"Beschmutzt gefühlt": Türkin (20) sticht zu

München - Es scheint eine Geschichte voller Missverständnisse zu sein. Und voller Lügen. Eine Geschichte, bei der es um die Ehre geht. Vielleicht auch um Liebe. Am Ende sticht eine junge Türkin einem Landsmann ein Messer in den Hals.

Seit Montag hat sich die 20-jährige Schülerin wegen versuchten Mordes vor der Jugendkammer des Landgerichts zu verantworten. Dort offenbart sie das Gefühlsgewirr, in dem sie zur Tatzeit im Juni 2011 gesteckt hat.

Seit vier Jahren hat Seda A. damals einen Freund. Obwohl ihr Glaube ihr vorehelichen Sex verbietet, lässt sie sich darauf ein. Zunächst läuft die Beziehung gut, doch dann habe sich ihr Freund zunehmend aggressiver und besitzergreifend gezeigt. Sie solle ein Kopftuch tragen, meint er. Außerdem habe er ihr verboten, sich mit Freundinnen zu treffen. Seda A. bleibt dennoch bei dem Mann. Nachdem sie Sex mit ihm hatte, sei sie befleckt gewesen, erklärt sie. Ein anderer sei nicht mehr in Frage gekommen.

2009 schreibt ihr dann über Facebook ein junger Türke aus Istanbul. Er macht ihr Komplimente, formuliert einfühlsame Nachrichten. Seda A. freut sich, jemandem zu haben, dem sie ihr Herz ausschütten kann. Doch während sie Emre Y. als ihren „Kummerkasten“ betrachtet, sieht er mehr in ihr. 2010 kommt er nach München, will sie sehen. Zwei Mal treffen sich die beiden. „Aber ich habe ihm keine Hoffnungen gemacht, ich habe ihm keine schöne Augen gemacht und auch nie schöne Worte zu ihm gesagt“, sagt Seda A. vor Gericht.

Doch Emre Y. empfindet das offenbar anders. Der 24 Jahre alte Türke kontaktiert Sedas Freund und erklärt diesem, er führe seit zwei Jahren eine – auch intime – Beziehung mit ihr. Vor Seda A.s Haus kommt es daraufhin mitten in der Nacht zu einem lautstarken Streit zwischen allen Beteiligten, bei dem die Männer sie als „Schlampe“ und „Hure“ beschimpfen. „Das war so peinlich, so unangenehm“, sagt sie. „Die Nachbarn haben alles mitbekommen.“ Sie habe sich beschmutzt gefühlt, einer Sache beschuldigt, die sie nicht getan habe. „Das wollte ich geklärt haben, ich wollte nicht, dass die Männer weiter so über mich reden.“

Deshalb habe sie Emre Y. um ein Treffen gebeten. Sie habe ihn nach Pasing gelockt unter dem Vorwand, nun doch über eine Heirat sprechen zu wollen. In ihrem Auto sei sie dann in das Parkhaus eines Möbelhauses nach Freiham gefahren, um sich ungestört zu unterhalten. „Aber ein vernünftiges Gespräch war nicht möglich“, sagt sie. Emre Y. habe ihr nur Vorwürfe gemacht. Genervt geht Seda A. ins Möbelhaus, klaut ein Küchenmesser und kehrt zum Auto zurück. Warum sie ein Messer eingesteckt habe, das wisse sie selber nicht, sagt sie.

Als die Diskussion im Auto erneut entflammt und Emre Y. sie auf einmal dazu drängt, ihr ein Heiratsversprechen auf Band zu sprechen, damit er etwas in der Hand habe, sticht Seda A. zu. Das Messer trifft Emre Y. zwischen Hals und linker Schulter. Es bricht ab. Die Spitze bleibt im Körper stecken. Blutüberströmt flüchtet er aus dem Wagen. Während Seda A. wegfährt, kommt Emre Y. in eine Klinik, wird operiert. Seda A. kommt in Untersuchungshaft. „Ich kann mir nicht erklären, warum ich das gemacht habe“, sagt sie. „Aber es tut mir sehr leid.“ Niemand habe so etwas verdient. „Ich wollte doch einfach nur erreichen, dass er nicht mehr so über mich redet, ich wollte das klären, in diesem Sinne meine Ehre retten.“ Doch alles sei plötzlich so schnell gegangen. „Wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann war es ein Fehler, es war falsch, das weiß ich jetzt.“ Der Prozess dauert an.

bl

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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