"Scheidungskind bist du ein Leben lang"

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Viele Scheidungskinder bleiben traumatisiert, Manche scheitern in der Schule, nicht wenige leiden an Depressionen

München - 200.000 Ehen gehen in Deutschland Jahr für Jahr in die Brüche. Wie werden Kinder damit fertig? In der großen tz-Serie "Scheidungs-Report München" berichtet ein Münchner Scheidungskind.

Am Anfang war es Liebe. Am Ende bleibt oft nur noch Hass. 200 000 Ehen gehen in Deutschland Jahr für Jahr in die Brüche, über 150 000 minderjährige Kinder sind davon betroffen. Um sie wird besonders erbittert gestritten. Die Scheidung wird immer öfter „zum Anlass genommen, um es dem Ex-Partner noch einmal richtig zu zeigen und sich zu rächen“, sagen Familienrichter und Anwälte. Doch wie werden die Kinder damit fertig? Was fühlen sie, was sagen, was würden sie sich wünschen? Lesen Sie heute, was ein erwachsenes Münchner „Scheidungskind“ der tz berichtet:

Claudia Detsch

"Ich war vier Jahre alt, als sich meine Eltern scheiden ließen. Meine Mutter hasste meinen Vater bis zu seinem Tod für all das Schlimme, was er ihr angetan hat. Fremdgehen, Alkohol, Glücksspiel, einfach alles, was man wirklich niemandem wünscht.“

Edgar P. als junger Mann mit seinem Vater, der mittlerweile gestorben ist

Mit diesen Worten beginnt der Münchner Edgar P. (45) zu erzählen. Von der Scheidung seiner Eltern, die sein ganzes späteres Leben mitbestimmte. Vom Vater, den er nicht mehr sehen wollte. Von der zweiten Ehe seiner Mutter, die ebenfalls scheiterte. Er hatte noch versucht, zwischen dem Stiefvater und der Mutter zu vermitteln. Wohl aus dem inneren Wunsch heraus, eine heile Familie zu haben, wie er heute sagt.

Edgar ist 15, als das passiert. Ein Jahr später versucht er, sich das Leben zu nehmen. Es ist ein Hilfeschrei, den man in der Familie „einfach übergeht“. Seine Mutter schottet Hilfe von außen vehement ab – obwohl ihr Sohn diese so dringend gebraucht hätte.

Er fängt an, „das Ganze zu verdrängen und lange Jahre nur zu funktionieren“. Beruflich wie privat. Er verliebt sich, heiratet. Plötzlich ist es ihm ein Bedürfnis, seinen fast unbekannten Vater ausfindig zu machen und zu seiner Hochzeit einzuladen. Ein Happy End gibt es nicht. Auf Druck der Mutter lädt ihn Edgar wieder aus.

Die Ehe von Edgar P. ist anfangs glücklich. Sie wünschen sich ein Kind. Seine Frau wird schwanger. Doch sie erleidet einen Abgang. Das ist „der Anfang vom Ende unserer Beziehung“. Sie können diesen Verlust nicht überwinden, trennen sich, lassen sich aber erst Jahre später scheiden.

Edgar als kleiner Bub mit seiner Schwester

Langzeit-Studien zufolge ist dieses Verhalten typisch für Scheidungskinder. „Man zögert diesen endgültigen Schritt hinaus, weil man sich das eigene Scheitern nicht eingestehen möchte“, erklärt P. Fakt ist: Ehen von Scheidungskindern scheitern überdurchschnittlich oft. Das Scheidungsrisiko ist laut Experten der Universität Bielefeld besonders hoch, wenn die Kinder in einer Stieffamilie aufgewachsen sind.

Edgar P. hat seinen leiblichen Vater nur noch „vier- bis fünfmal im Leben getroffen“. Jahrelang wollte er keinen Kontakt. Erst 2001 sucht er ihn wieder. Weil ihm erst als Erwachsener bewusst wird, was er all die Jahre tief in seinem Innersten vermisst hat: eine Vaterfigur, seinen Papa. Er erfährt, dass der inzwischen 59-Jährige schwer krank ist und bereits zwei Herzinfarkte und einen Schlaganfall hatte.

Der Sohn besucht ihn und bittet um Verzeihung. Für den kindlichen Hass, den Kontaktabbruch, die Kälte. Der Vater weint.

Monate später wollen sie sich wiedersehen. Edgar will dem Vater sogar die neue Freundin vorstellen. Als er vor der Tür steht, öffnet niemand. Nur der Ton des Fernsehers ist zu hören. Edgar P. besorgt sich einen Zweitschlüssel zur Wohnung des Vaters und findet ihn. Tot. Er hatte wenige Stunden vorher einen weiteren Herzinfarkt.

Als Edgar in der totenstillen Wohnung steht und auf den Notarzt wartet, fallen ihm die vielen Kinderbilder auf. Sie stehen am Schreibtisch, hängen an der Wand. Bilder von ihm und seiner Halbschwester. Mit und ohne Kuscheltier, mal lachend, mal etwas ernster.

