tz-Interview mit OB Christian Ude, Teil 1

Schön, im Jubeljahr als OB dabei zu sein!

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Christian Ude ist und bleibt bekennender Hetero. Im tz-Sommerinterview nahm er auch zu anderen Themen teils kristisch Stellung.

Über den Dächern der Stadt sollte es sein und grün. So stellte sich Oberbürgermeister Christian Ude (60) den Austragungsort des tz-Sommerinterviews in diesem Jahr vor. Eine hervorragende Wahl war da das Kultur- und Bildungszentrum am Gasteig.

Haben Sie beim Stadtgeburtstag in diesem Jahr auch noch etwas Neues über München gelernt?

Christian Ude: Sehr viel sogar, weil es ja nicht nur den folkloristischen Rückblick gab, auf den Brand der Föhringer Brücke, auf die Schäffler und die Moriskentänzer, sondern auch tiefschürfende Analysen: Das beginnt schon mit der Geburtsstunde der Stadt, die ja in der Wissenschaft sehr umstritten ist. Wurde da wirklich eine Brücke abgebrannt oder hat sich die Geschichte nicht ganz anders zugetragen? Ich habe auch viel über die klösterlichen Ursprünge der Stadt erfahren. Der Mönch ist ja ein bisschen zum Wappentier der Stadt verkommen, aber wie sehr München durch mönchische Kultur und Tradition geprägt worden ist, war mir nicht bekannt. Über die Geschichte des Dritten Reiches glauben wir immer alles zu wissen, und dann kommt doch immer wieder Fürchterliches heraus, zum Beispiel auch über die Verstrickung der Stadtverwaltung in nationalsozialistisches Unrecht.

Welche Eindrücke haben die bisherigen großen Feste hinterlassen?

Es ist die Haupterfahrung für mich – nicht nur bei den beiden populären Großfesten – dass die Münchner Bevölkerung sich in einem wirklich beglückenden Ausmaß mit der Stadt identifiziert, sich hier wohlfühlt und sogar ein Grundgefühl der Dankbarkeit entwickelt hat, dass man hier lebt und nicht irgendwo anders. Eine solche fast 100-prozentige Zustimmung wie etwa am Wochenende des Altstadtringfestes habe ich vorher nicht erlebt.

Ude feiert ausgelassen

Der OB auf dem Brückenfest: Oberbürgermeister Christian Ude über die Idee ein Brückenfest zu veranstalten und seine Eindrücke der bisherigen Feierlichkeiten zum 850. Stadtgeburtstags. Michel Marcolesco und Uwe Niederdräing im Gespräch mit dem Stadtoberhaupt.

Schön, wenn man in einem so besonderen Jahr Oberbürgermeister ist und nicht Pensionär – wie es nach Ihrer ursprünglichen Lebensplanung gewesen wäre!

Der Gedanke ist mir durchaus gelegentlich durch den Kopf gegangen. Als Pensionär hätte ich natürlich eine höhere Lebensqualität, könnte tagsüber stundenlang Bücher lesen oder radeln, wann immer mir danach zumute ist. Aber die Befriedigung, die das Amt gerade in so einem Jahr des Stadtgeburtstages verschafft, ist schon unglaublich. Es war zwar ein besonders terminreiches Jahr, weil es praktisch keinen Wochenendtag ohne fünf, sechs Termine gab, aber es waren ausnahmslos erfreuliche Termine.

Es gibt also keinen Grund, die Entscheidung, noch mal anzutreten, zu bereuen?

Überhaupt nicht. Ich bin wirklich über die Entwicklung glücklich. Mir macht es Freude, die Stadt weiterzuentwickeln, im Deutschen Städtetag auf bundespolitischer Ebene etwas für die Städte zu erreichen. Neuerdings sogar auf europäischer Ebene.

Hat sich nach Ihrem sogenannten Hetero-Outing die Gerüchteküche beruhigt?

