Erst sanieren, dann die Preise hoch

Miete rauf - das sind die nächsten GBW-Opfer

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Chafai N. (l.) und seine Nachbarn sollen ab Oktober mehr Miete zahlen.

München - Wieder die GBW, wieder Schock-Nachrichten, wieder Mieter in Angst. Das Wohnungsunternehmen, das an ein Konsortium unter Führung des Konzerns Patrizia verkauft worden war, hat neue Pläne – und die Mieter haben Sorgen:

Chafai N. (62) hat Angst, seine Wohnung zu verlieren. Als Busfahrer verdient er 1800 Euro im Monat – doch ab Oktober soll er 1360 Euro Miete für 95 Quadratmeter zahlen! Um 99 Euro will die GBW die Miete in seiner Wohnanlage in Schwabing hochsetzen.

„Wie soll ich mit Geld, das dann übrig bleibt, noch leben?“, fragt er. „Ich bin doch Busfahrer – und kein Pilot.“ N. muss nicht nur für sich sorgen: Außer ihm wohnen noch seine Frau und zwei der drei Kinder in der Wohnung. Er bekommt zwar einen kleinen Zuschuss vom Amt, doch das Geld ist knapp. Wie N. geht es 32 weiteren Parteien in der Marianne-Brandt-Straße 9. Die Anlage wurde 2007 im Rahmen des Sozialen Wohnungsbaus errichtet. Viele Mieter verdienen so wenig, dass sie einen Zuschuss bekommen. Eine Erhöhung ist für sie doppelt hart – denn das Amt zahlt ihnen deswegen nicht mehr Geld.

Und auch für die anderen wird es knapp: „Das ist doch Erpressung“, findet LKW-Fahrer Manfred Kellner (60). „Für die Miete hier kriege ich langsam schon eine Wohnung auf dem freien Markt.“

Bereits 2010 hatte die GBW die Miete in der Anlage erhöht. Letztes Jahr drohte sie wieder eine Mieterhöhung an – die sie nach öffentlichen Protesten wieder zurücknahm.

Chafai N. ist sich sicher: Die Spirale wird sich weiterdrehen. „Nach zwei Jahren wird die Miete wieder um 100 oder 150 Euro hochgehen. Und irgendwann werden wir rausmüssen.“

Und die GBW? Eine Sprecherin sagte auf tz-Nachfrage: „Mieterhöhungen sind ein selbstverständlicher und notwendiger Teil unseres Wirtschaftens.“ Um „soziale Härten zu vermeiden und kinderreiche Familien zu unterstützen“, sei die Erhöhung in der Wohnanlage in der Marianne-Brandt-Straße auf 99 Euro begrenzt worden. Aber auch das ist viel Geld …

Erst sanieren, dann Miete hoch

Maximilian Heisler (26) ist zum ersten Mal selbst von einer drohenden Mieterhöhung betroffen. Seit Jahren engagiert er sich beim Bündnis für bezahlbares Wohnen – jetzt soll die Sanierungs-Welle auch über seine Wohnanlage schwappen. „Meine Erfahrung hilft mir aber, mich zu wehren.“

Wehren gegen den Plan der GBW, den Block in der Konradinstraße (Untergiesing) zu sanieren. Und danach die Miete um drei Euro pro qm hochzusetzen. Im Frühjahr soll es losgehen: Die GBW will unter anderem Balkone vergrößern und Fenster austauschen. Acht Monate sollen die Arbeiten dauern.

Eine Katastrophe für Bewohner wie Elisabeth M. (Name geändert). Die alte Dame (86) lebt seit 40 Jahren hier. Sie ist seit fünf Jahren bettlägrig, Pflegestufe drei. „Wie soll ich es bei dem Lärm aushalten, ich bin doch den ganzen Tag im Haus“, habe sie zu ihm gesagt, erzählt ihr Pfleger. Wie Elisabeth M. geht es vielen Mietern der rund 30 Wohnungen der Anlage. Mehr als die Hälfte der Bewohner würde die Maßnahmen gesundheitlich oder finanziell nicht überstehen, sagt Heisler.

Für die rund 50 Quadratmeter großen Wohnungen sei nach der Sanierung eine Erhöhung um 150 Euro pro Monat geplant. Wer in einer 70-Quadratmeter-Wohnung lebt, muss mit über 200 Euro mehr rechnen.

Ein Frechheit, findet Heisler. Seine Vermutung: „Die GBW will die Anlage aufwerten, um sie dann möglichst gewinnbringend zu verkaufen“. Die GBW nennt auf tz-Nachfrage andere Gründe für: Die Qualität der Wohnanlage in der Konradinstraße sei „mit Instandhaltungsmaßnahmen alleine nicht mehr dauerhaft zu erhalten.“ Selbstverständlich berücksichtige die Gesellschaft soziale Härtefälle und suche Lösungen wie „z.B. den Wechsel in eine andere Wohnanlage“.

Der Bezirksausschusses Untergiesing-Harlaching stellte derweil einen Antrag: Die Stadt soll die Anlage kaufen.

Kein Ende in Sicht?

Cornelia Poschner (46), hier mit Maximilian Heisler vom Bündnis für bezahlbares Wohnen, sagt: „Wir bekommen keine vernünftige Auskunft, was geplant ist.“ Sie zeigt das Schreiben, in dem man sie vom GBW-Verkauf informiert hat. Seit 1990 wohnt die Sachbearbeiterin in der Konradinstraße – mit Mann und Tochter (15). Sie ist sicher: Ein Ende der Miet-Erhöhungen ist auch nach den zusätzlichen 150 Euro nicht in Sicht. Momentan zahlt die Familie 450 Euro warm für 50 Quadratmeter.
Was ist mit uns Alten?

Im dunklen Loch zu sitzen, wenn saniert wird: Davor hat Maria Kraus (87) Angst. „Die jungen Leute gehen in die Arbeit, aber wir Älteren sitzen die meiste Zeit in der Wohnung“, sagt sie. „Was ist das denn für ein Leben, wenn hier acht Monate die Fenster zugehängt sind?“ Die Sanierung bringt ihr keine Vorteile, sagt sie. Und die Aussicht auf 150 Euro mehr Miete sei belastend.

45 Jahre lang hier

„Was soll der Schmarrn, wir sind doch lauter alte Leute hier“, sagt Sepp Reiserer (85). Seit 45 Jahren wohnt er schon in der Konradinstraße. Über seinen Ex-Arbeitgeber, die Post, hat er seine 50 Quadratmeter-Wohnung einst bekommen. Derzeit zahlt er rund 500 Euro. „Den Balkon vergrößern: Das braucht kein Mensch“, findet er.

Ramona Weise

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