Er ist zur Beerdigung eingeladen. Man spricht ihn an, sagt, dass er seinem Vater „wie aus dem Gesicht geschnitten ist“. Verwandte und Freunde erzählen vom Verstorbenen, von seinen guten Seiten, seinen Wünschen, seinem Leben. Der Vater erscheint plötzlich in einem viel positiveren Licht. Edgar P. ist zum ersten Mal fast stolz, „der Sohn dieses Mannes gewesen zu sein“.

Besonders schlimm aber ist die Erkenntnis, „dass ich meinen Vater wiedergefunden habe und ihn kurz darauf für immer verlor“.

Die Einsamkeit und Verzweiflung, die er all die Jahre durchlebte – das würde er am liebsten anderen Scheidungskindern ersparen. Deshalb gründete der Münchner ein Selbsthilfe-Forum im Internet, deshalb spricht er auch mit der tz. Er sagt: „Ich will wachrütteln.“ Denn auch Jahrzehnte nach der Trennung seiner Eltern habe sich wenig verändert. Meist sei beim Thema Scheidung vom Leid der Mütter oder der Väter die Rede. „Doch für viele Eltern sind die eigenen Gefühle in so einem Moment wichtiger. Sie vergessen über dem Rosenkrieg die Ängste und Nöte ihrer Kinder“, sagt Edgar P.

Er weiß, dass seine Geschichte kein Einzelfall ist. Die eigene Scheidung, die Brüche im Berufsleben, die immer wiederkehrenden Depressionen – all das hat mit seinen Kindheitserlebnissen zu tun. „Als Scheidungskind ist man gewohnt, zu verdrängen. Doch wenn man sich nicht irgendwann der Vergangenheit stellt, explodiert man innerlich.“ Edgar P. fand dank professioneller Hilfe von Ärzten und Therapeuten aus der tiefen Krise. Jetzt will er nicht mehr zurückblicken – er schaut lieber nach vorne, schmiedet Zukunftspläne. Doch eines ist ihm wichtig: „Meine Geschichte ist keine Abrechnung. Ich will damit nicht meine Eltern anprangern oder verurteilen.“ Im Gegenteil. Am liebsten würde er ihnen zurufen: „Ich liebe heute euch beide. Von ganzem Herzen!“

Edgar P. betreibt auch ein Selbsthilfeforum für erwachsene Scheidungskinder (eSK). Infos unter: www.eskhilfe.de.vu

Bitte vertragt euch doch!

Ein Fünfjähriger greift zu den Malstiften. Er zeichnet einen kleinen, tapferen Ritter – und rechts und links zwei riesige, feuerspeiende Drachen. Es sind Papa und Mama, die sich nicht mehr verstehen. Und den kleinen Mann fast um Herz und Verstand bringen.

Fakt ist: Einerseits hat sich die Scheidungsforschung von der These verabschiedet, dass Trennungskinder für den Rest ihres Lebens gezeichnet sind. Laut neuen Studien unterscheiden sich rund 80 Prozent dieser Kinder als Erwachsene nicht von Altersgenossen aus „Normalfamilien“. Die Wahrheit ist aber auch: Ein Fünftel aller Scheidungskinder bleibt traumatisiert. Sie haben Bindungs- und Beziehungsängste sowie Probleme im Beruf. Manche scheitern schon in der Schule, nicht wenige leiden an Depressionen.

Ein Münchner Pilotprojekt versucht diesen Teufelskreis zu durchbrechen. „Kinder im Blick“ heißt das preisgekrönte Kurs-Konzept des Familiennotrufs. Die Mütter und Väter absolvieren den Kurs in getrennten Gruppen. Der Hintergedanke: Sie sollen sich austauschen, Hilfe und Beratung finden. Und vor allem realisieren, dass es um wesentlich mehr geht als um ihren Scheidungskrieg – nämlich um die Gefühle und die Zukunft ihrer Kinder. Die Initiatoren sagen: Wenn es gelingt, dass diese Eltern zumindest wieder miteinander reden können, ist viel gewonnen. Wissenschaftler wissen längst: „Es gibt nur eines, was für das Kind noch belastender ist als verheiratete Eltern, die sich ständig streiten: nämlich geschiedene Eltern, die sich ständig streiten.“

Hilfe für Eltern und Kinder

„Kinder im Blick“ heißt der preisgekrönte Krisen-Crash-Kurs des Familiennotrufs. Er soll die Situation von Familien in Trennung erleichtern. Eltern absolvieren den Kurs in getrennten Gruppen. Weitere Infos:

Familien-Notruf München

Pestalozzistr. 46

80469 München

www.familien-notruf-muenchen.de

Natürlich gibt’s auch bei den Familien- und Erziehungsberatungsstellen in den Stadtteilen Rat und Hilfe. Infos unter: www.muenchen.de

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