Dieses unterschwellige Gegrummel musste mal ganz offen angesprochen werden. Ich finde es ja überhaupt nicht beleidigend, wenn über jemanden gesagt wird, er sei schwul. Das ist ja nichts Minderwertiges. Ich finde es nur empörend, dass jemand mir unterstellt, ich würde mich nicht zu meinem tatsächlichen Leben bekennen und eine Art Doppelleben aufführen: Das halte ich für diskriminierend. Ein solches Getuschel ist auch für meine Frau nicht schön. Jetzt kann jeder im Internet nachschauen, wer da das Gerücht verbreitet: Es sind rechtsextreme Gruppen, die den Christopher Street Day bekämpfen und dort auch als störende Formation auftreten. Denen bin ich ein Dorn im Auge.

Können wir das Thema Ude-Nachfolge kurz ansprechen?

Mich wundert wirklich die Regelmäßigkeit, mit der diese Frage aufgeworfen wird, denn meine Amtszeit dauert bis 2014, ist also länger als die des künftigen Bundestags, den wir erst im nächsten Jahr wählen!

Zwei Aspiranten im Rathaus sind bekannt: Bürgermeisterin Christine Strobl und SPD-Fraktionschef Alexander Reissl. Gibt es schon Machtkämpfe im Rathaus?

Zum Glück hat die SPD mehrere herausgehobene Funktionen – das belebt das Geschäft. Den ersten Zugriff hat der Parteivorsitzende Franz Maget. Er wäre in all den Jahren eine optimale Besetzung gewesen, wenn mir etwas zustößt, und könnte es auch in Zukunft sein. Eine Bürgermeisterin, die schon Aufgaben der Stadtspitze wahrnimmt, ist natürlich ebenfalls prädestiniert. Auch der Fraktionsvorsitzende gehört zum engeren Kreis – aber auch andere. Die Münchner SPD sollte sich jetzt erstmal fragen, wie sie möglichst viele der acht Landtagskandidaten in ein Direktmandat bringt und mit wem sie in Zukunft in Berlin vertreten sein will. Darüber redet kein Mensch. Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf das Amt des OB, als ob es das einzige wäre.

Es ist halt das tollste.

Das stimmt allerdings.

In den letzten Tagen kam in den Reigen der möglichen OB-Kandidaten auch der Landtagsabgeordnete Hans-Ulrich Pfaffmann. Wann soll er denn nun den Vorsitz der Münchner SPD von Franz Maget übernehmen?

Ob Franz Maget zu beerben ist und wann, entscheidet er alleine. Er war ja für die Münchner SPD ein Glücksfall, weil er mit seiner Teamarbeit, mit seiner Fähigkeit, Mitstreiter zu motivieren, der Münchner SPD, die mal ein zerstrittener Haufen war, unglaublich gut getan hat. Wenn er sich auf die Landesebene konzentrieren möchte, bin ich erleichtert darüber, dass mit Uli Pfaffmann ein Kandidat zur Verfügung steht, der auch Landtagsabgeordneter ist und dieses Forum des Parlamentsmandates nutzen kann. Über das Amt des OB haben weder er noch ich in diesem Zusammenhang jemals gesprochen.

Zunächst steht die Nachfolge des Wirtschaftsreferenten Reinhard Wieczorek an, der im März 2009 in Pension geht. Könnte es sein, dass der oder die Neue, ausgesucht von der SPD, ebenfalls das Personaltableau im Hinblick auf die OB-Nachfolge erweitert?

Mit nichts kann man ja einen armen Menschen mehr belasten als mit einem solchen Erwartungsdruck. Natürlich wäre es schön, wenn das Angebot an Führungskräften auch durch diese Funktion, die Reinhard Wieczorek ganz hervorragend geprägt hat, aufgestockt würde. Reinhard Wieczorek hat sowohl die Gewerkschaften gewinnen können als auch die mittelständische Wirtschaft und die Großunternehmen in der Stadt. Diese Fähigkeit versprechen wir uns auch von der Nachfolgerin oder dem Nachfolger.

