Gefährliche Pannen

Klinikchef erhöht die Sicherheitsstandards

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Bei OPs können Fehler verheerend sein.

München - Seit Jahren kämpft Dr. Decker darum, Sicherheitslücken in seiner Klinik aufzuspüren und systematisch zu schließen. Aber wo genau lauern diese Gefahren?

In manchen Bereichen der Medizin gelten die Amerikaner als Vorreiter. Ihre neuen Therapien und Techniken finden weltweit Beachtung. Umso mehr hat ein Bericht des angesehenen Institute of Medicine auch die deutsche Gesundheitsbranche geschockt: Die Wissenschaftler schätzen, dass es in US-Kliniken jedes Jahr 98.000 „vermeidbare Todesfälle“ gibt – so erschreckend viele, als würde in den USA täglich ein Jumbo abstürzen!

„Dieser drastische Vergleich hat in Deutschland einen Stein ins Rollen gebracht“, berichtet der Münchner Klinikchef Dr. Wolfgang Decker. „Denn allen Experten ist klar, dass auch in unseren Krankenhäusern tödliche Fehler passieren.“ Zwar existiert dazu noch keine seriöse Schätzung wie in den USA. Aber: „Wenn man die amerikanische Zahl auf unsere Bevölkerung umrechnet, käme man auf 25.000 Todesfälle pro Jahr. Und selbst wenn es weniger wären: Jeder Betroffene ist einer zu viel“, so Dr. Decker. Dazu kommt eine gewaltige Dunkelziffer von unnötigen Zwischenfällen, die den Patienten „nur“ Schmerzen oder andere Unannehmlichkeiten bescheren.

Der Leiter der Schwabinger Clinic Dr. Decker ist einer der wenigen Insider, der offen über dieses sensible Thema spricht. Kein Wunder, denn welcher Verwaltungsdirektor gesteht schon gerne ein, dass man im Krankenhaus nicht nur geheilt, sondern – im zugegebenermaßen recht seltenen Fall – auch umgebracht werden kann?

Klinikchef Dr. Wolfgang ­Decker

Seit Jahren kämpft Dr. Decker darum, Sicherheitslücken aufzuspüren und systematisch zu schließen. „Risikomanagement“ nennt man das in der Fachsprache. „Auch viele andere Häuser, gerade in München, bemühen sich intensiv und teils sehr erfolgreich um hohe Qualitätsstandards“, betont der Klinikchef. Aber es gibt immer noch viel zu tun. „Im Krankenhaus ist jeder Alltagsfehler eine Gefahr. Wenn bei der Autoproduktion jemand schlampt, bleibt der Käufer möglicherweise mit einer Panne stehen. Wenn in der Klinik jemand nachlässig arbeitet, dann steht ein Mensch vielleicht nie mehr auf.“

Aber wo genau lauern diese Gefahren? Wie können sich Ärzte, Schwestern und Patienten dagegen wappnen? In der tz legt Dr. Decker den Finger in die Wunde.

Wo die Risiken lauern

Feuer im OP: „Diese sogenannten Surgical Burns passieren immer wieder“, sagt Dr. Decker. So kommen bei sehr vielen Operationen elektronische Geräte zum Einsatz, etwa Laser, Skalpelle (Elektrokauter) oder eine Art Gefäß-Verschweißgeräte, um Blutungen zu stillen. „Wenn deren Elektroden nicht korrekt angeschlossen sind, kann der Patient Verbrennungen erleiden.“ Diese Verletzungen können gerade dann entstehen, wenn die Geräte in Kontakt mit brennbaren Flüssigkeiten wie Desinfektionsmitteln kommen.

Um Verbrennungen zu vermeiden, sollen elektrochirurgische Geräte in speziellen Halterungen verstaut werden – in der Praxis werden sie oft auf Tüchern zwischengeparkt. Zudem müsse bei der OP eine Sicherung aktiviert sein – ähnlich des Fehlerstrom-Schutzmechanismus bei Elektrogeräten (FI-Schalter). „Doch das wird oft vergessen“, so Dr. Decker.

Verwechslungen bei Medikamenten:  In vielen Stationszimmern werden alle Medikamente zusammen in einem Schrank aufbewahrt. „Manchmal wird Insulin und Heparin verwechselt, weil die Fläschchen ähnlich ausschauen. Das hat schon mal dazu geführt, dass ein Patient ins Koma gefallen ist“, weiß Dr. Decker. Insulin ist ein Hormon, das den Blutzuckerspiegel senkt, Heparin ein Blutverdünner, der häufig nach OPs zur Vorbeugung einer Thrombose gespritzt wird. Es gibt auch Mittel, die man nur in kleinsten Dosen spritzt, weil der Patient sonst sterben kann. Kaliumchlorid, das bei Durchfallbehandlungen zugeführt wird, würde in hoher Dosierung das Herz lähmen. Nicht auszudenken, wenn es aus Versehen statt Natriumchlorid (Kochsalzlösung) als Infusion verabreicht würde. „Deshalb sollte man bestimmte Medikamente strikt getrennt lagern.“

Krank durch Medikamente: „Immer wieder werden Patienten Tabletten verabreicht, die sich nicht vertragen“, sagt Dr. Decker. Sein Tipp: „Lassen Sie Ihre Medikamente auf Wechselwirkungen überprüfen. Fragen Sie nach, ob die Klinik eine spezielle Sicherheitssoftware zur Abgleichung der Medikamente einsetzt.“

Falsche Laborwerte: „Manchmal kann es sinnvoll sein, auf einer Überprüfung der Laborwerte zu bestehen – beispielsweise, wenn sie ungewöhnlich hoch sind“, erläutert Dr. Decker. „Leider werden in vielen Fällen sofort Medikamente verabreicht, ohne einen Messfehler in Betracht zu ziehen.“

Der Kampf gegen die Killer-Keime: Vor allem schwer zu behandelnde MRSA-Bakterien werden häufig von Patienten eingeschleppt. „Einer von 5000 Einwohnern stirbt an einem Problemkeim“, sagt Dr. Decker, „statistisch gesehen ist das Risiko höher, als durch einen Autounfall ums Leben zu kommen.“ Deshalb sei es sinnvoll, jeden Patienten bei der Aufnahme genau zu testen. Dazu gehöre auch ein Antibiogramm. Es gibt Aufschluss darüber, welche Antiobiotika-Medikamente gegen bestimmte Keime wirken könnten.

Ganz wichtig: „Wenn Sie im Krankenhaus jemandem die Hand schütteln oder aufs Klo gehen, sollten Sie sich hinterher stets die Hände desinfizieren. Achten Sie darauf, dass sich auch die Klinikmitarbeiter vor und nach jedem Hautkontakt die Hände desinfizieren.“

Minderwertige Verbrauchsmaterialien: Nicht immer nehmen die Ärzte die besten Medizinprodukte her, sondern kostengünstigere, die ihnen die Klinikverwaltung vorschreibt. „Es gibt etwa bei Kanülen größere Qualitätsunterschiede. Das kann dazu führen, dass eine Nadel schneller kaputtgeht. Man muss den Patienten dann unnötigerweise nochmal stechen.“

Andreas Beez

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