Schlachtfeld Schwabing

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1962 ging die Polizei in Schwabing gegen Musiker, Künstler und Demonstranten vor. 10 000 Menschen protestierten gegen das willkürliche Vorgehen der Staatsmacht

München - 1962 eskaliert im Münchner Künstlerviertel Schwabing die Auseinandersetzung zwischen empörten jungen Leuten und der Polizei. Die Straßenkämpfe jähren sich zum 50. Mal.

Nächtelang tobt die Straßenschlacht: Lange vor den Studentenunruhen eskaliert 1962 im Münchner Künstlerviertel Schwabing die Auseinandersetzung zwischen empörten jungen Leuten und der Polizei. Die Schwabinger Krawalle gehen in die deutsche Geschichte ein.

Der Anlass ist nichtig. Fünf Straßenmusiker mit Gitarren, drumherum gut gelaunte Zuhörer. Ein Anwohner beschwert sich, die Polizei nimmt die Musikanten mit. Das fröhliche Fest endet in nächtelangen Straßenschlachten. Die Schwabinger Krawalle beunruhigten das prosperierende Adenauer-Deutschland – und sind bis heute ein unrühmliches Blatt in der Geschichte der Polizei.

Teils berittene Beamte und bis zu 10 000 Protestierer lieferten sich Schlägereien. Es gab hunderte Festnahmen und viele Verletzte. Bis heute suchen Historiker Erklärungen für die Eskalation. „Es war politisch überhaupt nicht gerichtet“, sagt der Schauspieler Wolfram Kunkel über das Geschehen. Der 69-Jährige war einer der Musiker – und damit „Auslöser“. „Ich meine, es war schlicht wie ein Kübel kaltes Wasser auf einen vergnüglichen Nachmittag und Abend. Den Leuten hat gefallen, was wir gespielt haben. Das wollte man sich da nicht wegnehmen lassen.“ Ein „südliches Gefühl“ sei übergekocht.

Der 21. Juni 1962 war der erste schöne Sommertag, viele genossen den warmen Abend. Der Feinmechanikerlehrling Kunkel und vier Freunde spielten an der Leopoldstraße: Spirituals, Blues, Volksweisen.

Fünf Nächte gehen die Auseinandersetzungen. Flaschen und Steine fliegen. Auch Touristen und Anwohner, die in ihre Häuser wollen, bekommen laut Fürmetz Schlagstöcke ab. Die Beamten sind überfordert, klare Vorgaben fehlen. Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel (SPD) versucht mit den Protestierern zu sprechen – erfolglos. Gegen rund 250 junge Leute wurde ermittelt, gut 50 Strafen – teilweise mit Haft – wurden verhängt. Polizisten wurden kaum belangt. Ob die Krawalle das Entstehen der 1968er Bewegung beeinflusst haben, bleibt ebenso umstritten wie ihre Wirkung auf den späteren RAF-Terroristen Andreas Baader. „Weißt du Mutter, in einem Staat, wo die Polizei mit Gummiknüppeln gegen singende junge Leute vorgeht, da ist etwas nicht in Ordnung“, zitiert der Publizist Butz Peters Baaders Mutter. Das Vorgehen der Polizei sei für den 19-jährigen ein Schock gewesen.

Kunkel erlebte keine derartige Prägung. Von vielen Vorwürfen gegen ihn von kommunistischen Umtrieben bis Landfriedensbruch blieben ruhestörender Lärm und übermäßige Benutzung des Gehsteigs – als Bühne. Seine Geldstrafe zahlte eine Zeitung.

tz

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