Künstlergruppe "Urbanauten" filmt Passanten und gibt Befehle

Schräges Experiment am Orleansplatz

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Im Bus sichtet ein Urbanaut die Kamera-Aufnahmen und gibt dann Anweisungen auf den Platz

Orleansplatz, Samstagmittag. Verwirrt blickt ein älterer Herr in den Himmel. Hör’ ich Stimmen?

„Heben Sie das Taschentuch auf!“, wird ihm mehrfach befohlen. Der Mann dreht sich um. Wer spricht da mit mir? Er brüllt in die Luft: „Ich lass’ mir nichts befehlen!“

Die Anweisung kommt von Ulrike Bührlen – aber der Münchner kann sie nicht sehen. Sie sitzt mit zwei Kollegen der Künstlergruppe Urbanauten ein paar Meter weiter versteckt hinter einem grünen Transporter. Von hier aus steuern sie die Passanten wie Roboter. Sie beobachten diese mit zuvor in Bäumen und unter Zeitungskästen installierten Kameras und registrieren jede noch so kleine Sünde. Dann sprechen sie über versteckte Lautsprecher mit ihnen.

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Orleansplatz-Überwachung überflüssig?

Als ein Radlfahrer über den Platz saust, schnappt sich ein Urbanaut das Mikro: „Absteigen! Hier ist radeln verboten!“ Und tatsächlich: Der junge Mann zuckt zusammen und steigt ab.

Was wie ein Spiel klingt, hat einen ernsten Hintergrund: Die Performance mit dem Namen „lausch.angriff … die sprechende kamera“ soll Bürger, Stadt und Staat zum Nachdenken anregen – über Persönlichkeitsrechte und Datenschutz. Hier am Orleansplatz, wo seit April 2007 drei staatliche Überwachungskameras angebracht sind, um die Kriminalität einzudämmen.

„Wie weit so etwas gehen kann, zeigt das Beispiel Großbritannien“, so Urbanaut Benjamin David. „Dort gibt es wirklich sprechende Kameras. Beamte beobachten live die Bildschirme und sprechen dann Bürger an.“ Dass dieser Gedanke auch für die Münchner nicht mehr undenkbar ist, zeigt das Beispiel eines Mannes. Ulrike Bührlen: „Er hat sich bei der Polizei erkundigt, ob diese Ansagen jetzt Standard seien.“Unterdessen haben die Urbanauten ein neues Opfer im Fokus: Eine Dame mit Zamperl. „Leinen Sie Ihren Hund an!“ Die Frau traut ihren Ohren erst nicht so recht. Sie wartet, ob noch eine Ansage kommt und blickt sich um. Die Urbanauten wiederholen ihre Aufforderung. Zögernd leint die Dame den Hund an, kopfschüttelnd. Andere sind weniger obrigkeitshörig: Ein Mann, der vom Radl steigen soll, zeigt den Stinkefinger.

Nach vier Stunden bauen die Urbanauten ihre Kameras und Lautsprecher wieder ab. Einige Menschen, die das Treiben am Platz beobachtet haben, diskutieren weiter. „So soll es sein“, ziehen die Urbanauten ihr Fazit. „Wir wollen die Leute nicht erziehen, sondern durch Verwirrung zum Zweifeln bringen – Experiment geglückt!“

Nina Bautz

Quelle: tz

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