Hochbunker verbindet Vergangenheit mit Gegenwart

In der Ungererstraße wird Kunst gebunkert

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Stefan Höglmaier (links) und tz-Redakteur Matthias Bieber mit Kopfhörern.
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Im Erdgeschoss sieht man noch die zwei Meter dicken Mauern. Aber nach dem Umbau ist alles hell und wirkt einladend
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Ein Blick ins Treppenhaus vom Erdgeschoss in den ersten Stock.
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Ein Blick ins Treppenhaus vom Erdgeschoss in den ersten Stock.
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München - Der Hochbunker in der Ungererstraße ist ein Nazi-Bau, errichtet 1943 und seit 2010 in Privatbesitz. Dort findet jetzt die Ausstellung "Die Innenwelt der Außenwelt" statt.

Im Prinzip ist die Architektur die ärmste Sau unter allen Künsten. Weil sie einem zwar auf Schritt und Tritt begegnet, aber sich kaum jemand Gedanken über sie macht. Im Gegensatz zu Klassik (wenn man nicht zum Beispiel am Goetheplatz mit unterirdischem U-Bahn-Sound bedudelt wird, armer Beethoven!), Gemälden (da muss man ins Museum) & Co. ist alles um uns herum Architektur.

Und somit treten wir ein in den Hochbunker an der Ungererstraße 158, direkt gegenüber dem nördlichen Ende des Nordfriedhofs. Denn dieser Nazi-Bau, errichtet 1943 und seit 2010 in Privatbesitz, zeigt die Faszination Architektur gleich im zweifachen Sinn. Erstens durch die Ausstellung, die zu sehen ist. Hier geht’s um den letztjährigen deutschen Biennale-Beitrag in Venedig. Der bot einen Vergleich des Deutschen Pavillons 1914 auf der Biennale in Venedig mit Sep Rufs Kanzlerbungalow 1964 in Bonn – also genau 50 Jahre später. Ein symbolischer Bau für die neue BRD: offen, demokratisch, transparent. Was für ein Kontrast zum Wilhelminischen Beitrag 1914! In der Schau "Die Innenwelt der Außenwelt" gibt’s verschiedene Zugänge zur Architekturgeschichte von Fotografien über Sprache und Film bis zu Performance und Klang. Alles soll verdeutlichen: Die Architektur ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.

Doch ein Besuch lohnt sich auch ganz unabhängig von der Schau. Der Hochbunker, erklärt der der Initiator von Euroboden Positionen, Stefan Höglmai­er (die Bauträgerfirma Euroboden hat das Gebäude gekauft und behutsam modernisiert), verrate viel über die damalige Zeit: „Es wirkt wie eine Trutzburg. Die Ideologie der Einschüchterung erreicht ihr Ziel: Der Mensch fühlt sich automatisch unterlegen. Der Bau torpediert dabei die tatsächlichen Verhältnisse: Er sieht so gar nicht nach Schwäche, nach Verteidigung aus. Er wirkt unerschütterlich.“ Dass ein Bunker in die Höhe gebaut wird, liegt aber schlicht daran, dass für Tiefengrabungen weder Zeit noch Geld vorhanden war. So macht man ideologisch aus der Not eine Tugend.

Seit vergangenem Jahr wird der Bunker mit Kunst „befriedet“, wie Höglmaier das nennt. Viele ältere Münchner harrten und hofften hier während der Bombenangriffe. „Wir erfahren viele Erinnerungen von Menschen aus der Kriegszeit“, sagt Nina Pettinato von Euroboden Positionen. Sie führt durch die Ausstellung, die sich wohl nicht jedem gleich erschließt. „Aber hier wird niemand allein gelassen.“

Höglmaier hat mit seinen erst 40 Jahren einen ganz persönlichen Bezug zur Kriegszeit. Seine Oma und seine Mutter mussten hier während der Bombenalarme Schutz suchen. Er hat sich, wenn man so will, die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte ein Stück weit angeeignet und überwunden. Gewissermaßen: die Trutzburg erobert.

Die Ausstellungsräume befinden sich im Erdgeschoss und im Keller. Im ersten Stock sind die Bürogebäude, ab Stock zwei ist der Hochbunker an Privatleute vermietet. Jede Etage umfasst 120 Quadratmeter. Zwei Ausstellungen soll es jährlich geben, immer kostenlos. Dass Kunst im Nazi-Bunker vielleicht befremden könnte, glaubt Höglmaier nicht: „Die Gesellschaft hat sich zum Glück verändert. Wir haben dem Gebäude den Schrecken genommen, ohne es zu verharmlosen. Uns ist es wichtig, dass die Menschen erfahren: Architektur ist eine Kunstform, der man sich nicht entziehen kann. Aber: Es ist genauso wichtig, Architektur zu verstehen. Sie sagt etwas über unsere jeweilige Zeit aus, in der wir leben.“

Nach der Führung sinniert der Autor des Textes darüber nach, welche Bauten in der Stadt in den vergangenen Jahren hochgezogen wurden und werden. Was nachfolgende Generationen davon halten werden? Sie werden sich vermutlich denken: Den Münchnern war es damals wohl wurscht, wie langweilig ihre Stadt aussieht. Weil München gefragt war.

Matthias Bieber

Hochbunker, Ungererstraße 158

Telefon 089/6 89 06 06 20.

Ausstellung bis 29.11.2015, geöffnet Sa./So., 14 – 18 Uhr, immer mit Führung. Unter der Woche nur nach Anmeldung unter

pettinato@euroboden-positionen.de.

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