Schock-Zahlen: 2070 Münchner am Bett fixiert!

München - Diese Zahl: Sie ist einfach nur erschreckend. Mehr als 2070 Menschen in München dürfen sich nicht frei bewegen, noch nicht mal in ihrem Zimmer. Sie sind am Bett oder einem Stuhl fixiert.

Nicht als Strafmaßnahme – sondern, weil sie krank oder verwirrt sind. Weil sie sich nach amtlicher Einschätzung selbst verletzen oder weglaufen könnten.

Ein Missstand, so stellte die bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU) gestern fest. Ein Missstand, der jetzt behoben wird. Denn, so Merk: „Es handelt sich um einen massiven Eingriff in die Freiheit.“ Nach ihren Angaben werden bundesweit 98 000 Pflegepatienten ans Bett gefesselt, ein Viertel davon in Bayern. Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Garmisch-Partenkirchen. Dort setzten sich Pflegekräfte, Betreuer, Verfahrenspfleger und Richter an einen Tisch, um eine menschenwürdige Lösung zu finden. Eine solche bietet sich in den meisten Fällen an: Um zu verhindern, dass Patienten aus dem Bett fallen, können Niederflurbetten zum Einsatz kommen. Um Oberschenkelbrüche zu vermeiden, können die Patienten Sturzhosen tragen. Ergebnis: 70 Prozent der Fixierungen sind nicht mehr nötig!

Dieses „erdenfelser Modell wird jetzt auch in München angewandt. Nach und nach soll bei allen Patienten überprüft werden, ob das möglich ist. Gerhard Zierl, Präsident des Amtsgerichts: „Die Zahl der 2070 Fixierungen wollen wir drastisch zurückschrauben.“ Warum nicht schon früher? Eine Fixierung, so Zierl, „galt lange als der unausweichliche Weg“. Aus Sorge vor Unfällen hätten viele Heime die Maßnahme beantragt. Zierl: „Fürsorge führt zur Fesselung.“

Rudolf Mayer, Chef des Betreuungsgerichts (16 Betreungsrichter kümmern sich in München um 15 300 Patienten) nennt als Beispiel den Fall einer 66-jährigen dementen Frau: Nachts wurde sie mit einem Bauchgurt ans Bett gefesselt, tagsüber wurde ihr Rollstuhl an eine Kette gelegt. „Die Kette fand ich unerträglich“, so Mayer. Dank Niederflurbett und Speziarollstuhl sind diese heftigen Maßnahmen heute nicht mehr nötig.

Mayer hat sich schon ein weiteres Ziel gesetzt: Auch die „chemische Fixierung“ durch Medikamente soll drastisch reduziert werden. Die Unterstützung der Ministerin hat er. Merk: „Ich bin sehr stolz, was hier geleistet wird.“

Sozialexperte Claus Fussek, der seit vielen Jahren Missstände in der Pflege kritisiert, zur tz: „Ich bin begeistert vom Werdenfelder Modell – Kompliment an die Richter! Viele Heime kommen ganz ohne Fixierungen aus. Das sollte längst Standard in allen Pflegeheimen sein.“

Eberhard Unfried

Rubriklistenbild: © dpa

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