Kunstsammler hat einen Brief verfasst

Gurlitt: Ein Lebenszeichen vom Phantom

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Hier wohnte Cornelius Gurlitt

München - Auf dieses Lebenszeichen hat die komplette Kunstwelt gewartet – und nicht nur die. Der Schwabinger Kunstsammler Cornelius Gurlitt hat sich mit einem Brief zu Wort gemeldet.

Cornelius Gurlitt (79), Münchner Kunstsammler mit Nazi-Raubkunst-Bildern sagenhaften Werts in seiner Schwabinger Privatwohnung, hat nun dem Spiegel ein paar Zeilen geschickt, getippt auf einer alten Schreibmaschine – ganz offiziell mit seiner Adresse, Artur-Kutscher-Platz 1, fünfter Stock, 80802 München.

Darin schreibt er, er habe gehört, dass im Blatt ein Artikel erscheinen solle, „in welchem der Name Gurlitt in Druckschrift erscheint“, und weiter: „Darf ich Sie bitten, diesen Namen in Zukunft freundlicherweise nicht mehr in Ihrem in Deutschland hochgeschätzten Blatt erscheinen zu lassen. Es könnte sonst leicht der Eindruck entstehen, Dr. H. Gurlitt, der nach den Nürnberger Gesetzen ein Mischling zweiten Grades war, habe einstmals Zeitungs-Artikel verfasst, die in weithin bekannten Zeitungen wie Das Reich oder Völkischer Beobachter veröffentlicht worden sind.

Mit bestem Dank im Voraus und mit freundlichen Grüßen, Cornelius Gurlitt.“

Seinen Namen hat Gurlitt per Hand unter die kurze Mitteilung geschrieben. Mit „Dr. H. Gurlitt“ ist Cornelius’ Vater Hildebrand gemeint. Der Brief: ein Lebenszeichen des Phantoms!

Die Wogen dürften sich weiter hochschaukeln. Alle Verwandten, die die tz ermittelt hat, wissen angeblich nicht, wo sich Cornelius Gurlitt aufhält. Laut Spiegel machen sie sich auch deshalb Sorgen, da der 79-Jährige schwer herzkrank sei. Weder in München – obwohl das französische Magazin Paris Match ihn in einem Kaufhaus in Schwabing gesehen haben will, ein Foto kursiert im Internet – noch in Salzburg ist der scheue Mann gesehen worden. Was die in München lebende Cousine zweiten Grades über Cornelius Gurlitt zu sagen hat und wie es ihr geht, lesen Sie unten.

Verwandter Gurlitts schaltet Polizei ein

Dr. Nikolaus F. ist der Schwager Cornelius Gurlitts. Der Mann und seine (mittlerweile verstorbene) Frau waren offensichtlich die Einzigen, die mit dem Bildersammler Kontakt hatten. Der Schwager lebt im schwäbischen Kornwestheim und hat jetzt laut LKA Baden-Württemberg die Polizei Ludwigsburg eingeschaltet. Grund: Er ist im Besitz „22 wertvoller Kunstobjekte“ (LKA), wovon „einige im Zusammenhang mit dem Münchner Kunstfund“ stünden. Das Medienecho ist ihm wohl auf den Magen geschlagen – und jetzt hat er Zweifel, ob seine Kunstwerke bei ihm noch sicher sind.

Und so rückten am Samstagnachmittag in Kornwestheim ein VW-Kombi und ein Benz an – mit vier Zivilpolizisten im Inneren. Laut bild.de holten die Beamten Altpapier, um die Werke mit Papier zu umwickeln. Keine halbe Stunde später war die Aktion beendet. Die Werke sind nun laut LKA „an einem sicheren Ort“. F. war gestern telefonisch nicht zu erreichen.

Doch die Kunstsicherung in Kornwestheim ist nicht die einzige Neuigkeit: Laut Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung sind einige Werke der in Schwabing beschlagnahmten Sammlung (Schätzwert: rund eine Milliarde Euro) schon 1956 in New York und San Francisco im Rahmen der Ausstellung A Mid-Century Review öffentlich gezeigt worden. Da staunt der Laie und der Fachmann doppelt.

