„Wir fühlen uns von ihr verhöhnt“

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Andrang an der Lebensmittel-Ausgabestelle am Goldschmiedplatz im Hasenbergl.

München - Die hat nicht alle Tassen im Schrank!“ – „Die hat doch keine Ahnung!“ Bei der Münchner Tafel ist man auf Quelle-Alleinerbin Madeleine Schickedanz nicht gut zu sprechen.

Es ist 13.40 Uhr, in 20 Minuten wollen die Bedürftigen ihre Lebensmittel haben. Die ehrenamtlichen Helfer der Münchner Tafel am Goldschmiedeplatz im Hasenbergl stehen in Grüppchen beeinander und schimpfen. Andrea Legl (42) hievt eine Kiste mit Toastbrot aus dem Lkw und donnert ihn auf den Tisch. „Die soll mal hierher kommen…“

Die, das ist Quelle-Alleinerbin Madeleine Schickedanz. Ihre Aussage, ihr Aktienpaket sei „gerade noch“ 27 Millionen Euro wert und sie lebe momentan von 500 bis 600 Euro im Monat , erzürnt am Tag danach sowohl die Bedürftigen als auch die ehrenamtlichen Helfer im Hasenbergl. Sie sind sich einig: „Schickedanz verhöhnt uns!“ Wer es noch nicht gelesen hat, erfährt die größten Aufreger spätestens in der Warteschlange: Schickedanz könne jetzt nur noch eine Pizza und ein Viertel Wein für höchstens 40 Euro beim Italiener bestellen.

„Ach Gott die Arme“, sagt etwa Ilona A. (64), die auf ihre Essensration wartet, mit einem ironischen Unterton. „Ich kann mir gerade eine Aldi-Tiefkühl-Pizza leisten. Wie viele Jahre war ich schon nicht mehr außer Haus essen…“ Über die Aussage, Schickedanz müsse nun auch mal zum Discounter gehen, regt sie sich besonders auf. „Ich wäre froh, wenn ich all meine Lebensmittel beim Discounter kaufen könnte – aber selbst das kann ich mir nicht leisten. Sonst stünden wir ja nicht hier, oder?“

Die anderen in der Schlange murmeln und nicken zustimmend. So wie Ilona A. geht es immer mehr Münchnern. Laut Armutsbericht 2007 gelten bereits 178 600 Bürger als arm, knapp 10 000 über 65-Jährige beziehen Grundsicherung wie Ilona A. Die Wirtschaftskrise wird die Zahl wohl noch erhöhen. Die Tafel-Ausgabestelle am Goldschmiedplatz im Hasenbergl ist trauriges Zeugnis dieser Entwicklung: Sie ist erst vor zwei Wochen als 22. Ausgabestelle in der Stadt und als zweite im Hasenbergl eröffnet worden. Und schon jetzt stehen die Armen, die einen Berechtigungsschein für die Tafel haben, wieder Schlange. „Die Schickedanz soll mal hierher kommen und uns helfen“, sagt die ehrenamtliche Helferin Andrea Legl. „Denn bei dem, was sie sagt, hat sie wohl keine Ahnung, wie es ist, arm zu sein. Das ist doch nur Publicity.“

Ihre Kollegin pflichtet bei: „Die drückt nur auf die Tränendrüse, damit sie nicht mehr für ihre Fehler in der Vergangenheit fertig gemacht wird. Aber das auf dem Rücken der armen Leute zu tun, ist eine Riesen-Frechheit – eine große Verarsche!“ Andrea Legl legt einer Mutter mit einem kleinen Buben eine Ananas in den Kinderwagen.Die Frau lächelt und bedankt sich. Legl schüttelt den Kopf: „Hier kommen vierköpfige Familien her, die von 400 Euro im Monat leben müssen– aber keiner jammert so wie diese Millionärin…“

Nina Bautz

Ich habe nur 300 € im Monat

Eines Tages war der Ehemann weg. Kurz darauf der Job im Optikergeschäft. Man bräuchte „jüngere Gesichter“. Nun steht die 64-jährige Ilona A. Montags in der Schlange bei der Essensausgabe der Münchner Tafel im Hasenbergl. Und vermisst vor allem die oberbayerische Natur. „Einmal wieder zum Starnberger See, das wär’s…“ Solch ein Ausflug ist nicht drin: Weil die Münchnerin schon seit über zehn Jahren arbeistlos ist, bekommt sie lediglich 618 Euro Rente, dazu kommt die Grundsicherung von 347 Euro. Sie rechnet vor: „Von den knapp 1000 Euro gehen gleich mal 450 Euro Miete weg, dann Strom und die monatliche Gebühr für mein Notfalltelefon – und für meine Katze brauche ich noch mal 30 Euro im Monat.“

Ilona A.

Etwas über 300 Euro bleiben Ilona A. noch für Lebensmittel und das tägliche Leben. „Kleidung lasse ich mir seit Jahren nur noch schenken, ich bin ja nicht eitel. Aber um auch gesundes Essen wie Obst und Gemüse zu bekommen, muss ich hierher zur Tafel kommen. Das geht im Laden zu sehr ins Geld.“ Früher hat die gelernte Augenoptikerin einen Schrebergarten gehabt. Pflanzen waren ihr großes Hobby. „Ich habe mit meinem Mann viele Ausflüge ins Umland gemacht. Jetzt komme ich nicht mal mehr aus diesem Viertel raus: Wenn ich mir ein MVV-Ticket leiste, dann für Behördengänge und Arztbesuche, aber nicht für die Freizeit. Das ist das schlimmste am arm sein: dass es nur noch ums Überleben und nicht ums Leben geht.“

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