Die Bewerbungsfrist ist bereits abgelaufen. Sind Kandidaten dabei, die diese Erwartungen erfüllen könnten?

Ja, es gibt eine Vielzahl von Bewerbungen, die jetzt erst ausgewertet werden müssen. Dann wird die Liste derer, die rechtlich in Betracht kommen, den Fraktionen mitgeteilt, dann können die Fraktionen sagen, wen sie gerne anhören würden. Dann werden wir einige näher anschauen und die Entscheidung treffen.

Wie gefällt Ihnen die Zusammensetzung des neuen Stadtrats?

Es kommt ja nicht darauf an, ob der Stadtrat dem OB gefällt, sondern dass der Stadtrat die Erwartungen erfüllt, die der Wähler in ihn gesetzt hat. Das glaube ich, wird der Fall sein. Wir haben eine SPD, die noch nie mit so großem Abstand stärkste Fraktion im Rathaus war …

... obwohl sie zwei Sitze verloren hat!

Sie hat zwar geringfügig Stimmen verloren, aber sie hat jetzt einen Abstand von 10 Mandaten zur zweitstärksten Fraktion, der CSU, die damit wirklich weit abgeschlagen ist. Für SPD, Grüne und Rosa Liste gibt es eine stabile und satte Mehrheit, die auch bedeutet, dass das rot-grüne Bündnis seinen klaren Wählerauftrag erfüllen kann – und muss.

Mit der jetzt fünfköpfigen FDP gibt es eine weitere Fraktion. Wie schätzen Sie deren Wirkung ein?

Man merkt bereits, dass die FDP aus diesem quantitativen Zuwachs auch einen Anspruch ableitet, die Diskussion zu beleben. Sie ist ohne Frage eine Bereicherung für die kommunale Debatte. Ich kann allerdings nur hoffen, dass sie sich mit ihren neoliberalen Angriffen gegen die Kommunale Daseinsvorsorge und für die Privatisierung nirgendwo durchsetzen kann.

Über ein Achzigstel dieses Stadtrates spricht keiner gern: den Vertreter der rechtsextremen Bürgerinitiative Ausländerstopp.

Das ist der einzige Schatten auf diesem Wahlergebnis. Dieser Stadtrat versucht mit äußerst fragwürdigen Methoden zu provozieren und Aufmerksamkeit zu erringen. Das wird ihm nicht gelingen, solange die 79 Stadträte souverän mit ihm umgehen und seine Attacken und Profilierungswünsche abtropfen lassen. Wir müssen aber die Tatsache ernstnehmen, dass das nicht mehr, wie in früheren Jahrzehnten, versprengte Wirrköpfe sind, sondern professionelle Handlanger einer neonazistischen NPD-Organisation, die intensiv geschult werden und die durch Provokation die Stimmung verderben wollen. Das darf ihnen nicht gelingen.

Nach der Hessenwahl wurde auch bei uns die Angst vor den Linken und einer Zusammenarbeit mit ihnen förmlich geschürt. Wie präsentieren sich die real existierenden drei Linken im Stadtrat?

Ganz anders als das Klischee es will. Sie sind keineswegs demagogisch, was ich der Linken auf Bundesebene und in vielen Bundesländern schon nachsagen würde. Die Sprecherin der Linken, Brigitte Wolf, ist inzwischen eine bewährte Stadträtin. Von ihr habe ich immer wieder den Eindruck, dass sie besonders gut informiert ist und besonders sachlich auftritt. Da sind andere Personen, ich eingeschlossen, manchmal viel polemischer als die Linke. Die beiden neuen Kollegen kann ich noch nicht beurteilen, da fehlt’s einfach noch an Begegnungen und Erfahrungen, aber Nachteiliges kann ich überhaupt nicht sagen.

Quelle: tz

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