Ist Murat A. bald ein freier Mann?

Schul-Vergewaltiger: Prozess nach 19 Jahren

+
Murat A. (36) ist wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit Raub angeklagt. Er ist seit 17 Jahren im Maßregelvollzug und wird psychiatrisch behandelt.

München - Vor 19 Jahren soll er eine Schülerin im Luisengymnasium überfallen und vergewaltigt haben. Da war Murat A. erst 17 Jahre alt. Jetzt steht er vor Gericht - und könnte schon bald freikommen.

Die brutale Tat geschah im Luisengymnasium.

Gedankenversunken steht Murat A. (36) im Gerichtssaal, seinen Oberkörper dreht er weg. Der frühere Kantinenhelfer fasst sich unsicher ans Kinn, streicht dann durch sein schwarzes Haar. Nur diesen kurzen Blick erhalten Prozessbeobachter von dem Mann, der eine Münchner Schülerin auf brutalste Weise im Luisengymnasium überfallen und vergewaltigt haben soll (siehe unten) – dann werden die Türen von Saal B 177 verschlossen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wird gegen den gebürtigen Münchner verhandelt. Denn der grausame Fall ereignete sich bereits 1995, da war der Angeklagte erst 17 Jahre alt. Deshalb findet der Prozess jetzt noch vor der Jugendkammer des Landgerichts und ohne Zuschauer statt.

Dass die Tat überhaupt angeklagt werden konnte, ist nur einem DNA-Abgleich mit alten Fällen zu verdanken. Denn Murat A. machte sich kurz nach seiner mutmaßlichen Tat im Luisengymnasium auch noch über ein weiteres Münchner Mädchen her. Damals schnappte ihn die Polizei – vor Gericht erhielt er drei Jahre und neun Monate, die aber zur Unterbringung in der Psychiatrie Haar angeordnet wurden. Dort war Murat A. im Maßregelvollzug: Jährlich untersuchte ihn ein Psychiater und erstellte ein Gutachten – alle fünf Jahre bewertete ihn zusätzlich ein externer Spezialist. Wieder und wieder lautete die Prognose: Dieser Mann ist zu gefährlich, um in Freiheit leben zu dürfen. Seither sind 17 Jahre vergangen! Zuletzt wurde A.s Vollzug schrittweise gelockert: Er hatte Ausgang und durfte in externen Therapie-Einrichtungen leben, wurde aber stets beaufsichtigt.

Nun wird der alte Fall vor Gericht verhandelt – auch Opfer Kathi T. muss aussagen und sich erneut mit ihren traumatischen Erlebnissen auseinandersetzen. Kaum zu glauben: Aufgrund von Absprachen vor Prozessbeginn erwarten Murat A. im Falle eines Geständnisses wohl nur zwei Jahre auf Bewährung. Seine Strafe kann das Gericht als Haft oder erneute Unterbringung werten.

In diesem Fall würde der erneut verurteilte Vergewaltiger und Räuber das Gericht als freier Mann verlassen und in seine Wohneinrichtung zurückkehren. Um dort ein Leben mitten unter uns zu führen – ohne die Gewissheit, ob er wieder zuschlägt.

Am Mittwoch entscheidet der Richter darüber!

Wieso Murat A. wohl bald freikommt

Wegen versuchter Vergewaltigung wurde Murat A. nach seiner zweiten Tat bereits verurteilt – 1995 schnappte ihn die Polizei, kurz nachdem er mutmaßlich auch die Gymnasiastin Kathi T. vergewaltigt hatte und bei einem zweiten Opfer zuschlug. Wegen verminderter Schuldfähigkeit wurde er trotz Urteils von drei Jahren und neun Monaten in die Psychiatrie eingewiesen. „Bei ihm wurde eine psychische Erkrankung festgestellt“, sagt Anwalt Michael Wich (52), der Murat A. im Prozess vertritt.

