Naturschützer gegen Partyvolk

Schlauchboot-Schlacht auf der Isar: So umkämpft ist der Fluss

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Voll im Trend: Ein Ausflug auf der Isar ist für die meisten Spaß und Nervenkitzel. Die vielen Menschen, die zu den Einstiegsstellen laufen und ihre Boote mittragen, hinterlassen aber auch Spuren in der Umwelt.

Riskante Touren auf der Isar sind ein Trend – und für einige ein gutesGeschäft. Die Fahrten auf dem Wildwasser-Fluss sind für viele eine Party. Doch die Gefahr fährt immer mit – und die Natur leidet. Was ist nur los auf der Isar?

Wolfratshausen/München – Junge Leute wuseln durcheinander, lachen, trinken Bier, aus kleinen Boxen schallt Musik. Party-Stimmung am Isarufer in Wolfratshausen. Gleich aber soll es von der Einstiegsstelle auf den Fluss gehen: Die Feiernden wollen sich die Isar entlangtreiben lassen, gen München, mit dem Schlauchboot. Auch Tobias, Lehramtsstudent aus München, beginnt seine Bootstour mit zwei Freundinnen hier. „Wir wollen einfach den geilen Sommertag genießen und Spaß haben“, sagt er. Aber so ein Traumtag kann schnell eine böse Wendung nehmen – für Mensch und Natur.

Am Mittwoch erst zogen Rettungskräfte vier Kanufahrer bei Landshut aus der Isar. Vor knapp zwei Wochen mussten 79 Retter in einer dramatischen Aktion fünf Ausflüglern zu Hilfe kommen, die in einem Schlauchboot auf die Isar gegangenen waren – bei Hochwasser. Mit zwei Hundewelpen an Bord schafften sie noch zwei Stromschnellen, dann prallte ihr Boot an einen im Fluss treibenden Stamm. Es kenterte. Auch wenn dieser Unfall dank eines aufmerksamen Fußgängers und der Retter glimpflich ausging und niemand ums Leben kam: Riskante Touren auf dem Fluss sind kein Einzelfall, sie liegen sogar im Trend.

Zahl der Unfälle gleichbleibend - aber mehr Boote auf der Isar

Unfälle auf der Isar in München passieren den Zahlen von Feuerwehr und Polizei nach nicht häufiger als im vergangenen Jahr. Aber: „Der Hype ums Schlauchbootfahren hat auf jeden Fall zugenommen“, sagt Michael Greiner, einer der Isarretter der Wasserwacht München. Mit dem richtigen Boot, sagt er, machen solche Touren richtig Spaß: „Eine Fetzengaudi.“ Nur nicht bei Hochwasser oder mit dem falschen Boot. Oder einem Schwimmring mit Palme oder in Einhornform. Ja, auch das kommt vor auf dem Wildfluss Isar.

Christof Waldecker sieht viele Unfälle jeden Sommer, wenn er mit seinem Canadier auf der Isar unterwegs ist. Er hat grundsätzlich nichts gegen die Ausflügler, aber das „Wie“ stört ihn. Viele seien schlicht und ergreifend zu schlecht ausgerüstet für eine Fahrt auf der Isar, sagt der Sportpaddler und Ausbilder der Bayerischen Einzelpaddlervereinigung. „Die meisten haben außer ihrem Kasten Bier nix dabei.“ Schwimmwesten: Fehlanzeige. Erste-Hilfe-Kit: Fehlanzeige. Häufig griffen die Ausflügler beim Schlauchboot zum Discounter-Modell. Unverantwortlich, sagt Waldecker. „Solche Boote sind sehr schwer zu steuern, und die Isar ist gefährlich.“

Fast immer dabei: ein Kasten Bier.

Strömungen und Treibholzhaufen, manchmal auch der Wind, seien stärker als viele der leichten Boote. Dann, sagt Wildecker, hätten die ungeübten Fahrer keinen Einfluss mehr darauf, wo ihr Schlauchboot hintreibt – und ob es vielleicht von einem spitzen Ast angestochen die Luft lässt. Droht eine Kollision, sei Ausweichen außerdem nahezu unmöglich. Immer wieder kommen Waldecker und andere Sportpaddler den gekenterten Bootsfahrern zu Hilfe, bringen sie zurück ans Ufer. Weist Waldecker die Geretteten danach auf ihre unzureichende Ausrüstung und Vorbereitung hin, erntet er oft nur genervte Blicke. „Die Einsicht geht den meisten in diesen Momenten leider ab“, sagt er.

