Scheidungs-Report: Ehekiller Internet

München - Am Anfang war es Liebe. Am Ende bleibt oft nur noch Hass. Warum scheitert fast jede zweite Ehe? Ist’s der Seitensprung – oder hat man sich „auseinandergelebt“? Die überraschende Antwort:

Die Gefahr lauert im Netz!

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Fremdgeh-Boom im Internet

Ein Münchner Arzt ersteigert sich „Jungfrauen mit Attest“, weil ihm das „den besonderen Kick gibt“. Gelangweilte Hausfrauen strecken die Fühler nach einem Liebhaber aus. Frustrierte Ehemänner suchen nach der Jugendliebe. Und Rentner blättern heimlich durch Sex-Seiten. Wo? Im Internet – der virtuellen Welt der schier unbegrenzten Möglichkeiten. Was nach skurrilen Einzelfällen klingt, ist unter deutschen Dächern längst Realität. Unglaublich, aber wahr: Noch vor wenigen Jahren standen „fehlende gemeinsame Zukunftsperspektiven“, „unterschiedliche Lebenseinstellungen“ oder „fehlendes Vertrauen“ ganz oben auf der Hitliste der Scheidungsgründe. Mittlerweile führt immer öfter so mancher Cyber-Klick ins Ehe-Aus.

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In Großbritannien scheitert schon jede fünfte Ehe wegen zu heißer Flirts im sozialen Netzwerk Facebook. Und in München? Die renommierte Münchner Scheidungsanwältin Renate Maltry sagt: „Nach mehr als 25 Berufsjahren ist einem nichts Menschliches mehr fremd.“ Dennoch musste auch sie „richtig schlucken“, als sie kürzlich mit dem Münchner Arzt mit der Vorliebe für Internet-Jungfrauen konfrontiert war. Dörte Schiedermaier von der Kanzlei Maltry Rechtsanwältinnen erklärt: „Rund 40 Prozent unserer Scheidungen haben inzwischen mittelbar oder unmittelbar mit dem Internet zu tun.“ Auch aus anderen Kanzleien ist zu hören, „dass das Internet bei Scheidungen immer öfter eine Rolle spielt“.

Denn was früher undenkbar war, ist plötzlich kinderleicht: Über Netzwerke wie Facebook, die Münchner Erfindung lokalisten.de oder Such-Seiten wie „Wer kennt wen?“ finden immer mehr Männer und Frauen ihre alte Liebe. Oder sie suchen im Netz nach sexuellen Abenteuern und Vorlieben, „die sie zu Hause nicht ausleben können“.

Nicht zuletzt die Altersgruppe 55 plus wird dabei immer aktiver. „Für sie ist das Internet ein Riesenforum“, so Schiedermaier. Als Kontaktbörse – und für Sex-Sehnsüchte aller Art.

Der große Facebook-Knigge

Der große Facebook-Knigge

Fakt ist: In Bayern wurden 2009 rund 25 000 Ehen geschieden – über 3500 nach 25 Ehejahren und mehr. Tendenz steigend. Doch das hat auch andere Gründe. Als 60-Jähriger hat man heute noch einen ganzen Lebensabschnitt vor sich. Gehen er oder sie in Rente, ist die Ehekrise bei vielen Paaren vorprogrammiert. Und so mancher fragt sich: „Will ich mir das noch bis zum Lebensende antun?“

Dann gibt’s, ein bisserl früher, natürlich noch den Münchner in der Midlife-Crisis. Er ist bodenständig, erfolgreich im Job, will aber plötzlich mehr Zeit für sich, kauft ein Motorrad oder ein Cabrio. „Dann kommt schnell die junge Geliebte und die Frauen wissen oft nicht einmal genau, warum es gescheitert ist“, berichten die Anwältinnen Maltry und Schiedermaier.

Die allererste kritische Phase indes setzt bereits mit der Geburt von Kindern ein: Viele Frauen kümmern sich fast rund um die Uhr um die Kleinen. Ihre Männer fühlen sich vernachlässigt. Sie kommen mit der neuen Situation nicht zurecht, ziehen sich zurück. Mancher sucht einen Flirt nebenbei – und sei es nur virtuell vorm PC. Apropos Frauen: In den meisten Fällen reichen sie die Scheidung ein. Die Erklärung der Expertinnen: „Frauen kämpfen lange. Wenn sie sich aber für einen Schlussstrich entschieden haben, ziehen sie das durch.“

Eine geschiedene Münchnerin (70) berichtet der tz: „Vor 30 Jahren wurde man noch behandelt wie eine Aussätzige. Plötzlich haben mich die Frauen unserer Freunde gemieden, als ob so eine Scheidung ansteckend wäre und ich ein schlechter Mensch bin!“

Mittlerweile ist eine Scheidung längst kein Makel mehr. Die Schulklassen sind voller Scheidungskinder. Erste Zeitschriften für „Trennung, Scheidung und Neubeginn“ buhlen um Leser. Im Internet gibt’s haufenweise Racheartikel für Geschiedene zu kaufen, von der Voodoo-Puppe zum Verwünschen der Ex bis zur „Traumfrau zum Kneten“. Das Café Münchner Freiheit bietet Scheidungstorten an, bei Event-Veranstaltern kann man Scheidungs-Partys buchen.

Doch Scheidungen mit Schampus sind (noch) die Ausnahme. Viele Geschiedene leiden – oder sind zumindest tief traurig und enttäuscht. „Sie müssen sich eingestehen, dass sie in einem wichtigen Bereich ihres Lebens gescheitert sind“, erklärt Scheidungsanwältin Maltry und fügt hinzu: „Das ist bitter.“

Claudia Detsch

Rubriklistenbild: © dpa

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