Erstens: Die Ausstellung wurde von Deutschland finanziert und stand unter deutscher Schirmherrschaft. Zu den Leihgaben Gurlitts – die laut dem Blatt 23 Werke umfassten – zählten Bilder von Klee, Kandinsky, Nolde, Kirchner. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie aus dem Schwabinger Schatz stammen. Doch damals hatten sich weder die BRD noch die USA um die ungeklärte Herkunft gekümmert.

Zweitens: Nicht alle bisher als sensationelle Neuentdeckungen gefeierten Werke sind auch so neu. So hat der Kunst-Detektiv Willi Korte laut Frankfurter Allgemeine entdeckt, dass Otto Dix’ Selbstbildnis mit Zigarre bereits 1950 bekannt war: Der Beleg – ein Kärtchen, das Hildebrand Gurlitt die Freigabe des Gemäldes von den Amerikanern bescheinigt – ist nun aufgetaucht. 125 Kunstwerke, so Korte zur FAZ, seien in der fünfseitigen Liste verzeichnet. Auch Beckmanns Löwenbändiger ist gelistet. Korte kann sich vorstellen, dass die 125 Werke, die Mehrzahl Bilder, „die Highlights des Münchner Funds“ darstellen. Doch weil die Liste nicht vorliegt, kann er nichts abgleichen. Auch Korte fordert nun, dass die Ermittlungen schneller gehen müssen. Er plädiert für eine Task Force von Experten. Der Druck wächst auf die Ermittler.

Ein bisserl Druck fällt vielleicht von Cornelius Gurlitt ab. Laut Bericht des Zollkriminalamts ans Bundesfinanzministerium stammen die 315 als „entartet“ beschlagnahmten Kunstwerke aus seiner Wohnung „ausschließlich aus staatlichen und städtischen Museen“ (…). Das berichten Focus und Bild am Sonntag. Cornelius’ Vater Hildebrand Gurlitt hatte demnach dem Propagandaministerium rund 200 „entartete“ Kunstwerke abgekauft – für 4000 Schweizer Franken. Macht 20 Franken pro Bild …

„Ich schäme mich für unsere Familie“

In einer Dachgeschosswohnung unweit des Englischen Gartens blickt eine 84-jährige Dame fassungslos auf die Zeitungsartikel, die sich mit einem Verwandten beschäftigen. Jemandem, der den gleichen Name trägt wie sie: „Ich schäme mich so für unsere Familie“, so Maria Gurlitt (84), die Tochter des Kunsthändlers Wolfgang Gurlitt (1888–1965), der nach dem Krieg bis zu seinem Tod eine Galerie in den Hofarkaden an der Residenz besaß. Seine Ehefrau führte die Galerie bis zu ihrem Tode 1976 weiter. Wolfgang Gurlitt war der Cousin des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt (1895–1956), Vater von Cornelius Gurlitt, dessen Kunstschatz weltweit für Schlagzeilen sorgt.

„Mein Vater wollte nie etwas mit seinem Cousin zu tun haben, wir Kinder sollten ihn darum auch nie sehen“, so Maria Gurlitt. Sie leidet sehr unter den Schlagzeilen und den Vorwürfen, die auch gegen ihren Vater erhoben werden, dem man vorwirft, für die Nazis beschlagnahmte Kunstwerke verkauft zu haben. Maria Gurlitt: „Glauben Sie mir, mein Vater war kein schlechter Mensch.“ Wolfgang Gurlitts Familie lebte vor dem Krieg in Berlin, wo Wolfgang die Galerie seines Vaters Fritz weitergeführt hatte. Während des Krieges wurde ins Ferienhaus in Bad Aussee umgezogen. Nach ’45 stattete Gurlitt das Kunstmuseum Lentos in Linz, das zunächst seinen Namen trug, mit Kunstschätzen aus seinem Fundus aus.

Ob es sein kann, dass Cornelius Gurlitt auch Bilder ihres Vaters hortete? „Sie machten keine Geschäfte, außerdem ist alles im Krieg in Berlin verbrannt.“

J. Welte

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