Fasching vor mehr als 100 Jahren

Das wilde Schwabing

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Der Künstler-Fasching 1900 im Atelier des Königlich Bayerischen Hoffotografen Michael Obergassner.

München - Wie ausgelassen feierte die Stadt Anfang des 20. Jahrhunderts Fasching? tz-Fotograf und -Autor Heinz Gebhardt blickt zurück.

Als Schwabing den Spitznamen „Wahnmoching“ trug und als Künstlerviertel wirklich noch eine Ähnlichkeit mit Montmartre hatte, in dem später weltberühmte Maler wie Paul Klee und Franz Marc Atelier an Atelier wohnten, war die Zeit der rauschenden Faschingsfeste in den Künstlerkneipen und Dachateliers angebrochen. Wassily Kandinsky schrieb über seine Zeit in der Friedrichstraße 1: „In jedem Haus fand man unter dem Dach mindestens zwei Ateliers, wo manchmal nicht gerade so viel gemalt wurde, aber stets viel diskutiert und tüchtig getrunken wurde. Dort lebte ich viele Jahre, dort habe ich das erste abstrakte Bild gemalt.“

Nur ein paar Häuser weiter startete seit 1903 die Belegschaft der legendären Künstlerkneipe Alter Simpl mit Stammgästen in eigenen geschmückten Wägen zum Münchner Faschingszug, der seit 1893 von der Münchner Carnevals-Gesellschaft veranstaltet wurde, die 1908 dann in Narrhalla umgetauft wurde.

Der Wagen vom Alten Simpl beim Faschingszug 1910.

Die ersten Faschingshochburgen entstanden: Um die Jahrhundertwende war die „Prinzregentenzeit“, das goldene Zeitalter Münchens, auf seinem Höhepunkt, und jetzt ließen es die Münchner im Fasching richtig krachen. Natürlich nicht mehr im vornehmen königlichen Odeon, sondern im 1896 erbauten Deutschen Theater und in den riesigen Bierhochburgen, worüber der Schriftsteller Kasimir Edschmid 1910 schrieb: „Die großen, Tausende fassende Keller des Löwenbräu, des Mathäser, des Hofbräu waren von einer Armee von wundervollen Menschen gefüllt, die zwischen Tannengirlanden und den Masskrügen eine Orgie des Tanzes und Geschrei losließen, die barbarisch schön war. Die Paare trinken zusammen aus einem Masskrug, es werden Betten verkauft und Küchen verpfändet, nur um diesem Taumel frönen zu können. Man fuhr nach München zum Fasching, wie man im Februar nach Cannes fuhr.“

München war damals gewaltig im Faschingsrausch: Die Stadtchronik verzeichnete allein im Jahr 1914 genau 533 Maskenbälle, 145 Schwarz-Weiß-Bälle und 36 Karnevalistische Abendvorstellungen.

Und so manches freizügige Fest hatte gewisse Folgen, wie der russische Maler Igor Grabar, der 1914 auf der Kunstakademie studierte, entsetzt schrieb: „Hier ist alles besoffen, alles zur Schau gestellt, keiner geniert sich vor den anderen, und in neun Monaten nach der heißen Faschingszeit nimmt die Bevölkerung Münchens wesentlich zu.“

Heinz Gebhardt

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