„Man kann auch mit 1,60 Meter dazwischen gehen“

S-Bahn-Retterin Claudia M. im Interview

München - Und die Münchner zeigen doch Zivilcourage! Im Fall der Schlägerei am Samstagabend in der S1 haben mehrere Münchner eingegriffen und geholfen, dass die Täter geschnappt werden. Eine Helferin im tz-Interview.

Auch die zierliche Journalistin Claudia M. (31) ist dazwischengegangen.

Wann wussten Sie, dass die Situation eskaliert?

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Claudia M.: Schon beim Rufen eines Täters: „Was willst du?“. Die Stimme war so aggressiv. Gesehen habe ich in diesem Moment noch gar nichts, weil ich eine Sitzgruppe weiter hinten saß. Trotzdem bin ich sofort aufgesprungen und hingerannt.

Sie haben keine Sekunde gezögert?

Claudia M.: Nein, keine Sekunde. Man stellt sich immer vor, dass man die Gefahren abwägen würde – bei mir war’s dann aber einfach ein Reflex. Ich habe mich vor das Menschenknäuel gestellt und ganz laut geschrien: „Hört sofort auf! Ich hole die Polizei!“

Das hat die Täter aber nicht abgehalten …

Claudia M.: Nein, ich bin ja nur 1,60 Meter groß. Aber mittlerweile waren wir an der Haltestelle Hackerbrücke angekommen – und ich habe nur gedacht: Die dürfen nicht entkommen. Auch weil ich den Holzprügel gesehen habe – so etwas hat man nur aus einem Grund dabei … Also habe ich die anderen aufgefordert, die Lichtschranken an den Türen zu blockieren, damit die S-Bahn nicht weiterfahren kann. Währenddessen habe ich den Leuten am Bahnsteig zugebrüllt, dass sie die Polizei rufen sollen, was sie sofort gemacht haben. In diesem Augenblick ist auch schon einer der Täter an mir vorbei ins Freie geflüchtet.

Was war da Ihr erster Gedanke?

Claudia M.: ‚Scheiße, nicht so schnell!‘ – Ich hatte mir nur merken können, dass er schwarze Haare hat und jung war. Klar, er hätte mir im Vorbeigehen eine mitgeben können. Aber selbst dann – wenn ich nicht geholfen hätte, hätte ich mich danach nicht mehr im Spiegel ansehen können. Bei einem Messer oder einer Waffe hätte ich vielleicht auch anders reagiert. Das stark blutende Opfer habe ich auch erst danach gesehen – das sah wirklich heftig aus.

Welches Bild haben Sie heute zuerst vor Augen?

Claudia M.: Komischerweise das, als ein aufgestyltes Mädl im Abteil uns Helfern zugerufen hat: „Können wir jetzt mal weiterfahren? Ihr habt die Fahrt lange genug aufgehalten.“ Da geht mir jetzt noch die Hutschnur hoch. Das zweite Bild ist das des Opfers, als ich mich draußen um ihn gekümmert habe. Er hat ganz höflich seinen Handschuh ausgezogen und mir die Hand hingestreckt: „Hi, ich bin Mirco“ – und nach meiner Telefonnummer gefragt, um sich später zu melden. Wahnsinn, wie gefasst der war.

Und wie ging es Ihnen danach? Wie haben Sie in dieser Nacht geschlafen?

Claudia M.: Schlecht, aber nicht etwa, weil ich Albträume hatte. Ich war noch so aufgeputscht und voller Adrenalin.

Ihre Hinweise haben mit zur Ergreifung der Täter beigetragen. Sind Sie im Nachhinein selbst über Ihren Mut erstaunt?

Claudia M.: Alle reden von Mut. Aber ich musste mich nicht überwinden. Auch mit 1,60 Meter kann man doch dazwischen gehen, indem man aufsteht und brüllt. Es haben ja auch andere Fahrgäste geholfen. Die beiden Jungs, die probiert haben, dazwischenzugehen, waren höchstens 20 Jahre alt und bei weitem keine Bodybuilder. Vielleicht liegt das bei mir auch in den Genen. Meine Mutter hat mal etwas ähnliches in einer Hamburger S-Bahn gemacht. Die ist gerade mal 1,50 Meter groß …

Nina Bautz

Rubriklistenbild: © Ralf Kruse

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