Wäre die Straftat aus dem Gymnasium nicht per DNA-Vergleich aufgedeckt worden, wäre A. heute wohl schon zurück im Alltagsleben. Die aktuelle Verhandlung ist zwar ein separater Fall, das Gericht sieht zwischen beiden Taten wohl aber einen engen Zusammenhang. Nach dieser Logik können im juristischen Sinne die Strafen für beide Taten miteinander verrechnet werden, zumal Murat A. 1995 nachweislich seelisch krank war. Diese Störung lag bei beiden Taten vor, zudem stehen diese auch in enger zeitlicher Folge.

Wichtig auch: „Mein Mandant ist im Maßregelvollzug jahrelang auf das Leben in Freiheit vorbereitet worden. Die Gefährlichkeit seiner nun abzuurteilenden Tat ist austherapiert. Deshalb würde eine Haft zum jetzigen Zeitpunkt den Therapieerfolg massiv gefährden“, sagt Wich.

So liegt der Fall juristisch. Das Rechtsempfinden vieler Bürger, die sich vor so einem Straftäter auch 19 Jahre nach seiner Tat noch fürchten, sieht sicher ganz anders aus. Ihnen wird schwer zu vermitteln sein, warum Murat A. vielleicht schon bald freikommt.

Tag des Grauens

Mit diesem Phantombild suchte die Polizei damals den Täter.

Es war ein Fall, der Schüler, Lehrer, Eltern und Polizisten im Winter 1995 gleichermaßen entsetzt hat – weil Schulen bis dato als absolut geschützter und sicherer Raum galten. In diesen trügerischen Glauben des altehrwürdigen Luisengymnasiums nahe des Hauptbahnhofs brach am 15. Februar 1995 um 12.20 Uhr der damals 17-Jährige Murat A. (alle Namen geändert) ein – ein Gelegenheitsräuber auf der Suche nach dem schnellem Geld.

Schülerin Kathi (16), die zwischen der fünften und sechsten Stunde kurz die Toilette im zweiten Stock des Neubaus aufsuchte, kam ihm da gerade recht. Er folgte ihr bis in den Vorraum und wartete dort, bis das Mädchen wieder aus der Kabine kam. Als sie die Tür zum Vorraum öffnete, machte der Täter das Licht aus, umklammerte die völlig überraschte Schülerin von hinten und schob sie zurück in die zweite Kabine links. Dort presste er dem Mädchen eine schwarze Luftdruckpistole an die Schläfe und nahm ihm den Geldbeutel samt MVV-Karte ab. Kathi wagte keine Gegenwehr, weil sie die Waffe für echt hielt und absolute Todesangst hatte. Denn Murat A. hatte ihr mehrfach gedroht, sie zu erschießen.

Der 17-Jährige zog dann ein etwa 40 Zentimeter langes, silbernes Spezialklebeband aus seiner Tasche und verband Kathi damit die Augen. Er entkleidete das Mädchen bis auf die Socken. Was dann in der engen Kabine geschah, war so entwürdigend und grausam, dass selbst erfahrene Polizisten bei der Klärung der abstoßenden Details Entsetzen und tiefes Mitleid mit diesem Mädchen empfanden. Durch einen schmalen Spalt am unteren Rand des Klebebandes hatte Kathi stets die Waffe gesehen, die griffbereit neben Murat A. auf dem Boden lag.

Hinterher stand der Vergewaltiger auf, zog sich an, sperrte die Toilettenkabine auf und lief auf den Flur. Dort begegnete er zufällig einem Chemie-Lehrer, der ihn fragte, was er in der Damen-Toilette zu suchen habe: „Ich habe mir nur die Haare gekämmt“, antworte der Täter frech. Dann verließ er sofort das Luisengymnasium.

A. Thieme/Dorita Plange

auch interessant

Meistgelesen

Festnahmen, Prügel und randalierende Fahrgäste
Festnahmen, Prügel und randalierende Fahrgäste
Blitzeis-Bilanz: Münchner kratzten, rutschten und verletzten sich
Blitzeis-Bilanz: Münchner kratzten, rutschten und verletzten sich

Kommentare