Scheidungen, Sorgerechtsstreitigkeiten, Kindeswohlgefährdungen und Co.

Wenn von der Liebe nur noch Streit bleibt: Aus dem Alltag eines Familienrichters

Familienrichter Martin Meixner steht auf der Dachterrasse des Amtsgerichts Münchens
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Muss entscheiden, wenn Ehen am Ende sind: Martin Meixner ist Familienrichter.

Früher war es Liebe – doch wenn sich die Paare bei Martin Meixner gegenübersitzen, ist oft nur noch Hass zu spüren. Der 44-Jährige ist Familienrichter am Amtsgericht München. Die Entscheidungen, die dort fallen, können das ganze Leben ändern.

Die Taschentücher hat Martin Meixner (44) immer griffbereit: „Die Emotionen kochen oft hoch“, sagt der Familienrichter. Im Gerichtssaal wird geweint, geschrien, gestritten, getobt und manchmal sogar beleidigt. „Es gibt Fälle, da werden wir Richter persönlich angefeindet.“ 13 293 Fälle bearbeiteten die 37 Richter am Familiengericht München vergangenes Jahr, darunter 3326 Scheidungen. 2019 waren es 3279 Scheidungen.

Aktuell ist die Corona-Krise eine Herausforderung für viele Beziehungen. „Paare haben weniger Ablenkung und sind gezwungen, sich mehr miteinander auseinanderzusetzen“, erklärt Paarberater Markus Ernst. Das könne einerseits dazu führen, dass Beziehungen zerbrechen. „Aber es kann auch einen positiven Effekt haben“, sagt er. „Mein Eindruck ist, dass es sich die Waage halten könnte.“

Kinder sind oft in einem Loyalitätskonflikt

Familienrichter Martin Meixner

Ist eine Beziehung nicht zu retten, dann sei sein Ziel, zu deeskalieren und „eine gemeinsame Lösung zu finden“, sagt Richter Meixner. Doch das ist oft schwer, vor allem bei Streit um die Kinder. Bei sogenannten Kindschaftsverfahren gilt das Mehraugenprinzip, das heißt, mehrere Experten sind daran beteiligt. Meixner unterhält sich mit Bezugspersonen und mit der ganzen Familie. „Es kommt immer auf den Einzelfall an“, erklärt er. „Kinder sind oft in einem Loyalitätskonflikt und wollen es allen recht machen.“ Es gebe Kinder, die erzählten jedem Elternteil, bei ihm leben zu wollen – nur, um niemanden zu enttäuschen. Die Richter beachten bei ihrer Entscheidung die Aspekte Bindung, Förderkompetenz und Kontinuität im Alltag. „Je älter die Kinder sind, desto wichtiger wird der Kindeswille“, betont der Richter und warnt: „Wer blind vor Wut ist, der kann den Blick für das Kindeswohl verlieren.“ Meixner erinnert sich an einen Fall, bei dem Eltern so vehement um ein Grundschulkind kämpften, dass es ins Heim musste. „Keiner hat dem anderen das Kind gegönnt“, erzählt er. „Es blieb nichts anderes übrig, als dass es an einem neutralen dritten Ort mit. Das mitanzusehen ist auch für einen Familienrichter schwer.“

Der 44-Jährige ist Familienvater und engagiert sich seit 14 Jahren ehrenamtlich in der Vorstandschaft eines Vereins der Kinder- und Jugendhilfe. Der Kinderschutz liegt ihm sehr am Herzen. Die Entscheidung, dass Kinder nicht bei den Eltern leben können, ist nie leicht. „Die Hürden für eine Inobhutnahme sind extrem hoch“, betont er. Manchmal geht es aber nicht anders. Wie bei der drogenabhängigen Mutter, die beteuerte, clean zu sein, um ihre Kinder zurückzubekommen. „Aber bei der Eingangskontrolle am Gericht wurde Rauschgift gefunden.“ Generell gilt: „Keine Entscheidung ist für immer“, sagt Meixner. Und: „Kinder haben ein Recht auf Umgang mit beiden Elternteilen.“

Streit um finanzielle Angelegenheiten bei Scheidungen

Auch ohne Kinder wird bei Scheidungen oft heftig gestritten. „Für die Paare ist ein Lebensentwurf gescheitert“, sagt Meixner. Sein Appell: „Man sollte nicht leichtfertig eine Ehe eingehen. Viele sind sich nicht bewusst, was eine Ehe bedeutet.“ In einem Fall zerbrach die Ehe schon am Hochzeitstag: „Der Bräutigam hatte in der Hochzeitsnacht eine Affäre mit der Trauzeugin und besten Freundin der Frau“, erzählt der Richter.

Häufig gibt es Streit um die Finanzen. Hat sich ein Paar gemeinsam eine Wohnung gekauft, müsste ein Partner dem anderen die Hälfte des Wertes auszahlen. Nicht einfach bei den Münchner Immobilienpreisen. „Oft bleibt nichts anderes übrig, als die Wohnung zu verkaufen“, berichtet Meixner. Er entscheidet auch, wer in der gemeinsamen Wohnung bleiben darf - das sorgt immer wieder für Zündstoff. Manchmal stehen Existenzen auf dem Spiel. Für einen Handwerker, der bei der Hochzeit einen Ein-Mann-Betrieb hatte und im Laufe der Jahre – mit Unterstützung seiner Ex-Frau – eine Firma mit mehreren Mitarbeitern aufbaute, kann es schwierig sein, ihr die Hälfte des Wertzuwachses auszuzahlen. In solche Fällen hilft wie oft am Familiengericht nur: reden. „Bei uns geht es viel um das Zwischenmenschliche“, sagt Martin Meixner. Genau das mag er an seinem Job.

Die Tipps des Familienrichters

Prüfen Sie vor einer Hochzeit, ob die normalen rechtlichen Regelungen zu ihren Verhältnissen passen oder ob sie besser einen Ehevertrag abschließen. Das kann zum Beispiel bei Selbsständigkeit oder bei hohem Vermögen Sinn machen. Auch während einer laufenden Ehe kann ein Ehevertrag geschlossen werden. Machen Sie vor der Ehe eine ehrliche Bestandsaufnahme, was beide Partner besitzen.

Entscheiden Sie als Paar bewusst, wie die Rollenverteilung in der Familie sein soll und wer welche Aufgaben übernimmt. Das Familiengericht orientiert sich bei Umgangsregelungen an der bisherigen Lebenssituation der Familie.

Reden Sie bei Krisen rechtzeitig miteienander, bevor die Fronten verhärtet sind. Holen Sie sich Hilfe bei Beratungsmöglichkeiten. Seien sie dort und auch vor Gericht offen und ehrlich.

Halten Sie Beziehungsstreitigkeiten von den Kindern fern. Übertragen Sie nicht eigene Vorbehalte auf das Kind. Unterstützen Sie den Umgang mit dem anderen Elternteil. Nutzen Sie Unterhaltszahlungen nicht als Erpressungsmittel. Unterhalt udn Umgang sollten getrennt voneinander betrachtet werden.

Wirken Sie mit, wenn Hilfsmaßnahmen angeboten oder vom Gericht festgesetzt werden.

Bedenken Sie die hohen Kosten eines langen Rechtsstreits. Oft kommen beide Partner finanziell besser weg, wenn sie sich einvernehmlich einigen.

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