Beeren vom Grab der Regie-Legende

Er macht aus R. W. Fassbinder Marmelade

Den Fassbinder im Nacken: Rudolf Waldemar Brem beim Abfüllen der Fassbinder-Confit in seiner Küche.

München - Er hat viele Rollen gespielt, der Schauspieler Rudolf Waldemar Brem, aber was er heute in seiner Küche aufführt, ist ein ganz besonderes Stück und ein makabres und bitter-süßes dazu:

Wie ein Alchemist steht er da, stampft, hackt, schmeckt und leckt – bis ihm die drachenblutrote Masse, die da im Topf vor sich hin köchelt, endlich taugt. Jetzt muss er sie nur noch in Gläser abfüllen, alles abkühlen lassen – dann kann er sich seinen Fassbinder aufs Brot schmieren …

Fassbinder? Kein Witz, denn Brem bringt den ebenso genialen wie schwierigen Filmemacher tatsächlich als Marmelade aufs Brot. „Ein paar Moleküle von ihm sind auf jeden Fall drin“, schwört er. Schließlich besteht die Grundsubstanz der Konfitüre aus den Vogelbeeren einer Eberesche, die in Fassbinders Grab auf dem Bogenhausener Friedhof wurzelt …

Lieber deftig als süß: Rainer Werner Fassbinder.

Am 24. September war Brem dort, um sie abzuernten. Knapp vier Kilo Beeren hat er in zwei Stunden eingesammelt. Den Tag hat er ganz bewusst gewählt:, „Weil Neumond war, einer von 13 heuer.“ Für Brem die Vorlage dafür, der halben Charge seiner Konfitüre das Etikett 1 Jahr mit 13 Neumonden zu verpassen – angelehnt an Fassbinders 1978 gedrehten Film In einem Jahr mit 13 Monden. Für die andere Hälfte muss der Titel der fünfteiligen Fassbinder-Serie von 1972, 8 Stunden sind kein Tag, herhalten. Das wiederum ist ein Synonym für die Zeit, die er und seine Frau, die Maskenbildnerin Helga Marr, in ihre kleine Fassbinder-Produktion stecken.

Wie kommt man auf die Idee, sich Fassbinder aufs Brot schmieren zu wollen? Beim Vogelbeerschnaps? Brem, der selbst in elf Fassbinder-Filmen mitspielte, lacht: „Der Auslöser war für mich die Ausstellung Fassbinder jetzt, die vor einem Jahr im Frankfurter Filmmuseum eröffnet wurde. Damals dachte ich mir. Diese Marmelade – das ist Fassbinder! Jetzt! Auf meiner Zunge.“

Das sehen allerdings nicht alle ganz so locker. Als Brem mit den Gläschen seiner ersten Vogelbeer-Ernte (Titel: Die bitteren Tränen der Petra von Kant) in Frankfurt auftauchte, gab’s richtig Ärger: Juliane Lorenz, Fassbinder-Erbin und Präsidentin der Fassbinder-Foundation, wetterte, die Konfitüre sei eine absolute Geschmacklosigkeit.“ Anderen schmeckte Brems Idee so gut, dass sie ihn zu einer erneuten Ernte ermunterten und gleich ein Glas vorbestellten: Die Schauspielerin und Chanson-Sängerin Ingrid Caven, die mit Fassbinder zwei Jahre verheiratet war, wollte unbedingt eines haben. Und ihre Kollegin Katja Rupé (Dreiviertelmond) auch.

Wer sonst noch ein Glas kriegt, entscheidet Brem, wie er sagt: „Nach aufrichtiger Interessenlage …“ Verkauft wird sein Fassbinder nicht!

Allerdings ist der Fassbinder-Mime in diesem Punkt nicht kategorisch. Wenn sich eine Brennerei finden würde, dann ließe sich über einen Fassbinder-Vogelbeerschnaps schon diskutieren …

Die Vogelbeere und Fassbinder, das passt für Brem. „Die Beere ist ja eigentlich ungenießbar …“ Und Fassbinder war es oft auch. Aber drei Wochen Gefriertruhe, sanftes Köcheln und die Verfeinerung mit edlen Gewürzen verwandeln die Beeren in ein durchaus interessantes Geschmackserlebnis – bittersüß wie das Leben.

Fassbinder selbst liebte es übrigens lieber derb und deftig. Brem: „Der hat am liebsten Bockwurst g’fressen!“

W. de Ponte

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