„Wie soll ich das bezahlen?“

Eine Million Euro: Sie soll für Munitionsfund blechen - und steht vor dem Ruin

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Kampfmittel-Räumgebiet: Neun Monate später ist der Garten von Melitta Meinberger noch immer Baustelle.

Vor neun Monaten fand man auf dem Grundstück von Melitta Meinberger 15 Tonnen Weltkriegsmunition. Evakuierung und Beseitigung kosteten ein Vermögen. Nun steht die 73-Jährige vor dem Ruin.

München - Um diese Zeit hat Melitta Meinberger (73) normalerweise ihre Terrasse mit Lichterketten geschmückt. Doch dort, wo einst die Terrasse war, wo ihr Garten mit den Obstbäumen und dem Holzhäusl war, klafft eine riesige Grube voll Kies und Erde – seit März! Vor neun Monaten wurden auf ihrem Grundstück in Freimann 15 Tonnen Weltkriegsmunition gefunden und entschärft. Seitdem brennt Melitta Meinberger vor allem eines auf den Nägeln: Wer kommt für die immensen Kosten auf – und wie viel muss sie selbst übernehmen? Es geht schließlich um rund eine Million Euro!

Bei Grabungsarbeiten fand eine Firma am 3. März am Zwerg­ackerweg den hochexplosiven Kriegsschrott. Eine Sperrzone wurde errichtet, etwa 200 Bewohner mussten evakuiert werden, bevor alle am 10. April zurück in ihre Häuser durften.

„Die Arbeiter haben immer gesagt, sie dürfen bei mir nichts machen“

Seitdem wurden Schäden an den Häusern ausgebessert, ­Fassaden gereinigt, Kaputtes ersetzt. „Nur bei mir wurde nichts repariert. Die Arbeiter haben immer gesagt, sie dürfen bei mir nichts machen“, berichtet Melitta Meinberger. „Aber ich bin doch nicht schuld daran, dass hier der Sprengsatz lag!“

Obstbäume, Holzhäusl – so schön war der Garten, bevor die Bagger anrückten.

Im Jahr 1950 hatten ihre Eltern das Grundstück als Baugrund von der Bayerischen Landessiedlung gepachtet. „Zehn Jahre danach wurde es übereignet“, sagt Melitta Meinberger. Wieder 52 Jahre später, 2012, wurde beim Abriss des Nachbarhauses ein riesiges Löschbecken mit Munition im Erdreich entdeckt. Seitdem wusste Melitta Meinberger, dass unter ihrem Garten Granaten und Sprengsätze liegen.

Durch die Kampfmittelräumung im März wurde ihr Garten zu einer etwa 20 Meter langen und sechs Meter tiefen Grube. Lediglich bis 60 Zentimeter unter die frühere Grasnarbe haben Arbeiter das Loch wieder aufgefüllt. „Als Eigentümerin müsse ich den Rest übernehmen, hieß es“, erzählt die 73-Jährige. „Wie soll ich das bezahlen?“

Am 3. März wurde die Munition in Freimann entdeckt und kurz darauf ausgegraben.

„Allein um Betonplatten auf die etwa sieben auf acht Meter breite Fläche hinter der Garage zu verlegen, wären rund 13.000 Euro fällig“, sagt sie. Zwei neue Lichtschächte kosten 3300 Euro. „Und da sind Terrasse und Garten noch gar nicht mit eingerechnet!“

Richtig Angst aber bekommt sie, wenn sie an den Termin ­Anfang August im Kreisverwaltungsreferat zurückdenkt, zu dem sie mit ihrem Rechtsanwalt Dr. Florian Englert ging. „Es hieß, sie wissen noch nicht, was ich ­bezahlen muss.“ Rund 1,5 Millionen Euro hat die Stadt vorgestreckt – etwa für die Kampfmittel­beseitigung, die Evakuierung und die ­Unterbringung der ­Anwohner. Der Stadtrat beschloss am 5. April, dass ­München rund 500.000 Euro für Hotels und Sicherheitskosten übernimmt.

