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Schlüsseldienst zockt Opa ab

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Hinter dieser Tür war Tabea (2 Jahre alt) gefangen. Ihr Großvater Karl R. (74) ließ in seiner Not einen Schlüsseldienst kommen. Doch statt der vereinbarten 100 Euro verlangte der Notdienst satte 337,84 Euro. © Mell

Freising - Es war ein Sonntag, als Karl R. (74) dringend einen Schlüsselnotdienst brauchte: Seine Enkelin Tabea hatte sich im Gäste-WC eingesperrt. Die Zweijährige schaffte es einfach nicht, den Schlüssel wieder umzudrehen.

In seiner Not ließ der Freisinger eine Fachfirma kommen – mit teuren Folgen. Statt der zugesagten 100 Euro wollte der Mann vom Schlüsseldienst 337,84 Euro! „Er hat ausgenutzt, dass ein Kind gefangen war“, ärgert sich Karl R. „Ich musste zahlen. Ich konnte die Kleine nicht länger dort eingesperrt lassen.“

Am Sonntagnachmittag vor einer Woche sitzen die Zwillinge Tabea und Rafaela mit Opa und Oma am Esstisch. Sie spielen und singen zusammen. Die Kleinen sind oft bei ihren Großeltern. „Wir haben viel Freude an den Kleinen.“ Irgendwann stiehlt sich Tabea davon. Wenige Augenblicke später schaut Karl R. nach ihr, er findet sie nicht. Dann hört er ihre Stimme aus dem Gäste-WC. Er drückt die Klinke, will die Tür aufmachen. Sie ist zu. „Tabea hatte irgendwie den Schlüssel rumgedreht, sie war eingesperrt.“ Während Oma Elisabeth die Kleine beruhigt, ruft Karl R. seinen Sohn an. Der telefoniert seine Handwerker-Spezl durch. Doch an diesem Sonntag erreicht er keinen – auch den örtlichen Schlüsseldienst nicht. Also surft Tabeas Vater im Internet. Er stößt auf einen Aufsperrdienst in Attenkirchen. 100 Euro sollte das Aufsperren kosten, meint der Mann vom Notdienst.

Nach einer halben Stunde ist der Mitarbeiter da – Tabea ist schon gut 50 Minuten eingesperrt. Doch statt schnell die WC-Tür zu öffnen, will der Notdienst-Mann erst mal das Geschäftliche regeln. „Er schrieb eine Rechnung. Statt 100 wollte er plötzlich 337,84 Euro. Wegen Sonntagszuschlag und so weiter“, sagt Karl R.

Dem pensionierten Oberstudiendirektor bleibt keine Wahl. Er zahlt. Tabea ist schließlich schon eine Stunde eingesperrt – in Sekundenschnelle öffnet der Abzocker dann die Tür. Am nächsten Tag erstattet Karl R. bei der Freisinger Polizei Anzeige wegen Nötigung.Die Beamten ermitteln nun auch wegen Wuchers. Gegen den Schlüsseldienst sollen zig Anzeigen laufen. Tabea hat die Zeit in der Toilette tapfer ertragen. Den Schlüssel freilich hat ihr Opa sofort versteckt. „Das passiert uns nicht noch mal.“

Jacob Mell

So schützen Sie sich vor überteuerten Preisen beim Notdienst

Wie schützt man sich vor unseriösen Schlüssel-Notdiensten? Im Fall der Wohnungstür ist es natürlich am besten, einen Ersatzschlüssel beim Nachbarn zu deponieren. Das Verbraucherschutzministerium warnt davor, einen Zweitschlüssel in einem Versteck aufzubewahren, zum Beispiel unter der Fußmatte. Einbrecher kennen viele dieser Verstecke ganz genau.

Ist der Notfall dennoch eingetreten, sollte man nicht diejenigen Notdienste beauftragen, die in den Branchenbüchern besonders hervorgehoben sind. Wenn der Firmenname mit vielen „A“ beginnt, ist Vorsicht geboten: Die Betriebe zielen nur darauf ab, an erster Stelle im Verzeichnis zu stehen. Skeptisch sollte man auch sein, wenn keine Post-Adresse angegeben ist. Empfehlenswert sind Firmen, die auf die Mitgliedschaft in einem Fachverband hinweisen. Schon beim Anruf sollte man sich – am besten mit einem Zeugen – nach den Kosten inklusive Anfahrt erkundigen. Ein seriöser Monteur wird sich ausweisen und überprüfen, ob der Kunde tatsächlich in dem verschlossenen Haus wohnt. Zugeschlagene Türen können in der Regel ohne Beschädigung geöffnet werden. Zerstört der Schlüsseldienst das Schloss, kann das auf Abzocke hindeuten. Verlangt der Monteur einen höheren Preis als abgesprochen, sollte man nur die zuvor vereinbarte Summe zahlen. Im Ernstfall kann man drohen, die Rechnung bei der Handwerkskammer prüfen zu lassen.

Das Amtsgericht München hielt die Rechnung eines Notdienstes von 180 Euro für Wucher (AZ: 141 C 27160/03). Der Monteur hatte lediglich zwei bis drei Minuten für das Öffnen der Wohnungstür gebraucht. Laut Gericht seien dafür an einem Werktag zur Tageszeit 50 Euro angemessen.

TOM

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