Prozent der Bausubstanz zerstörte, aus den Bombenlücken erhoben. 1946 schrieb Max Frisch aus München: „Eine Stadt, aber geräumig und schütter wie ein Herbstwald.“ Noch 1945 gestattete die Stadt den Bau der behelfsmäßigen Baracken, in der die ersten Läden die Bevölkerung wieder mit den allernötigsten Waren versorgten.

Der ehemalige Stadtarchivar Richard Bauer schrieb in seinem Buch Runenjahre – Bilder aus dem zerstörten München: „Eingepasst in ein Ambiente von Lücken und beschädigten Bauten waren die aufdringlich unauffälligen Behelfsläden die architektonische Entsprechung der damaligen Behelfs- und Ersatzwelt.“ Das Wirtschaftswunder sorgte dafür, dass der Großteil der Behelfsbauten bald wieder verschwand. Doch einige konnten sich bis in die jüngste Zeit halten.

München - auferstanden aus Ruinen

Wie viele andere deutsche Großstädte hatte auch München heftig unter den Bombenangriffen während des 2. Weltkriegs zu leiden. Über 6500 Menschen starben zwischen 1942 und 1945, 40 Prozent der Gebäude wurden komplett zerstört. In der Innenstadt überstanden sogar nur zehn Prozent das Inferno wenig versehrt. Der von Richard Bauer zusammengestellte und im Bassermann-Verlag erschienene Bildband "Ruinenjahre - Bilder aus dem zerstörten München 1945 - 1949" zeigt eindrucksvolle und zum Nachdenken anregende Bilder aus der Nachkriegszeit. © Bassermann-Verlag
Wir zeigen Ihnen einige Bilder aus dem Bildband und stellen die selben Motive, aufgenommen knapp 60 Jahre später, gegenüber. Sehen Sie, wie und wo sich München verändert hat. Teilweise sind die Plätze nicht wiederzuerkennen, oftmals wurde aber beim Wiederaufbau darauf geachtet, das Erscheinungsbild des "alten" Münchens wieder aufleben zu lassen. Viel Spaß bei einer eindrucksvollen Bilder-Reise durch Münchner Stadtgeschichte. © Bassermann-Verlag
Der Einmarsch der amerikanischen Truppen durch die Dachauer Straße am 30. April 1945. Aus einigen Fenstern wehen weiße Fahnen - endlich Frieden in München! © Stadtarchiv München
Der selbe Ort, aufgenommen 65 Jahre später. In diesem Teil der Dachauer Straße zwischen Karlstraße und Stiglmaierplatz geht es meist beschaulich zu. © gs
Panzer rollen hier schon lange keine mehr. Wie man im Hintergrund erkennen kann, sind noch einige der alten Gebäude erhalten. © gs
Hauptbahnhof 1946: Die demolierte Eisen-Glas-Konstruktion der Bahnsteighallen. Als zentraler Verkehrsknotenpunkt der Landeshauptstadt stand der alte Bürklein-Bahnhof im besonderen Fokus der alliierten Luftangriffe. © Stadtarchiv München
Heute herrscht auf dem Hauptbahnhof täglich jede Menge Trubel. Ca. 350.000 Besucher und Reisende passieren täglich die Bahnhofshallen. Der Nachfolgebau des Bürklein-Bahnhofs entstand zwischen 1958 und 1960. © gs
Beim Neubau wurden die wenigen im Krieg unversehrten Mauerreste integriert, wie man auch heute noch sehen kann. © gs
Die Nordseite des Hauptbahnhofs 1945 mit Blick auf die Arnulfstraße. © Stadtarchiv München
Heute ist dieser Teil des Bahnhofs kaum wiederzuerkennen. Bei dem Gebäude auf der linken Seite erkennt man an dem rechten Fensterbogen im Erdgeschoss, dass das Gebäude auf den Ruinen des alten Bauwerks aufgebaut wurde. © gs
Der Luftschutzbunker an der Hotterstraße wurde 1947 für Gäste der Stadt zum Hotel City umgebaut. Das Hotel verfügte über 106 Betten sowie einen Restaurations- und Frühstücksraum. Die Übernachtung kostete 7 Mark. © Stadtarchiv München
Heute fristet der ehemalige Bunker ein recht trostloses Dasein, wirkt aber in den Sommermonaten durch den wilden Pflanzenwuchs wie eine nach oben ragende Oase mitten in der Innenstadt. Links zu erkennen übrigens die Hundskugel. Die Traditionsgaststätte befindet sich in einem der ältesten noch bestehenden Bürgerhäuser der Stadt, das den Krieg zum Glück überstand. Das Gebäude wurde 1484 erstmals schriftlich erwähnt. © gs
Die völlig zerstörte Fürstenfelder Straße von der Sendlinger Straße aus gesehen. 1946. © Stadtarchiv München
Heute ist auch dieser Ort kaum wiederzuerkennen. Nachkriegsbauten prägen die Szenerie. © gs
Das Karlstor mit dem eingerüsteten Hotel "Fahrigs Deutscher Hof", dessen Restaurationsräume bereits 1947 wiedereröffnet wurden. 1946. © Stadtarchiv München
