“Es war seltsam, nach Hause zu kommen“

Freimanner Bürger wieder daheim: Hier lagen die Bomben

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Melitta Meinberger trauert um ihren Garten – und ist trotzdem froh, wieder daheim zu sein.

Nach fast vier Wochen durften am Montagabend die Menschen zurück in ihre Wohnungen in Freimann - der explosive Kriegsschrott ist beseitigt. Ein Besuch bei Melitta Meinberger, der Frau, die dank der explosiven Funde in ihrem Garten ungewollt bekannt wurde.

München - Die vergangenen Wochen waren für Melitta Meinberger zermürbend. Berge an explosiver Weltkriegs-Munition, die auf ihrem Grundstück in Freimann gefunden wurden, haben ihr Leben verändert. Jetzt scheint das Gröbste überstanden. Melitta Meinberger (72) steht am Abgrund, verzweifelt und froh zugleich. Sie lacht erst, dann weint sie ein wenig. Ja, sie kann jetzt endlich wieder auf dem Balkon ihres Hauses in Freimann sitzen. Andererseits: Sie muss sich nur über die Ba­lustrade beugen, dann schaut sie in dieses Loch. In dieses Monstrum von einer Grube, 20 Meter lang, 15 breit, sieben tief. Hier lag einmal Meinbergers Garten mit Apfelbäumen, Gemüsebeet und Holzhäuschen. 

Das war, bevor der explosive Kriegsschrott gefunden wurde und die Bagger anrollten. 16 Tonnen Munition waren es am Ende, erzählt Meinberger. Der Sprengmeister habe ihr das soeben erzählt. Auch das mit der Tellermine wisse sie von ihm: Direkt unter ihrem Gartenhäuschen, wenige Zentimeter unter der Grasnarbe, lag all die Jahre eine scharfe Mine. „Da hatte ich ja fast noch Glück“, sagt Meinberger. Jetzt ist da nichts mehr, was in die Luft fliegen könnte, das habe man ihr versichert. Nur die Sache mit den Kosten könnte ihr noch um die Ohren fliegen.

Ingesamt 16 Tonnen Munition wurden gefunden.

„Es war seltsam, nach Hause zu kommen – es ist immer noch seltsam“, sagt Meinberger. Die vergangenen Wochen hat sie bei ihrer Cousine gewohnt, im eigenen Bett durfte sie nicht schlafen. Am Montagabend durften die Menschen nach fast vier Wochen wieder zurück in ihre Häuser. „Es war seltsam, nach Hause zu kommen – es ist immer noch seltsam“, sagt Meinberger. „Der Geruch: ganz fremd.“ Erst am Montagabend durfte Meinberger wieder zurück. „Der Geruch: ganz fremd.“ Sie sitzt in ihrer Küche, auf der Anrichte kalter Kaffee und ein halbes Butterbrot. Die beiden Wandkalender hat Meinberger schon aktualisiert, die Wanduhr geht noch eine Stunde nach. Im Flur warten Meinbergers Taschen darauf, dass sie jemand auspackt. „Ich musste erst mal putzen, es ist ja alles voller Staub.“

Noch am Montagnachmittag habe man gesprengt, sagt Meinberger, kurz darauf kamen die Bewohner zurück. Die Hausbesitzerin stand noch ein wenig mit den Nachbarn zusammen, ist dann aber bald hoch in ihre Wohnung im ersten Stock. Drunter wohnt die Tochter, drüber der Enkel. Meinberger zog die Rollläden hoch, öffnete Fenster und Türen. Dann setzte sie sich in ihren Lieblingssessel, schaltete den Fernseher ein und zog die Decke bis unters Kinn. Als der TV-Beitrag über sie lief, schlief sie schon.

Melitta Meinberger hat alles aufgesogen, was in den vergangenen Wochen über sie geschrieben, gesendet und gesagt wurde. Abends lag sie lange wach, zermarterte sich das Hirn, was sie tun könnte. Tagsüber habe sie Munition und die Kosten der Bergung ganz gut verdrängen können. Sie habe gedacht: „Das darf einfach nicht sein, dass ich alles zahlen muss.“ Dann beschloss die Stadt, die veranschlagten Kosten von rund 2,2 Millionen Euro zu übernehmen. Ein Stück Hoffnung.

Darauf hat sie sich am meisten gefreut: Nach vier Wochen Exil sitzt Meinberger wieder in ihrem Lieblingssessel.

Das Loch in ihrem Garten wird jetzt aufgeschüttet, bis sechzig Zentimeter unter die frühere Grasnarbe. „Den Rest muss wohl ich selbst zahlen“, sagt Meinberger. Humus, Rasen, Pflastersteine, Lichtschächte, Zäune, Beete, Apfelbäume, Gartenhäuschen. „Ich weiß nicht, was wird. Das geht mir auf die Nerven.“ Allein die erste Abschlagsrechnung für die Bergung der Munition, 287.000 Euro, lassen Meinberger zweifeln. Sie glaubt nicht, dass die 2,2 Millionen der Stadt reichen werden…

Und doch ist da Hoffnung. Meinbergers Anwalt Florian Englert sei ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet, der gebe ihr ein sehr gutes Gefühl. „Ich hoffe, er reißt das Ruder rum“, sagt Meinberger. Vielleicht werde sie das Gartenhäuschen ein wenig versetzt wiederaufbauen, sagt sie plötzlich. Mit den Rädern sei es immer arg schwer gegangen. „Man muss eben das Beste draus machen.“

Chronik der Ereignisse

Anfang März: Melitta Meinberger weiß schon: Auf ihrem Grundstück lagert in einem alten Becken Weltkriegs-Schrott. Der wird genauer untersucht. Schätzung: Es geht um zehn Tonnen!

13. März: Um neun Uhr rückt der Kampfmittelräumdienst an, tagsüber gibt’s eine 50-Meter-Sperrzone, die niemand betreten darf.

16. März: Alles viel schlimmer! Auch brandgefährliches Phosphor ist im Becken!

17. März: Die Sperrzone wird auf 100 Meter ausgeweitet, gilt jetzt rund um die Uhr.

24. März: Verlängerung der Evakuierungszeit.

5. April: Bewohner der äußeren Sperrzone dürfen über Nacht wieder in ihre Häuser.

7. April: Gefährlichere Munition wird gefunden, die Anwohner können nicht zurück.

8. April: Es muss gesprengt werden.

10. April: Erst wird noch gesprengt, dann können die Menschen zurück.

tos

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