Schäftlarn-Mord

"Der Papa hat die Mama totgemacht"

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Gezeichnet: Michael N. (47) am ersten Prozesstag.

München - Am vierten Verhandlungstag im Mordprozess gegen Michael N., der seine Ehefrau im Juni 2012 in Schäftlarn erstochen hat, geht es um die Kinder des Paares.

Der beiläufige Satz des kleinen Kindes geht auch den Polizisten unter die Haut. „Die Worte der jüngsten Tochter werde ich nicht vergessen“, sagt Dennis P. (24, Namen geändert) vor dem Landgericht aus. Am vierten Verhandlungstag im Mordprozess gegen Michael N., der seine Ehefrau im Juni 2012 in Schäftlarn erstochen hat, geht es um die Kinder des Paares.

Mit einer Kollegin kümmerte sich Dennis P. am Tatort um Tabea (heute 6) und Luca (heute 11), als Sandra N. blutüberströmt im Haus lag. „Wir haben den Kleinen das Polizeiauto erklärt, um sie abzulenken“, gibt der Polizist an. „Luca war sehr still, Tabea gesprächig. Sie erzählte von ihren Lieblingstieren. Plötzlich sagte sie zu meiner Kollegin: ‚Der Papa hat die Mama totgemacht. Sie hat ihn geärgert.‘“

Mittlerweile leben die vier Kinder (heute 14, 13, 11 und 6 Jahre alt) bei der Mutter von Michael N. – sie sind schwer traumatisiert, nehmen bisher aber keine therapeutische Hilfe in Anspruch. „Sie sehnen sich nach Normalität“, erklärt eine Mitarbeiterin des Jugendamtes, die die Familie betreut und einmal im Monat besucht. „Die älteren gehen aufs Gymnasium, alle sind in Vereinen aktiv. Die Oma hat jetzt eine Elternersatzfunktion.“ Michael N. darf ihnen Briefe schreiben, die Kinder antworten – bis auf die älteste, Nathalie. „Sie wünscht keinen Kontakt.“

In einem Brief an seine Mutter schrieb der Angeklagte: „Ich weiß nicht, wie ich mit dieser Schuld leben kann.“ In der Haft schnitt er sich mit einer Rasierklinge in den Hals, ein Justizvollzugsbeamter fand Michael N. in einer Blutlache. „Auf dem Schreibtisch lag ein Zettel vor dem Familienfoto, darauf stand: ‚Ich liebe euch alle.‘“ Mit blutverschmierten Händen schrieb N. „Bis gleich“ an die Zellenwand. Er überlebte, will jetzt im Knast Psychologie studieren. Sein Thema: Trauer. Der Oma hat er geraten, einen Altar für Sandra im Haus zu errichten – die Kinder sollen sie sehen. Am Muttertag stellte sie ein Foto der getöteten Mama auf eine Anrichte, bestätigt die Beamte des Jugendamts. Es sollte ein Abschied sein. „Aber das Foto steht immer noch dort.“

Andreas Thieme

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