Viel hat sich nicht verändert am Stachus. Allerdings ist der Bereich bereits seit knapp 40 Jahren Fußgängerzone. Durch den Torbogen erkennt man damals wie heute das Neue Justizgebäude. © gs
Der Promenadeplatz 1948. In der Baulücke stand einst das Hotel Bayerischer Hof. © Stadtarchiv München
Heute steht das Hotel wieder da. Bis auf das Obergeschoss ist auch das Nebengebäude, das ehemalige Palais Montgelas, noch erhalten. Es gehört heute zum Hotel Bayerischer Hof. © gs
Die Ostseite des Jakobsplatzes, zum Sebastiansplatz gesehen. 1946. © Stadtarchiv München
Interessant, wie sich die Perspektive bei dieser Aufnahme verändert hat. Das im Originalbild mittig stehende Gebäude sehen Sie hier im Vordergrund rechts. Auch der Großteil der Fassadenfront hinten ist erhalten geblieben. © gs
Dort, wo das Originalbild aufgenommen wurde, steht heute die Synagoge auf dem Jakobsplatz. © gs
Das Denkmal Max I. Josephs vor dem ausgebrannten Nationaltheater. 1945. Diese Ruine steht noch bis heute sinnbildlich für den zerstörten Glanz der Kulturstadt München im 2. Weltkrieg. Am 3. Oktober 1943 wurde das Haus durch einen Bombenangriff zerstört. © Stadtarchiv München
Nach dem Krieg entschloss man sich, kein neues Theater zu bauen, sondern das alte zu rekonstruieren. Der 62 Millionen D-Mark teure Wiederaufbau wurde zum Teil mit Spenden aus der Bevölkerung finanziert. © gs
Das Isartor 1945. Die Warnung "Death is so permanent - Drive carefully" (Der Tod ist allgegenwärtig - fahren Sie vorsichtig) gilt den amerikanischen Militärfahrzeugen, denen die Ost-West-Achse von Isar- bis zum Karlstor vorbehalten ist. © Stadtarchiv München
Heute prägt der Verkehrstrubel des Altstadtrings die Szenerie vor dem Isartor. © gs
Der Stadtbach an der Baaderstraße, im Hintergrund die Fassadenfront an der Ickstattstraße. 1946. © Stadtarchiv München
Bis heute hat sich die Ecke Baader-/Ickstattstraße ziemlich verändert. Der Stadtbach ist längst trockengelegt, an dessen Stelle steht das riesige Gebäude der Baaderstraße 90, das früher die Post beherbegte und heute als Hotel fungiert. © gs
Die Perspektive aus der Originalaufnahme lässt sich heute daher nicht mehr herstellen. Bei dem braunen Häuserausschnitt mittig-rechts handelt es sich um das Haus, was auf dem Originalbild in der Mitte am Ende des Baches zu sehen ist. © gs
Die Post am Goetheplatz von der Häberlstraße aus gesehen. 1946. © Stadtarchiv München
Noch heute prägt das 1931/32 gebaute Gebäude mit dem Flachdach und den geschwungenen Formen den Goetheplatz. © gs
Die Hackerbrücke, bei der der nördliche Brückenteil eingestürzt war, 1946. Sie wird erst 1947 durch den Bau eines Notstegs für Fußgänger und Radfahrer benutzbar. © Stadtarchiv München
1953 wurde die Brücke dann rekonstruiert, ehe in den frühen Achtziger Jahren eine gründliche Sanierung erfolgte. © gs
Vor den Trümmern der Josephskirche. 1945. Die Kirche wurde durch zwei Sprengbomben am 13. Juni 1944 bis auf den Turm komplett zerstört. © Stadtarchiv München
Kaum wiederzuerkennen ist die Josephskirche. Wo früher nur noch Trümmer übrig waren, erstrahlt die katholische Pfarrkirche heute wieder in altem Glanz. Zwischen 1950 und 1952 wurde die Kirche wieder aufgebaut und Ende der Achtziger Jahre saniert. © gs
Die aufgerissene Hauptfassade der Staatsbibliothek an der Ludwigstraße. 1946. Der Schein trügt: Obwohl an der Fassade vergleichsweise nur geringe Schäden zu vermelden waren, war das Gebäude etwa zu 85 Prozent zestört. Auch wertvolle Schriften wurden vernichtet, insgesamt knapp 500.000 Bände. © Stadtarchiv München
Ab 1946 begann der Wiederaufbau des Bibliotheksgebäudes und die Rückführung ausgelagerter Bestände. Der Wiederaufbau wurde 1970 mit der Einweihung des wieder hergestellten Südflügels abgeschlossen. Heute ist die "Stabi" mehr oder weniger beliebter Ort für zahlreiche Studenten. © gs
Die Ruhmeshalle auf der Theresienhöhe. September 1946. © Stadtarchiv München
Hier scheint sich kaum etwas verändert zu haben. Gut möglich, dass rechts im Bild sogar noch der selbe Baum steht. © gs
Ruinenjahre: Bilder aus dem zerstörten München 1945-1949 von Richard Bauer. Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 212 Seiten, 26,5x24,5 durchgehend s/w Abbildungen ISBN: 978-3-8094-8012-9 € 29,95 [D] © Bassermann-Verlag

tz-Redakteur Johannes Welte zeigt einige Beispiele:

Antrag auf Denkmalschutz

Die Schwabinger 7 ist ein Notbau aus der Nachkriegszeit, der im Juli abgerissen werden soll. Die Bürgerinitiative „Rettet die Münchner Freiheit“will das verhindern. Mit Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) haben sie einen prominenten Sympathisanten: „Wir haben das Thema im Bezirksausschuss besprochen, die Schwabinger 7 ist ein Unikum, sie steht für das Flair des Kultviertels.“ Die CSU im Bezirksausschuss Schwabing will nun den Abriss per Antrag ans Rathaus stoppen, bis die Frage des Denkmalschutzes geklärt ist.

Dr. Burkhard Körner, der für München zuständige Listenreferent des Landesamtes für Denkmalpflege, hält den Schutz des Notbaus für nicht ausgeschlossen: „Wenn er für eine Epoche steht, es nur noch wenige oder keine ähnliche Gebäude gibt und die ursprüngliche Bausubstanz möglichst weit erhalten ist.“

Lindwurmstüberl

Das Lindwurmstüberl steht auf einer Lücke, die der Bombenkrieg an der Ecke Lindwurmstraße/Herzog-Heinrich-Straße gerissen hatte. Der Flachbau stammt aus den Nachkriegsjahren, das Lokal ist vor allem wegen seiner Brathendl beliebt und wegen der direkt auf Gehsteig-Höhe befindlichen Sitzplätze. Die Stadt hätte es gerne, dass die Augustiner-Brauerei die Baulücke wieder auffüllt. Doch an der lauten Ecke sind Wohnungen kaum zu vermieten, und eine Tiefgarage, die Geschäftsleute wollen, lässt sich hier auch schwer unterbringen. 2009 wurde das Dach saniert und innen kräftig renoviert, von der ursprünglichen Bausubstanz ging viel verloren. Voriges Jahr wurde das Dach noch zur Wirtsterrasse umgebaut.

Wohnpalais statt Büchern

Ein gewisser Max Kanzler erwarb 1954 das abgeräumte Trümmergrundstück an der Ecke Gabelsberger-/Luisenstraße und errichtete hier gegenüber der TU einen einstöckigen Flachbau, um dort eine technische und naturwissenschaftliche Fachbuchhandlung zu führen. Doch das Grundstück wurde verkauft, die Buchhandlung musste raus, 2003 bis 2005 ergab sich eine Nutzung als „Kulturkiosk Kanzler“ als Galerie, Büro und Bar in einem. Danach wurde der Flachbau abgerissen. Heute steht hier das „Königsplatz Palais“ mit teuren Eigentumswohnungen.

Gnadenfrist für das GAP

Das GAP in der Goethestraße 34 hat eine bewegte Geschichte hinter sich: Der Notbau entstand nach Kriegsende ohne Baugenehmigung und sollte nur bis 1953 als Provisorium geduldet werden. Erst zog ein Jazzclub ein, dann ein türkischer Supermarkt. Schließlich mietete sich in den 80er-Jahren die „Planungsgruppe Sprengwerk“ des Architekten Norbert Abels ein, der eine Espressobar mit Galerie einrichtete – längst eine Kunstinstitution. Eine Investorengruppe hat einen Baubescheid für das Haus und zwei Nachbargrundstücke. Es soll ein Hotel entstehen. Doch das Projekt ruht vorerst.

Rotkreuzplatz: Lücke bebaut

Über 60 Jahre lang gehörte dieser Notbau wie das Krankenhaus zum Rotkreuzplatz. Das Haushaltswarenhaus Forster war dort Jahrzehnte lang ebenso eine Institution wie das Sporthaus Eibl. Beide mussten 2008 ausziehen, der Abriss folgte 2009. Jetzt steht hier ein fünfstöckiger Geschäfts-Block. Ein anspruchsvollerer Entwurf fiel 2008 in der Stadtgestaltungskommission bei OB Christian Ude als „zu kommerziell“ durch.

Rekonstruktion mit Verlust im Inneren

Die Häuser in der unter König Maximilian II ab 1853 erbauten Maximilianstraße sind das Werk des Architekten Georg Friedrich Christian Bürklein – so auch der Prachtbau Maximilianstraße 15. Nach schweren Bombentreffern blieb nur die Osthälfte stehen, die westliche wurde als einstöckiger Notbau wiedererrichtet. Bis 2001 befand sich hier der Kartenvorverkauf der Oper. Der Freistaat Bayern vergab das Grundstück in Erbpacht an einen Privatinvestor, der bis 2003 die noblen Maximilianhöfe mit Probegebäude für die Oper errichtete. Die zerstörte Fassade wurde wiederhergestellt, vom Altbau blieb die Wand zur Straße stehen. Original-Stuck, Treppenhäuser und Türen gingen verloren.

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