Angetrunkene schreien „Juhu“, wenn das Boot kentert

Das liege auch am Alkohol, den viele Schlauchbootfahrer intus haben. Erst neulich habe er eine Gruppe junger Leute an Land gebracht, die in ein Holzhindernis fuhren – und dabei jubelten. „Die haben alle ,Juhu‘ geschrien, als ihr Schlauchboot gekentert ist“, sagt Waldecker. Einer war so betrunken, dass er gar keine Reflexe mehr hatte. „So etwas ist lebensgefährlich.“ Waldeckers Vorschlag: maximal zwei Bier pro Teilnehmer. Alles andere hält er für ein echtes Risiko.

Die Sicherheit für Leib und Leben ist also die eine Sache. Eine andere ist der Schutz der Umwelt. Viele Schlauchboote ziehen in einem separaten kleinen Boot Biertragl hinter sich her, und am Ende treiben unzählige Bierflaschen in der Isar oder stranden am Ufer. Waldecker fürchtet, dass das den Fluss gefährdet, das Ökosystem, Fischlaich, Vögel. „Jeder, der sich auf und um die Isar bewegt, sollte sie als einzigartigen Lebensraum akzeptieren und schätzen.“

Manche Bereiche der Isar sind zwar gesperrt. Aber Angetrunkene und Ausflugshungrige achten nicht immer auf die Schilder. Was also ist zu tun, damit die Schlauchbootfahrer nicht nur Bier, sondern auch mehr Verständnis für die Isar und ihr wildes Wasser mitbringen? Darüber sind sich die verschiedenen Isar-Liebhaber uneinig.

Für Raftingtour-Anbieter ist der Isar-Trend eine Quelle guten Geschäfts. Wenn wie am vergangenen Wochenende die Stadt München und der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen vorübergehend Fahrverbote wegen Hochwassergefahr aussprechen, kommt das bei den Unternehmern nicht gut an. Sie wollen mitreden, wann diese Vorsicht angemessen ist. Aber ihre Stimme ist für die Behörden nur eine von vielen. Neben Rettern und Wasserwirtschaftsamt.

Auch dieser Streit zeigt: Auf Dauer verlangt die Lage nach mehr Klarheit. Die Einzelpaddler setzen auf Freiwilligkeit und wollen aufklären, die Leute zur Vernunft bringen, sagt Waldecker. Er und seine Kollegen drehten dafür drei Internet-Videos: Wie kleidet man sich richtig, wie handhabt man ein Schlauchboot? Und was sind die Risiken, wenn man sich nicht daran hält. Sie richten eine Internetseite ein, mit Infos zum richtigen Umgang mit der Isar. „Wir wollen“, sagt Waldecker, „auf keinen Fall mit dem Finger auf die Schlauchbootfahrer zeigen und sagen: Ihr seid die Bösen.“

Verein Rettet die Isar jetzt: „Ohne Verordnung wird die Isar eine Event-Arena“

Andere haben drastischere Vorschläge. Der Lenggrieser Verein „Rettet die Isar jetzt“ zum Beispiel. Chef Karl Probst vergleicht die Situation auf der Isar mit dem Straßenverkehr, der auch nicht mit freiwilligen Maßnahmen auskommt. Eine Verordnung, also eine offizielle und verbindliche Regelung, hält er für unverzichtbar. „Wir wollen niemandem was wegnehmen“, sagt Probst. Aber eindämmen will sein Verein die Fahrten schon, vor allem die kommerziellen.

Die Angebote von Rafting-Firmen sollten, so Probst, nicht weiter zunehmen. Noch in den 1990ern waren vor allem private Boote unterwegs. In den vergangenen 20 Jahren aber wurde etwa die Einlassstelle von Bad Tölz beliebter, besonders bei den gewerblichen Anbietern. „Ohne Verordnung ist der Wildfluss-Charakter nicht zu erhalten“, sagt Probst. „Sonst wird die Isar eine Event-Arena.“

Eine Verordnung könnte etwa die Größe der Boote regeln und Zeiten, in denen das Fahren auf der Isar nicht erlaubt ist, während der Laichzeit oder nachts. Und freilich bei Hochwasser. Das fordert auch der Isartalverein. „Gut gemeinte Warnungen sind wirkungslos“, kritisiert der Verein. Nur bei einem Verbot kann eine Sanktion folgen: ein Bußgeldbescheid. Das Problem: Dann bräuchte es mehr Isar-Ranger oder anderes Personal. Und Einzelpaddler Waldecker fürchtet, dass das nicht nur Bootstouristen, sondern auch Sportler einschränkt. Trotzdem weiß er: „Wir können das Problem nur gemeinsam lösen.“ Denn ändern muss sich etwas.

Simon Nutzinger und Sophie Rohrmeier

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