Bleibt gut eine Million Euro übrig. „Das Geld will die Stadt zurück“, sagt Melitta Meinberger. „Aber doch nicht von mir! Selbst wenn ich mein Haus verkaufe, in dem auch meine Tochter und ihre Familie wohnen, reicht das nicht.“ Jetzt hofft sie auf ihren Anwalt – und darauf, dass sie 2018 die Bombengeschichte endlich begraben kann.

Kein Amt will zuständig sein

Wer soll im Fall des Bombenfunds von Freimann im März bezahlen? Das prüfen die Behörden seit Monaten. Erst kürzlich ging der Bericht der Stadt beim Bayerischen Innenministerium ein. Dieses muss ihn nach Bonn an die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben weiterleiten. Lesen Sie hier die Stellungnahmen der Behörden:

Das sagt das Kreisverwaltungsreferat

„Die von der Stadt übernommenen Beträge belaufen sich auf rund 1,5 Millionen Euro. Rund 500 000 Euro für Hotels und Sicherheits­kosten übernimmt die Stadt freiwillig. Wir sind zuversichtlich, dass sich Bund und Freistaat an den restlichen Kosten beteiligen ­werden. Derzeit bleibt das dortige Verfahren abzuwarten: Die Stadt steht weiterhin in einem konstruktiven Austausch mit den zuständigen Landes- und Bundesbehörden. Das KVR hat einen Antrag über das Bayerische Innenministerium an die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben in Bonn gesandt. Welchen Betrag Frau Meinberger am Ende zu zahlen hat, ist noch offen, weil eben nicht klar ist, in welcher Höhe sich Bund und Freistaat beteiligen.“

Das sagt das Innenministerium

„Der umfangreiche Antrag der Stadt München auf Kostenübernahme ist erst vor ein paar Tagen bei uns eingegangen. Wir werden ihn jetzt prüfen und hoffen, ihn noch dieses Jahr an die Bundes­anstalt für Immobilienaufgaben in Bonn weiterleiten zu können. Prinzipiell trägt der Freistaat die Kosten für den Kampfmittelräumdienst, das heißt für die Entschärfung, den Abtransport und die Entsorgung. Doch dieser Fund musste erst aufwendig freigelegt werden, dadurch sind zusätzliche Kosten angefallen, für die der Freistaat nicht zuständig ist.“

Das sagt die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA)

„Die Zuständigkeit für die Beseitigung von Kampfmitteln liegt – im Rahmen der allgemeinen polizeilichen Gefahrenabwehr – bei den Bundesländern. Die Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, erstattet den Ländern auf der Grundlage der geltenden Staatspraxis nach Artikel 120 Grund­gesetz die erforderlichen Kosten für die Beseitigung ehemals reichseigener Kampfmittel, soweit diese auf nicht bundeseigenen Grundstücken geborgen werden. Ein Antrag des Freistaates Bayern auf Kosten­erstattung für die Beseitigung ­ehemals reichseigener Kampfmittel im Münchener Stadtteil Freimann liegt der BImA nicht vor.“

Das sagt der Anwalt

Dr. Florian Englert

Dr. Florian Englert (39) istMitglied des Fach­gremiums „Kampfmittel“ im Hauptverband der Deutschen Bauindustrie e.V. und vertritt ­Melitta Meinberger. Der Anwalt aus Schrobenhausen sagt: „Ich bin zuversichtlich, dass meine Mandantin kostenfrei aus der Sache herausgeht.“ Zahlen müsse die Bundesrepublik. Denn: „Der Bund ist rechtlich der Nachfolger des Dritten Reichs. Und bei dem Fund handelt es sich um reichseigene, nicht alliierte Munition.“ Für Englert sind die Bomben „Kriegsfolge­lasten“. Er verweist auf Artikel 120 des Grundgesetzes: „Der Bund trägt die Aufwendungen für Besatzungskosten und die sonstigen inneren und äußeren Kriegsfolgelasten.“ Deshalb müssen auch die Reparaturen an Melitta Meinbergers Haus übernommen werden. „Der Bund muss zahlen.“

Video: Glomex

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