Kultiger Imbiss am Nikolaiplatz

„Alles Wurscht“: Claudia ist die Wurst-Mami von Altschwabing

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Ihre beiden Söhne Manuel (26, links) und Bastian Ott (30) helfen seit ihrer Kindheit im Imbiss mit: Nur in die Töpfe schauen lässt sich Claudia Ott (69) nicht – ihre Rezepte sind geheim.

Im Imbiss „Alles Wurscht“ am Altschwabinger Nikolaiplatz ist Claudia Ott das Herz. Sie und ihre Familie haben sich hier 2008 ein Kleinod erschaffen.

München - Für das Personal und die Kunden ist sie die „Mami“. Nur die vier eigenen Kinder nennen sie bis heute „Claudi“, manchmal liebevoll-frech „Glucke“. Für ihr fünftes Kind – ihren Imbiss „Alles Wurscht“ am Altschwabinger Nikolaiplatz – ist Claudia Ott nicht nur Hand, sondern auch Herz. „Ich werde hier sein, solange mich meine Füße tragen“, sagt sie. Und wenn man die 69-jährige Ur-Münchnerin betrachtet, wird das auch noch eine ganze Weile so sein. Wie die Füße sind auch ihre Hände ständig in Bewegung und huschen von Spültuch zu Würstlzange zu Pappschale und zum Wechselgeld. Den hellwachen Augen entgeht nichts: Ein asiatisches Touristenpärchen weiß nicht so recht, wohin es sich setzen soll. Freundlich klopft Ott zwei Sitzkissen zurecht und lädt die beiden ein, Platz zu nehmen.

Gemütlich und familiär geht es zu in dem ehemaligen Handwerkerhäuschen von 1830 mit dem gelben Putz und den grünen Fensterläden. Ott und ihre Familie haben sich hier 2008 ein Kleinod erschaffen, mit versteckter Dachterrasse und ummauerten Gärtchen samt kunterbunten Möbeln, Lampions und japanischem Kirschbaum. „Die Leopoldstraße ist ganz nah und gleichzeitig ganz fern“, sagt Ott. Sie hebt die linke Hand prüfend ans Ohr. Der nur 200 Meter entfernte Menschen- und Motorenlärm dringt nicht bis hierhin durch.

Der Imbiss liegt in einem ehemaligen Handwerkerhäuschen aus dem Jahr 1830.

Dabei hätte die Leopoldstraße die Otts beinahe verschluckt. Im Schatten eines großen Kastanienbaums neben einem Supermarkt hatten sie Mitte der Siebzigerjahre begonnen, Geschäfte zu machen. Zuerst mit südamerikanischen Lammfelljacken und indischen Blusen. Currywurst und Schaschlik kamen erst Ende der Neunzigerjahre, als es mit den Klamotten nur noch mäßig lief und eine neue Geschäftsidee hermusste. „Meinen Mann Volker verband mit der Leopoldstraße eine Hassliebe“, erinnert sich Claudia Ott, die für das Familiengeschäft ihren Beruf als Hauptschullehrerin gekündigt hat. Ihm fehlte die Intimität, und die immer gleichen Läden machten ihm zu schaffen. 2007 wurde der Mietvertrag der Otts nicht verlängert, und sie verkauften den Imbisswagen für 100 Euro. „Wir hatten das Gefühl, dass wir nicht mehr erwünscht waren, weil wir nicht zur neuen Leopoldstraße passten“, erzählt Claudia Ott.

In ihrem Imbiss am Nikolaiplatz dagegen ist jeder willkommen. Otts Gäste sind so zusammengewürfelt wie die Einrichtung: Studenten, Bauarbeiter, mürrisch dreinschauende Alleinesser, Rentner und Liebespaare im Partnerlook. Neben der angeblich „besten Currywurst Münchens“ mit Pommes, Schaschlik, Schweinsbraten, Nürnbergern mit Kraut, hausgemachten Salaten und Suppen gibt es liebe Worte von der Chefin oder den ein oder anderen Ärztetipp. Und auch so manchen Praktikumsplatz habe Ott schon vermittelt, sagt sie. Immer wieder feiern hier aber auch Hochzeitsgesellschaften und Münchner Unternehmen treffen sich hier beim „After Work“ zum Feierabend-Hugo. Es scheint, als habe das alte Schwabing seinen Frieden mit dem neuen gemacht.

Im „Alles Wurscht“ am Nikolaiplatz geht es gemütlich und familiär zu.

Ihren eigenen hat Claudia Ott auch wiedergefunden. Als ihr Mann Volker vor sechs Jahren starb, waren es der Trubel, die Routine eines 14-Stunden-Arbeitstages und die „Imbissfamilie“, die sie in der ersten Zeit von der Trauer ablenkten. Die aber übermannte sie in ruhigen Momenten: „Beim Radln, da flossen die Tränen und das Gedankenkarussell kreiste.“ Knapp ein Jahr später wich dann aber die Traurigkeit der Dankbarkeit. „Ich bin dankbar für die gemeinsame Zeit, die wir hatten, für unsere vier Kinder“, erzählt Ott. Autos, Reisen, Häuser – das sei ihnen nie so wichtig gewesen. Nur der gemeinsame Traum vom Imbissstand. Claudia Ott lebt ihn bis heute weiter.

von Anna Landefeld

Die besten und wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebookseite „Schwabing – mein Viertel“.

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