Infoabend im Kesselhaus

Flüchtlinge in Freimann: Die Sorgen der Nachbarn

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Rund 500 Anwohner kamen in das Kesselhaus.

München - Viele Anwohner sorgen sich – um sich selbst und um die Flüchtlinge. OB Dieter Reiter (56, SPD) stellte sich am Montagabend im Kesselhaus den Fragen der Nachbarn.

Es sind Kinder, die gesehen haben, wie ihre Schwester neben ihnen von einer Granate zerfetzt wurde. Es sind Familien, deren Kinder bei der Überfahrt übers Mittelmeer ertranken. Die blanke Not und der Wille zum Überleben führt dazu, dass in der Erstaufnahmeinrichtung für Asylbewerber in der Bayernkaserne zeitweise über 2400 Flüchtlinge auf engstem Raum zusammengepfercht waren. Die Regierung von Oberbayern versucht, die Lage mit einer Außenstelle in der Funkkaserne zu entspannen. Und dann gibt es – ebenfalls in Freimann – noch eine Außenstelle in der Lotte-Branz-Straße, die nach der Schließung der Bayernkaserne langfristig zu einer neuen Großunterkunft ausgebaut werden soll.

Der Überblick

Bayernkaserne (Heidemannstraße): In der Bayernkaserne befinden sich derzeit 1600 Asylbewerber. Die Zahl soll wieder auf 1200 Menschen herunter­gefahren werden. Spätestens Ende 2016 wird die Kaserne geschlossen.

Lotte-Branz-Straße: In diesem Gewerbebau sollen bis zu 600 Flüchtlinge untergebracht werden. Derzeit dient er als Registrierungsstelle. Der Mietvertrag läuft auf 15 Jahre.

Funkkaserne (Frankfurter Ring): In der ehemaligen Funkkaserne sind derzeit 224 Asylbewerber untergebracht. Der Mietvertrag läuft über fünf Jahre. Maximal 350 Menschen sollen hier eine Bleibe finden.

Viele Anwohner sorgen sich – um sich selbst und um die Flüchtlinge. OB Dieter Reiter (56, SPD) stellte sich am Montagabend im Kesselhaus den Fragen der Nachbarn.

Einige Anwohner, die sich Eigentumswohnungen im Domagk­park gekauft haben, wollen etwa wissen, wie lange noch die Notunterkunft für Asylbewerber in der Funkkaserne bleibt, ob es vielleicht sogar noch Erweiterungspläne gibt. Ob die sozialen Einrichtungen wie Schulen und Parks auch von Asylbewerbern genutzt werden.

Asylbewerber sollen bald in andere Unterkünfte kommen

Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD) und Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD) erklären ruhig, aber bestimmt, dass es sich um eine Erstaufnahmeinrichtung handle und die Kinder nicht in die Kindergarten und Schulen der Umgebung gehen, da die Asylbewerber möglichst schnell in andere Gemeinschaftsunterkünfte gebracht werden sollen.

Regierungspräsident Christoph Hillenbrand kann die Frage nicht ganz beantworten: „Unser Mietvertrag läuft über fünf Jahre.“ Man habe keine weiteren Pläne. „Das Grundstück gehört dem Bund, und über dessen Pläne bin ich nicht informiert.“ OB Dieter Reiter schüttelt den Kopf: „Es geht hier um eine Frage der Menschlichkeit, und nicht darum, wie viel ein Baugrundstück künftig wert ist.“ Applaus.

Einer fragt, wieso die Asylbewerber Handys haben. Es ist eine Frage, die Regierungspräsident Hillenbrand sichtbar berührt. „Ich war selbst in Tansania“, erzählt er spürbar abgekämpft von Dutzenden ähnlicher Veranstaltungen in den vergangenen Monaten. „In Afrika habe ich Menschen Pferdefuhrwerke selber ziehen sehen. Und auch diese Menschen haben ein Handy.“ Ein Mobiltelefon koste in Afrika 35 Euro, eine Minute Gesprächszeit von München nach Afrika einen Cent. Dort gibt es oft kein Festnetz.“ Und dann erklärt Hillenbrand mit lakonischer Stimme: „Wenn ich in der Bayernkaserne wär und meine Frau noch in einem Flüchtlingscamp im Libanon, ich würde auch mit ihr telefonieren wollen.“ Tosender Applaus.

Das sagen die Anwohner:

Nichts Verwerfliches!

"Wenn mal 50 bis 100 Flüchtlinge auf einer Wiese in der Sonne sitzen, ist ja daran nichts Verwerfliches. Es ist beunruhigend, dass rechte Gruppierungen auf dem Rücken der Flüchtlinge Stimmung machen. Die Leute werden aufgehetzt, obwohl wir keine negativen Erfahrungen mit den Flüchtlingen gemacht haben."

Carsten (43) und Nan-A Nadolny (41), Diplom-Ingenieure aus Freimann

Politik hat zu spät gehandelt

Ich bin da, weil ich hören will, was die Stadt und die Regierung von Oberbayern für die Asylbewerber tun wollen. Man hätte Zeit gehabt, sich auf diese große Zahl von Menschen vorzubereiten. Dass so viele Flüchtlinge kommen, war zu erwarten. Nach der Genfer Konvention hat jeder Flüchtling ein Anrecht auf ein Bett.

Luca Schimmel (57), Sozialpädagogin

Mein Studio liegt gegenüber

Für mich ist es wichtig zu wissen, wie es am Standort Lotte-Branz-Straße weitergeht. Die Besucher meines Fitness-Studios reagieren unterschiedlich auf die Situation im Umfeld der Erstaufnahmeeinrichtungen. Ich höre alles – von positiven bis abfälligen Äußerungen.

Dieter Walz (53), Unternehmer

Viele Anwohner fehlinformiert

Mich stört, dass so viele Anwohner falsch informiert sind darüber, wo und wie die Flüchtlinge herkommen. Viele fragen sich, warum die Flüchtlinge Handys haben. Dabei ist es doch klar, dass sie Kontakt zu ihren Angehörigen haben wollen, die irgendwo im Ausland sind.

Julia Scholl (25), Studentin

Johannes Welte

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