Flüchtlinge streiten um warme Decken

Ausnahmezustand in der Bayernkaserne

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2300 Menschen harren jetzt in der Bayernkaserne aus.

München - Ein warmes Plätzchen, eine ruhige Nacht – mehr wollen die meisten Flüchtlinge in der Bayernkaserne gar nicht. Darum gab es in der Nacht zum Samstag erbitterte Auseinandersetzungen.

 Bei dem Streit ging es nicht um Kostbarkeiten – die Flüchtlinge, darunter Frauen mit Kindern, rangelten schlicht und ergreifend um Decken, die der Penzberger Imam Benjamin Idriz mit Helfern verteilte. Die Wachleute wussten sich offenbar nicht anders zu helfen, als die Polizei zu rufen, erklärt die Regierung von Oberbayern. Bis die Beamten eintrafen, hatten sich alle beruhigt.

Es herrscht weiter Ausnahmezustand in der Kaserne: Alle 2300 Betten sind belegt. Doch weil immer neue Flüchtlinge kommen, befänden sich zeitweise wohl „2300 plus X“ Menschen dort, wie es bei der Regierung am Wochenende hieß. Zuletzt mussten Flüchtlinge die Nacht unter freiem Himmel verbringen. Am Sonntagvormittag warteten etwa 20 Flüchtlinge auf ein Bett, 100 waren noch gar nicht registriert.

Bayernkaserne: "Es wird Mord und Totschlag geben"

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Imam Idriz hatte am Freitag nach seinem Besuch mit OB Dieter Reiter (SPD) die Hilfsaktion spontan gestartet. „Da lag eine Schwangere auf dem Beton“, berichtet er. Da er als einziger der Delegation Arabisch sprach, konnte er sich mit vielen Flüchtlingen austauschen. Ein Mann aus Syrien sei mit nichts als der Kleidung am Leib eingetroffen, Idriz gab ihm sein Handy für den Anruf in die Heimat. Der Anwalt aus Aleppo brach in Tränen aus. „Ich hätte ohnehin nicht ruhig schlafen können“, sagt Idriz. Darum habe er mit Helfern über 100 Decken gesammelt und bis 23 Uhr mit zehn Autos in die Kaserne gefahren. „Wir haben Frauen und Kinder bevorzugt, aber die Decken reichten nicht“, sagt der Imam. Darum habe seine Moschee eine zweite Aktion gestartet (siehe rechts).

Nach den Protesten verstärkt die Polizei die Präsenz: Laut Regierung gehen jetzt bis zu 30 Beamte vor und in der Kaserne auf Streife.

Flüchtlinge: Blockade vor Bayern-Kaserne

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Hunderte neue Plätze

Regierungspräsident Christoph Hillenbrand.

Sie kämpfen rund um die Uhr um neue Unterkünfte: Die Regierung von Oberbayern und ihr Präsident Christoph Hillenbrand haben auch am Wochenende wieder Hunderte freie Betten belegt. „Meine Sorge ist, dass eine Zahl von 3000 Asylbewerbern in der Bayernkaserne logistisch nicht mehr beherrschbar wäre“, stellt der Regierungspräsident klar. „Deshalb setzen wir alles daran, dort nicht mehr als die derzeit 2300 Personen unterzubringen.“

Am Samstag seien noch einmal 90 Flüchtlinge in den Zelten im Kapuzinerhölzl untergebracht worden – jetzt sind in der ehemaligen Wiesn-Unterkunft „The Tent“ 210 Menschen einquartiert. Zusatz-Zelte des THW werden wieder abgebaut, weil sie keinen Boden haben. Im Seniorenwohnheim des Roten Kreuzes am Kieferngarten sind am Samstag 50 Menschen untergekommen. Rund 100 Asylbewerber sind ab Samstag um Mitternacht in einen Gewerbebau im Moosfeld (Trudering) verlegt worden, das derzeit zu einer Hostel-Unterkunft umgebaut wird. Noch einmal 100 Flüchtlinge sollten am Sonntag folgen.

Auch außerhalb der Stadt kommen immer mehr unter. „Mit mehr Personal beschleunigen wir die Weiterverteilung auf alle Landkreise Oberbayerns“, sagt Hillenbrand. „Allein in Siegsdorf, Eichstätt und Garmisch-Partenkirchen installierten wir in kürzester Zeit rund 800 Plätze. Zudem werden zusammen über 1000 Asylbewerber in ehemaligen Kasernen in Fürstenfeldbruck und nahe Ingolstadt unterkommen.“

Moschee sammelt Hilfsgüter

Noch mehr Decken, aber auch Windeln, Kleidung und Dreiräder für die Kleinsten: Die Altstadt-Moschee in der Hotterstraße hat am Wochenende kistenweise Hilfsgüter gesammelt. „Bei unserer ersten Hilfsaktion haben viele keine Decke bekommen“, sagt der Penzberger Imam Benjamin Idriz, der auch Vorsitzender des in der Altstadt ansässigen Münchner Forums für Islam ist.

Flüchtlings-Modenschau bei der Polizei

Hilfe beim Start ins Berufsleben: Im Rapportsaal des Polizeipräsidiums gab’s am Freitag eine Modenschau des Ateliers „La Silhouette“. Das ist ein Betrieb der Münchner berufbezogenen Jugendhilfe, der junge Frauen auch aus Flüchtlingsfamilien zu Damenmaßschneiderinnen ausbildet. Die 23 Mädchen zeigten ihre Entwürfe – zwei Beamte in neuer Uniform machten auch mit.

David Costanzo

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