Angst, Ärger und Unsicherheit

Klinik-Kahlschlag: Die Wut der Schwabinger

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Gibt’s wieder Demos gegen die Klinik-Einschnitte? Erst vor einem Jahr protestierten Pfleger am Klinikum Harlaching, dem jetzt die Schrumpfung droht.

München - Nach Bekanntwerden des Sanierungsplans für die städtischen Kliniken herrscht bei den Krankenhaus-Mitarbeitern Angst, Ärger und Unsicherheit. Besonders groß ist die Wut bei den Schwabingern.

Es grenzt an ein Wunder, dass am Mittwoch in den fünf städtischen Kliniken überhaupt Patienten behandelt wurden. „Die Stimmung ist besorgniserregend“, sagt der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats und Aufsichtsrat, Erhard Reinfrank. „Viele Kollegen sehen eine dunkle Wolke auf sich zukommen.“ Diagnose: chronische Finanzarmut. Behandlung: Betten-Amputation, Personal-Einschnitte, zuletzt Mitarbeiter-Entfernung. Nebenwirkung: Angst, Ärger, Unsicherheit!

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Betriebsratschef Emminger: "Es herrscht abgrundtiefe Wut"

Besonders hart trifft es die Schwabinger: Wo vor 105 Jahren die Klinik-Keimzelle war, sollen noch 200 bis 300 von 1000 Betten bleiben. „Es herrscht abgrundtiefe Wut“, sagt der dortige Betriebsratschef Christoph Emminger, der im Aufsichtsrat sitzt und gleichzeitig Landeschef der mächtigen Ärzte-Gewerkschaft Marburger Bund ist. Erst im Dezember habe OB Christian Ude (SPD) bei der Betriebsversammlung in Schwabing riesigen Applaus eingefahren, jetzt schließt er betriebsbedingte Kündigungen nicht mehr aus. Emminger grübelt: „Ich frage mich: Wieviel kann man noch auf Aussagen der Politik geben?“

Dazu komme die Geringschätzung der Mitarbeiter. Über den „Radikalschlag“, wie Emminger es nennt, wurden sogar die Betriebsräte am Mittwoch um 17 Uhr lediglich über das hauseigene Intranet informiert. „Die Kollegen machen eine verdammt schwere und hochkompetente Arbeit, es geht um Leben und Tod. Wir sind doch keine Arbeitssklaven“, sagt Emminger. „Das merken sich die Mitarbeiter.“

Sanierungsplan sei nach all den Jahren ein "Armutszeugnis"

Jetzt fangen die Diskussionen unter den 8000 Mitarbeitern erst an: Betriebsversammlungen, Betriebsratssitzungen – überall könnten die Kollegen Proteste beschließen. Dazu der Streit am Donnerstag im Stadtrat, am Freitag im Aufsichtsrat. Wenig lindernd dürfte nicht nur die Kommunalwahl am 16. März wirken, sondern auch die im Mai anstehende Betriebsratswahl der Kliniken.

Am größten ist die Angst bei den kleinsten Mitarbeitern: Um die Hilfskräfte stehe es „kritisch“, sagt Verdi-Fachbereichsleiter und Aufsichtsrats-Vize Dominik Schirmer. Sie schuften in Küche, Hausmeisterei und Verwaltung und bangen jetzt am meisten. „Wir werden alles tun, damit keiner auf der Straße steht“, sagt Schirmer. Ärzte und Pfleger dürften dagegen laut Gewerkschaften an anderen Kliniken mit Handkuss eingestellt werden. Verdi fordert mittlerweile eine „Sanierungsvereinbarung“, nach der die Bosse Rechenschaft über alle Jobs ablegen müssen. Der Verdi-Mann saß bei der Bekanntgabe am Mittwoch noch neben dem OB und rückt jetzt von der Stadt ab: Der Sanierungsplan sei nach all den Jahren ein „Armutszeugnis“. Jetzt sei der Zeitdruck so groß, dass die Sanierung umso schmerzhafter verlaufe. „Ausbaden müssen es die Beschäftigten.“

"SPD und Grüne haben jahrelang geschlafen"

Das sehen auch CSU und FDP so. „Fünf Jahre Misswirtschaft durch Parteibuchbesetzungen und drei Jahre Passivität“, wirft CSU-Fraktionschef und OB-Kandidat Josef Schmid Rot-Grün vor. FDP-Kollege Michael Mattar sagt: „SPD und Grüne haben jahrelang geschlafen und bekommen jetzt die Quittung dafür.“

Die Alternative zur Sanierung sei die Pleite, hatte der OB gesagt. Münchens SPD-Chef Hans-Ulrich Pfaffmann verteidigt den Kahlschlag: „Wir sagen das vor der Wahl. Die Stadtregierung tut alles für den Erhalt der Jobs und der Gesundheitsversorgung.“

David Costanzo

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