Schon 19 Oscars

100 Jahre Arri: Der Weltkonzern aus der Türkenstraße

Das Kino bleibt in der Türkenstraße, obwohl eine Zentrale in der Parkstadt Schwabing entsteht.

Vor 100 Jahren gründeten zwei Teenager in München eine filmtechnische Firma. Heute ist Arri der Lieblingskamerahersteller Hollywoods, hat 19 Technik-Oscars eingeheimst und den Sprung ins digitale Zeitalter gemeistert.

München - Als die leidenschaftlichen Filmemacher August Arnold und Robert Richter im Jahr 1917 die filmtechnische Firma Arri gründen, sind sie gerade einmal 19 Jahre alt. „Damals war man erst mit 21 Jahren volljährig. Also mussten die beiden zum Vormundschaftsgericht gehen und konnten nur mit Einwilligung der Eltern ihre Firma gründen“, erzählt Jörg Pohlman, einer der beiden aktuellen Arri-Geschäftsführer. „In erster Linie waren sie einfach Filmliebhaber.“

Arri – der Name setzt sich aus den ersten beiden Buchstaben der Nachnamen der Gründer zusammen – lebt vom Enthusiasmus von Arnold und Richter. Die waren mit der noch sehr urtümlichen Filmtechnik des Jahres 1917 unzufrieden und entwickelten ihre Ausrüstung kurzerhand selbst – von der Kopiermaschine bis zur Kamera. „Sie haben Kameras gekauft und versucht, sie zu verbessern. Sie haben an der Beleuchtung getüftelt, und sie haben Film entwickelt“, erzählt Pohlman über die Anfänge. Neben der Technik bleibt aber auch die Leidenschaft für den Film die maßgebliche Triebfeder. Der erste Arri-Film ist der acht Minuten kurze Streifen „Der schwarze Jack“. Damit begründet Arri das Genre des Isarwestern mit Filmen wie „Der gelbe Würger“, „Rache im Goldtal“ und „Todescowboy“. „Die Isarwestern waren Kassenschlager“, sagt Pohlman.

Große Filmliebhaber: Robert Richter (links) und August Arnold (rechts) gründeten Arri vor 100 Jahren in München.

Die Kameraproduktion ist in der Arri-Anfangszeit nur ein Bereich von vielen – und das hauseigene Modell Kinearri war eher für Amateure als für Profis konzipiert. Diese Ausrichtung änderte sich schlagartig mit der Entwicklung der Arriflex. Seit 1932 hatte Arri-Chef-Ingenieur Erich Kästner an der Entwicklung einer Spiegelreflexkamera für das Kino getüftelt, eine absolute Weltneuheit. Fünf Jahre später stellte Arri 1937 die serienreife Arriflex vor – und legte damit den Grundstein für den Weltruhm der Firma. Im Krieg wird das Militär zum Hauptabnehmer der handlichen und zugleich robusten Kamera, danach entdecken die US-Truppen die Vorzüge der Arriflex.

Trotzdem stand Arri nach dem Zweiten Weltkrieg schon kurz vor dem Aus. Die Zentrale in der Türkenstraße war im Juli 1944 von Bomben zerstört worden, erst im Jahr 1948 konnte der Betrieb dort wieder aufgenommen werden. Arri hangelte sich von Auftrag zu Auftrag, am Ende sicherte vor allem der Epxort das Unternehmen. Schließlich entdeckt Hollywood die Kamera. Der Lohn: Bis heute 19 Technik-Oscars. Den letzten heimste Arri in diesem Jahr für die digitale Kamera Alexa ein.

Geschäftsführer Franz Kraus (links) und Jörg Pohlman (rechts) leiten die Geschicke Arris.

Diese digitale Kamera weist dem Unternehmen den Weg in die Zukunft. Gleichzeitig bleibt Arri seiner Philosophie im digitalen Zeitalter treu, denn auch die Alexa ist robust und einfach zu bedienen. Der digitale Wandel der Filmbranche steht dabei gerade erst am Anfang, meint Arri-Chef Pohlman: „Wir waren 90 Jahre lang eine analoge Firma, und ich bin mir sicher, die Digitalisierung wird noch einige Überraschungen für uns bereithalten.“ Für die Firma sei das eine Chance: „Wir können noch eine Menge neu erfinden und verbessern.“ Der Wandel ist an der Zentrale in der Türkenstraße spürbar. 2015 musste das Kopierwerk schließen, derzeit baut Arri eine neue Zentrale in der Parkstadt Schwabing.

Liebling der Regisseure: Der bereits verstorbene Michael Ballhaus liebte Arri-Kameras.

Dafür wurde die Entwicklungsmannschaft in den letzten fünf Jahren verdreifacht. Insgesamt arbeiten weltweit rund 1500 Menschen für den Global Player und die sind alle filmverrückt, so wie einst August Arnold und Robert Richter. Pohlmann sagt: „Wenn man sich heute bei Arri umsieht, spürt man denselben Enthusiasmus und dieselbe Leidenschaft wie bei der Gründung – das definiert, wer wir sind und was wir tun.“

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