Jeansladen schamlos gekündigt

Schicki-Micki-Alarm jetzt auch in der Müllerstraße

Der Wohnturm The Seven überragt das Viertel und auch den gemütlichen Jeansladen links. Fotos: Jantz

München - Jetzt ist dem nächsten Traditionsgeschäft im Glockenbachviertel gekündigt worden! Tamara Rohleff (43) muss nach 36 Jahren ihren Jeansladen an der Müllerstraße 1 abwickeln. Die Art und Weise der Kündigung ist beschämend.

Jetzt ist dem nächsten Traditionsgeschäft im Glockenbachviertel gekündigt worden! Tamara Rohleff (43) muss nach 36 Jahren ihren Jeansladen an der Müllerstraße 1 abwickeln, nachdem ihr der Eigentümer lapidar geraten hatte: „Gehen Sie zum Ostbahnhof.“ Das Geschäft und die Kunden würden nicht mehr in das Viertel passen!

Es ist in der Tat eine exklusive Nachbarschaft: Zwei Berliner Designerinnen residieren nebenan in einem schicken Geschäft. Zweihundert Meter weiter entsteht gerade der Luxus-Wohnturm The Seven. Bald beziehen hier die Eigentümer ihre bis zu 16 Millionen teuren Wohnungen mit Traumblick über München.

Tamara und ihre Mutter Sylvia.

Schicki-Micki-Alarm in der Müllerstraße! Tamara Rohleff ist fassungslos: „Was hat der Herr bloß gegen meine Kunden? Ärzte, Rechtsanwälte, Polizisten, Feuerwehrleute und ganz normale Leute kaufen bei mir ein.“ Sie vermutet einen anderen Grund: „Mein Laden ist nicht schick, nicht trendig genug.“ Das etwa 80 Quadratmeter große Geschäft kommt ganz ohne Schnickschnack aus. Keine ausgeklügelte Beleuchtung, kein Farbkonzept eines Innenarchitekten, kein edler Bodenbelag, keine goldenen Lettern über dem Schaufenster – und auch keine Designerhosen. „Aber alles super Ware aus Italien“, sagt Tamara Rohleff.

Ihre Kunden, wie Deutsche-Eiche-Wirt Dietmar Holzapfel, sind empört über die Kündigung. „Ich finde es sehr bedauerlich, dass wieder ein alter Laden aus dem Viertel verschwinden soll“, sagt der Gastronom. „Warum der Laden nicht mehr hierher passen soll, ist mir schleierhaft. Es gibt dort sehr günstige, aber auch immer aktuelle Mode.“

Im April 1977 sind die Rohleffs in das Geschäft an der Müllerstraße 1 gezogen. Tamara war damals sieben Jahre alt. „Ich habe hier fast mein ganzes Leben verbracht.“ Ihr Vater Karl-Heinz, heute 83, war durch Zufall zum Jeanshändler geworden. Als er noch Autoverkäufer war, kam eines Tages ein Italiener an. Er kaufte einen Fiat Dino, einen Sportwagen. Weil er nicht genug Geld hatte, zahlte er den Rest mit 100 italienischen Jeans. Karl-Heinz Rohleff verkaufte sie mit Gewinn, schmiss seinen Job und machte einen Jeansladen zunächst in der Augustenstraße auf.

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In den vergangenen fast vier Jahrzehnten machte die Familie gerade mal eine Woche zusammen Urlaub, nur vier weitere Tage war das Geschäft geschlossen. „Einen davon waren wir bei der Beerdigung der Frau des Hauseigentümers.“

Auch deshalb können die Rohleffs nicht verstehen, warum sie raus müssen. „Wir haben uns immer super mit den Besitzern verstanden. Sie haben uns am Anfang sehr unterstützt.“ Doch nach dem Tod der Frau habe sich die Stimmung verändert. „Dabei ist überhaupt nichts vorgefallen“, sagt Tamara Rohleff.

Eigentlich sollten die Rohleffs schon Ende März den Laden geräumt haben. Doch weil die Kündigung nach Ansicht ihres Anwalts nicht rechtmäßig ist, hat der Jeansladen noch eine Schonfrist. „Wir würden so gerne bleiben“, sagt Tamara Rohleff. „Wir könnten auch mehr Miete zahlen.“

Der Hauseigentümer wollte sich auf Anfrage der tz nicht äußern.

jam

Metzger vor dem Aus

Auch Klenze-Metzger Thomas Schäfert (45) muss raus aus seinem Geschäft. Nach 23 Jahren hat ihm die Sedlmayr Grund und Immobilien KGaA den Mietvertrag nicht verlängert (tz berichtete). Damit muss einer der letzten Metzger das Gärtnerplatzviertel verlassen. Nach dem 30. Juni blicken Thomas Schäfert, seine Frau Sompon (36) und Sohn Dominik (16) einer ungewissen Zukunft entgegen. Denn: Sie müssen auch aus der mitvermieteten Wohnung an der Klenzestraße ausziehen.

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