Die Hintergründe des spektakulären Falles

In dieser Wohnung lag die NS-Raubkunst

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In dieser Wohnung hortete der 80-Jährige die NS-Raubkunst

München - Die Kunstwelt blickt auf München, wo in einer Schwabinger Wohnung Werke im Wert von rund einer Milliarde Euro beschlagnahmt wurden. Die tz begab sich auf Spurensuche.

Der Mann, der die Gemälde in seiner zugemüllten 87-Quadratmeter-Wohnung hortete, heißt Cornelius Gurlitt (80). Die Nazis sollen die Werke von jüdischen Sammlern geraubt oder als „Entartete Kunst“ konfisziert haben.

Die tz auf Spurensuche:

Der Vater und sein geheimnisvoller Sohn

Der Vater: Hildebrand Gurlitt. Ein von den Nazis nicht nur wegen seiner jüdischen Wurzeln verhasster Kunsthändler, der es dennoch weit brachte – denn die braunen Schergen konnten auf seine vielfältigen Kontakte auf dem internationalen Kunstmarkt nicht verzichten. Schließlich wollten sie die (Kriegs-)Kassen mit dem Verkauf „entarteter“ und beschlagnahmter Kunst füllen. Hildebrand Gurlitt, Kunsthistoriker und -händler, wurde 1895 in Dresden geboren und stammt aus einer wichtigen Familie der deutschen Kunstszene. Unter den Gurlitts waren Händler, Sammler und Gelehrte, doch Hildebrand war der wohl berühmteste Vertreter seiner Sippe. Schon früh, in den 20ern, setzte er sich vehement für die zeitgenössische Kunst ein. Aus öffentlichen Posten als Museumsdirektor (Zwickau, Hamburg) vertrieben ihn die Braunen, aber er durfte „entartete“ Kunst in bare Münze umwandeln.

Und so kaufte Hildebrand Gurlitt im großen Stil Kunst jüdischer Mitbürger in ihrer Not auf – zu Dumpingpreisen.

Und sein Sohn? Verließ sein Appartment in Schwabing selten, lebte zurückgezogen, fuhr gerne per Taxi in die Innenstadt, berichtet der Focus. Bevor die Razzia im Frühjahr vor zwei Jahren kam. Kommentar von Cornelius Gurlitt: Die Mühe hätte sich der Zoll sparen können, da er, Gurlitt, sowieso demnächst sterben würde.

Die Käufer der Werke

Die hoch renommierte Berner Galerie von Eberhard Kornfeld (90) bestreitet, nach 1990 nochmals Geschäfte mit Cornelius Gurlitt gemacht zu haben. Gurlitts Aussage stimme nicht, dass das 2010 im Zug von Polizisten sichergestellte Geld aus seiner Galerie stamme. Letztmals, so teilte Kornfeld gestern Nachmittag mit, habe man mit Cornelius Gurlitt im Jahre 1990 Geschäfte gemacht. Zudem müsse man „genau trennen „zwischen Werken, die der Kategorie Raubkunst zuzuordnen sind, und den von den Nationalsozialisten beschlagnahmten Werken aus den Beständen „entarteter Kunst“, die bis heute frei verkäuflich sind“, teilte Kornfeld mit. Gurlitt habe die Bilder von seiner Mutter Helene nach deren Tod geerbt.

Auch das Kölner Kunsthaus Lempertz hat schwer zu schlucken: Ihm verkaufte Gurlitt das Gemälde Löwenbändiger. Misstrauisch seien die Rheinländer nicht geworden, sagten sie gestern. Karl-Sax Feddersen, Justiziar des Auktionshauses: „Das wirkte, als habe Herr Gurlitt als alter Mann sein Kronjuwel geholt, um für die letzten Jahre noch flüssiges Kapital zu haben.“ Das Kölner Haus habe zuvor noch nie mit Cornelius Gurlitt zu tun gehabt.

Als die Nazis die Kunst ermordeten

Die Nationalsozialisten wussten um die Macht der Kunst, des freien Geistes, der Entfaltung der kritischen eigenen Persönlichkeit. Und somit war die Kultur von Anfang an ein Dorn im Auge der braunen Brut, die die Massen gleichschalten wollten – im Rahmen ihrer völkischen Ideologie. Das betraf alle Bereiche – Literatur, Kunst, Musik, Film, Architektur, Theater, die dem Reichspropagandaministerium unter Joseph Goebbels unterstanden.

Er war auch Chef der neu gegründeten Reichskulturkammer. Mit der Bücherverbrennung im Mai 1933 begann das Grauen endgültig Gestalt anzunehmen. Einschneidend, wenn auch unspektakulär klingend, war das am 7. April 1933 eingeführte Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Es besagt nichts anderes, als dass alle unerwünschten Künstler – Juden, Bolschewisten, Andersdenkende – aus dem öffentlichen Leben verbannt wurden.

1936 wurde dann gesetzlich sämtliche moderne Kunst verboten – drei Jahre, nachdem ein Ankaufsverbot für nichtarische und moderne Werke legalisiert wurde. 1937 befahl Hitler, dass alle Werke aus Museen und öffentlichen Ausstellungen herausgegeben werden mussten, die der Nazi-Ideologie nicht entsprachen. Am 30. Juni 1937 wurde ein Erlass vom Führer erteilt, der dem neuen Reichskunstkammer-Präsidenten Adolf Ziegler erlaubte, „die im deutschen Reichs-, Länder- und Kommunalbesitz befindlichen Werke deutscher Verfallskunst seit 1910 auf dem Gebiete der Malerei und der Bildhauerei zum Zwecke einer Ausstellung auszuwählen und sicherzustellen“.

Das sah dann etwa im Fall Emil Noldes so aus: Er erhielt am 23. August 1941 einen Brief Zieglers, indem er aufgefordert wird, sein Mitgliedsbuch der Reichskammer der bildenden Künste umgehend zurückzuschicken und er nicht mehr auf Nazi-Gebiet tätig sein darf.

Die Werke der „Entarteten, darunter Munch, Kirchner, Kokoschka, Franz Marc, Picasso und eben Nolde – wurden entweder vernichtet, ins Ausland verkauft, in Depots gelagert oder gleich privat von den Nazi-Bonzen einbehalten. Man gönnt sich ja sonst nix.

Der versteigerte Löwe

Max Beckmanns Löwenbändiger von 1930 stammt aus dem Nachlass Hildebrand Gurlitts an seinen Sohn. Dieser machte das Bild im Spätsommer 2011 zu Geld – also einige Monate, nachdem seine Wohnung durchsucht wurde. Vor der Versteigerung fanden Experten heraus, dass der Löwenbändiger aus dem Nachlass des legendären jüdischen Kunstsammlers Alfred Flechtheim stammte. Man einigte sich vor dem Verkauf mit dessen Erben. Erlös: 864 000 Euro.

Spuren auch in Österreich

Neben dem Apartment in Schwabing besitzt Cornelius Gurlitt (80) auch ein Gebäude in Salzburg – eine Art Ruine inmitten gepflegter Anwesen. Nachbarn ärgern sich über den verwilderten Garten. Ebensowenig hat sich der Kunstsammler um einen Kanalanschluss gekümmert – jedoch die Strafe dafür bezahlt.

Auch in Salzburg wurde er vor zwei Jahren zuletzt gesehen. Eine zweite Spur führt nach Linz: Gurlitts Vater war mit dem Besitzer der Linzer Neuen Galerie (heute Lentos) verwandt.

Matthias Bieber

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