Wegen 1,65 Euro

Supermarkt-Hausverbot für halbblinde Seniorin: „Bin doch keine Diebin“

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Waren für 21,36 Euro kaufte Maria Z - Zucker und Zitrone übersah sie im Korb.   

Weil eine 83-Jährige eine Zitrone nicht bezahlte, hat sie in ihrem Supermarkt in Schwabing Hausverbot bekommen. Die fast blinde Frau spricht von einem „fürchterlich peinlichen Missgeschick“. Doch die Filialleitung bleibt hart.

München - Maria Z. (83, Name geändert) kann immer noch nicht fassen, was ihr vor einigen Wochen in ihrem Stamm-Supermarkt in Schwabing passiert ist. Wie so oft seit acht Jahren war sie am 31. August mit ihrem Rollator und einem Korb in ihrem Edeka-Markt einkaufen. An der Kasse legte sie Käse, Joghurt, Brot, Mandarinen – insgesamt zwölf Artikel – auf das Band. „Eine Zitrone und ein Packerl braunen Zucker habe ich einfach nicht in meinem Korb gesehen“, sagt die Münchnerin. „Ich bin ja auch so gut wie blind.“ Deutlich sichtbar trägt die 83-Jährige ein Blindenabzeichen an ihrer Jacke. Auf einem Auge hat Maria Z. noch zehn Prozent Sehfähigkeit, auf dem anderen fünf.

Das nutzte ihr an jenem Donnerstag nichts. Am Ausgang stoppte sie ein Ladendetektiv. „Ich dachte, mich trifft der Schlag, als er mich mitgenommen hat.“ Die Seniorin wurde beschuldigt, gestohlen zu haben. „Aber ich habe die Sachen in meinem Einkaufskorb einfach nicht gesehen“, beteuert sie. „Geklaut, mit Absicht – das habe ich doch mein Lebtag noch nicht.“ Zudem wäre es ja auch „völlig idiotisch“, im Stammladen etwas mitgehen zu lassen. „Ich bin nicht mehr so gut zu Fuß. Wo soll ich denn jetzt einkaufen?“

Rentnerin muss 100 Euro zahlen und bekommt Hausverbot aufgebrummt

21,36 Euro zahlte Maria Z. an diesem Tag für ihren Einkauf. 1,65 Euro beträgt der Wert der Waren, die sie – wie sie betont, versehentlich – nicht auf das Band gelegt hat. „Das war wirklich nur ein fürchterlich peinliches Missgeschick“, sagt die 83-Jährige. Aber der Detektiv habe nur gemeint: „Diebstahl ist Diebstahl.“ Dass sie Zitrone und Zucker unter ihrer Stofftasche hatte, habe sie nicht bemerkt. „Ich wollte Platz in meinem Korb für die Einkäufe machen, die Sachen müssen dabei versehentlich unter die Tasche geraten sein.“

Maria Z. musste 100 Euro zahlen und bekam Hausverbot bei Edeka. „Ich kann das nicht verstehen. Seit acht Jahren gehe ich hier einkaufen, die Verkäuferinnen haben mir immer geholfen, wenn ich etwas nicht gefunden habe“, sagt sie. „Die kennen mich doch.“ An der Kasse gebe sie den Kassierern auch immer ihren Geldbeutel, weil sie selbst die Scheine und Münzen nicht mehr so gut erkenne.

Ulrich H. (63), ein Bekannter, der sich um die 83-Jährige kümmert, kann die Entscheidung nicht nachvollziehen. Er suchte das Gespräch mit dem Geschäftsführer und versuchte, die Situation klar zu stellen. „Aber sie sind auf dem Standpunkt geblieben, gestohlen ist gestohlen.“ H. ärgert auch, dass Maria Z. ein Protokoll des Vorfalls unterschreiben musste. „Die Dame ist fast blind. Das ist ein Unding.“ Seine Bekannte sei mit der Situation völlig überfordert und verunsichert gewesen. „Da sie das alles sehr belastet und immer wieder aufwühlt, haben wir beschlossen, nichts mehr zu unternehmen.“

Edeka-Geschäftsführung bleibt hart

Maria Z. muss nun schweren Herzens in einem anderen Supermarkt einkaufen. „Ich würde mir so sehr wünschen, dass Edeka das Hausverbot aufhebt“, sagt sie. „Ich habe doch auch gutes Geld. Ich muss wirklich nichts klauen.“

Das sagt Edeka

Die Edeka-Geschäftsführung erklärt auf tz-Nachfrage, dass der durch Diebstahl entstehende Schaden für die einzelnen Kaufleute erheblich sei. Die Verluste im deutschen Einzelhandel betragen mehr als 3,7 Milliarden Euro jedes Jahr. Deshalb sehen „auch wir uns mittlerweile gezwungen, Ladendetektive einzusetzen“, heißt es in der Stellungnahme. 

Und weiter: „Auch in diesem Fall war ein Detektiv im Einsatz, welcher den Straftatbestand erkannte und aufdeckte. In diesen Fällen, in denen ein Straftatbestand erfüllt ist, bewerten wir nicht unterschiedlich und sprechen grundsätzlich ein Hausverbot aus.“ In diesem konkreten Fall sei die Kundin im Nachkassenbereich vom Ladendetektiv aufgrund eines entstandenen Verdachtsmoments diskret angesprochen worden. Der ursprüngliche Verdacht habe sich zweifelsfrei bestätigt. Die persönliche Motivation, die zu einem Diebstahl führt, könne von den Mitarbeitern und auch dem Ladendetektiv nicht beurteilt werden. Aus diesem Grund sei es wichtig, nicht fallweise und somit nicht subjektiv zu entscheiden.

Stattdessen würden alle Kunden, bei denen sich ein Diebstahl bestätigt, gleich behandelt und mit einem Hausverbot sanktioniert. Nicht selten würden diese mit Beleidigungen und Drohungen reagieren, um sich Gehör zu verschaffen oder vermeintlichen Druck aufzubauen. „Einschüchterungsversuchen wird jedoch nicht nachgegeben“, heißt es in der Stellungnahme. Die Edeka-Geschäftsführung betont zudem, dass die Ladendetektive keine Fangquote erfüllen müssten und auch keine Fangprämie erhalten.

Das sagt der Detektiv

Der Ladendetektiv Stefan D. (Name geändert) arbeitet unter anderem bei Edeka in Schwabing. „Man sieht es einfach keinem an, ob er ein Dieb ist oder nicht“, sagt der 54-Jährige, der seit fast 30 Jahren als Ladendetektiv arbeitet. 

„Ich behandle jeden, den ich beim Diebstahl erwische, gleich.“ Um Ausreden sei keiner verlegen. „So gut wie kein Täter gibt den Diebstahl zu. Die meisten sagen, es tut ihnen schrecklich leid und dass sie es nie wieder machen“, sagt der 54-Jährige. 

Viele würden „die Mitleidsnummer“ probieren und ein angeblich krankes Familienmitglied als Grund für den Diebstahl angeben. „Gelegenheit macht Diebe“, sagt Stefan D. Er habe schon jede Alters- und Einkommensklasse beim Klauen erwischt. „Ich kann einfach keine Unterschiede machen.“

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